Dienstag, 1. Mai 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (238): Wege der Gottsuche


Allmählich klärte sich das Bild: Westliche Psychologie und Psychotherapie zeigen sich weitgehend blind für die Wirkungs- und Funktionsweise des narzisstischen Egos. Die spirituellen Traditionen, damit vertraut, zeigen sich hingegen häufig blind gegenüber der Macht von Übertragungen.

Im Laufe der Zeit durchschaute ich, dass Ego-Programme erlernte Verhaltensmuster darstellen, die verhindern, im Kontakt mit der Liebe zu sein, die in der Tiefe des Selbst verschüttet ist. Es gibt einen treffenden Begriff für einen solchen Kontakt nach innen: »reinen Herzens sein.«

Ein Herz wird unrein, wenn es sich den Konventionen und Erwartungen seiner Umwelt unterwirft und seine authentische Wahrheit zu verschweigen und zu verleugnen lernt. Bei Kindern lässt sich dieser Prozess leicht beobachten, wenn sie unbedarfte Wahrheiten aussprechen, die dem jeweiligen Elternteil die Schamesröte ins Gesicht treiben. »So etwas sagt man doch nicht ...« Oder »Das ist unhöflich«. Was eigentlich? Die Wahrheit auszusprechen? Authentischen, reinen Herzens zu sein? Aus der Tiefsee der Seele zu sprechen?

Die Wahrheit zeigt: Ein »unreines« Herz verweist auf eine Verbindung mit dem narzisstischen Ego ein, es wird berechnend, kalt, neidisch, zornig, schmerz- oder hasserfüllt. Es verliert die Fähigkeit, zu lieben. Die Märchenerzählung »Das kalte Herz« von Wilhelm Hauff, 1950 von Paul Verhoeven verfilmt, beschreibt eindrucksvoll diesen Prozess.(*FN*  Inhalt des Märchens siehe: www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/das-kalte-herz*FN*)

Entfremdet von seinem Wesen strauchelt es auf der opaken Oberfläche: Liebe, wie sie kulturell erfahren wird, zeigt sich an Bedingungen geknüpft, heftet sich an Erwartungen und Urteile. Eine solche Liebe erscheint als Tauschgegenstand, als Ware oder als Geschäft. Sie schachert um Bestätigung, Bewunderung oder sexuelle Gratifikation. Sie spielt Machtspiele. Denn sie steht dabei unter der Knute eines narzisstischen Egos, statt vom Licht eines reinen und offenen Herzens erfüllt zu sein.

Damit näherte ich mich der Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Liebe. Ich begann zu ahnen, dass sie nicht der regressive, rauschhafte Zustand der Idealisierung eines anderen Menschen sein kann, sei er Liebhaber, Therapeut oder Guru. Idealisierung in jeder Form reinszeniert eine frühkindliche Perspektive auf die scheinbar allmächtigen Eltern.

Ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis. Meine Tochter befand sich im Kleinkindalter, die Kleine fühlte sich auf einer Autofahrt auf der Rückbank von der Sonne gestört und forderte: »Mama, mach die Sonne weg!« In dieser frühkindlichen Lösung, den Eltern omnipotente, quasi-göttliche Macht zuzuordnen, findet sich eine archaische Form des narzisstischen Egos, das im Erwachsenen auf verschiedenen Ebenen weiter wirkt: In Verliebtheitsgefühlen, im Fankult, in der Verehrung politischer oder religiöser Führer und Ideologien, letztlich in allen sozialen Systemen fanatischer Gefolgschaft, die auf vergöttlichenden Perspektiven beruhen.

Das Ego sucht sich allzu gern Helden, das gilt in der Welt der Politik, der Unterhaltungsindustrie, des Sports, der Wirtschaft, der Kultur, aber auch der therapeutischen und spirituellen Szenerien. Auf letztgenannten Feldern, die sich ja die Transformation und Befreiung der Seele auf ihre Fahnen geschrieben haben und hier Thema sind, stellt es vermutlich die größte Herausforderung für einen Therapeuten, einen spirituellen Lehrer oder geistigen Führer dar. Manche Propheten, Jesus Christus, Petrus und seine Nachfolger, aber auch Osho, Adi da und viele andere scheiterten daran: Aus Bewegungen, die dem Weg zur Liebe folgten, entwickelten sich Kirchen, Kreuzritter und Kalifate mit vielen Spielarten narzisstischen Machtmissbrauchs.

(Fortsetzung folgt)