Donnerstag, 10. Mai 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (239): Im Kind findet sich die Essenz des Menschseins

foto: pixabay
Es zeichnet das Ego aus, dass es in vorauseilenden Gedanken Befreiung sucht. Ist jedoch die Seele nicht frei, das Herz nicht rein, dann führt und verführt dies die Menschen zu jeder Art »kirchlicher Sozialbauten«, welche die Energie der Liebe einsperren und in ihr Gegenteil verkehren.

Eine besondere Brisanz findet sich dort, wo die Identifizierung eines geistigen Führers mit Allmachts-Übertragungen seiner Anhänger verschmilzt. Die narzisstische Selbstaufwertung spiegelt sich zunächst in der Überhöhung des jeweiligen Gurus. Je großartiger er phantasiert wird, umso glanzvoller stabilisiert sich das (wackelige) Selbstbild der Anhänger.

Es entsteht eine fatale Kollusion. Der Jünger delegiert seine Selbstressourcen an den geistigen Führer, idealisiert diesen umso maßloser, je ausgeprägter die eigenen regressiven Anteile, je abhängiger und bedürftiger sie sich erweisen. Der geistige Führer wird in zunehmendem Maße der Verführung ausgesetzt, eigene narzisstische Schattenanteile und Grandiositätsphantasien durch die grenzenlosen idealisierenden Übertragungen als Beweis eigener Quasi-Göttlichkeit zu missdeuten.

Wenn dies zutrifft, was mag es dann mit dem Phänomen der »Erleuchtung« des geistigen Führers auf sich haben? Zeigt er sich frei von narzisstischen Schattenanteilen, wenn er erleuchtet ist?

Ich befürchte, solche Ideal-Vorstellungen existieren nur in den Phantasien der Jünger und stehen für narzisstische Übertragungsmuster. Sie repräsentieren das fatale Bedürfnis, eben nicht den Weg des Mystikers zu beschreiten, der sich aufmacht, Gott in sich selbst zu finden. Sondern sie verweisen auf den bequemeren Weg, Gott und das Göttliche im Außen, hier: in einem anderen Menschen, im geistigen Führer, zu suchen.

Es gibt keinen perfekten Menschen. Vollkommenheit ist eine Kategorie des Ego-Verstands, der sie nach außen projiziert. Ja, das Göttliche, die göttliche Liebe mag existieren, als Teil des Selbst, verschüttet in der Tiefe jeder Seele.

"Ja! Ein göttlich Wesen ist das Kind, solange es nicht in die Chamäleonsfarbe der Menschen getaucht ist." (Hölderlin)

Es ist das göttliche Kind und das Göttliche im Kind, das ungelebt bleibt. Kein Kind ist nur göttlich, wie Reichs »Christusmythos« oder das Zitat von Hölderlin suggerieren. Die Chamäleonsqualität, die Anpassung an die Lebensumwelt, beginnt bereits im Mutterleib. Dennoch, im Kind findet sich die Essenz des Menschseins, bereit, zur Liebe zu erwachen. In jedem Fötus, in jedem Neugeborenen, in jedem Kind findet sich die Seele nicht nur als eine psychologische, sondern auch als eine spirituelle Wesenheit.

(Fortsetzung folgt)