Samstag, 10. Februar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (230): Grenzen körpertherapeutischer Transformation

foto: vkd
Die körpertherapeutischen Herangehensweisen halfen dabei, diese zurückgedrängten, blockierten Emotionen in die Persönlichkeit zu reintegrieren. Eine Identifizierung mit den Gefühlen des »inneren Kindes« ging mit diesem Prozess einher.

Das narzisstische Ego, das ließ sich immer wieder beobachten, lernte, sich in körpertherapeutischen Prozessen mit den individuellen emotionalen Programmen zu identifizieren. Verdrängte oder abgespaltene Emotionen ließen sich so im Laufe des Prozesses reintegrieren. Soweit, so gut.
Damit war ein Transformationsprozess der Persönlichkeit allerdings nicht abgeschlossen. Denn was hier geschah, dürfte im besten Fall eine Umstrukturierung des narzisstischen Egos im Sinne einer Korrektur darstellen. Die vorher blockierten Gefühle zeigten sich erweitert, komplementierten im besten Fall das zwanghafte Denken und die Identifizierung mit den Konstruktionen des Ego-Verstands.

Was körpertherapeutische Therapien ermöglichten und der Klient lernte, bestand darin, vorher abgespaltene, verdrängte Gefühle und ihren emotionaler Ausdruck in die Persönlichkeit zu reintegrieren. Das Ich-Bewusstsein schloss das »innere Kind« liebevoll in die Arme. Doch war damit alles gut?

Beobachtungen an mir selbst und meiner Umgebung zeigten etwas anderes: Das Ich-Bewusstsein und die Selbst-Bezogenheit verloren nicht etwa an Intensität und Präsenz, sondern gewannen. Man erhielt den Eindruck, von lauter Egozentrikern umgeben zu sein, die sich nur mt sich selbst beschäftigten, deren Bezogenheit nur um ihr eigenes Wohlbefinden, ihre seelischen Wetterumschwünge und die sie selbst betreffenden Irritationen ihrer Umwelt kreisten. Die narzisstischen Persönlichkeitsmuster nahmen nicht ab, sie zeigten sich potenziert. Nur mit anderen Etiketten. Wo vorher »die anderen sind an allem schuld« draufstand, las man »ich bin viel geiler als die anderen«. An der Grundhaltung,
diese »Anderen« als Gradmesser der eigenen Identität zu betrachten, hatte sich nichts geändert.

Hier stieß man an eine Grenze dessen, was eine Körperpsychotherapie oder die Psychotherapie überhaupt zu leisten imstande war. Das alte »neurotische Gleichgewicht« ersetzte man durch ein korrigiertes seelisches Konstrukt. Die alte Geschichte dessen, wer man glaubte zu sein, ersetzte man durch eine neue Story. Eine Geschichte, die man sich und anderen in allem erzählte, was in der Persönlichkeit aufschien.

Doch fühlte sich der Klient automatisch in Einklang mit sich selbst und der Umwelt? Vermochte er jene Heimat und jenen Frieden in sich wahrzunehmen, die er einst verloren hatte? Lebte er Freiheit, innerlich und äußerlich, in seiner Lebensumwelt, Beziehungen und Bindungen? War die Spiegelungssucht, also der ständige Drang nach Anerkennung und Bewunderung durch andere, das fundamentale Defizit an Liebesfähigkeit, damit aufgehoben? Ließ sich dieser Weg als Beitrag zur Transformation der Persönlichkeit, zur Aufhebung der Selbstentfremdung, zur Befreiung aus der narzisstischen Falle betrachten?

Es fehlte ein entscheidender Schritt: die Des-Identifizierung der Person mit allen Gefühlen, die nach Dominanz, Macht, Kontrolle, obsessiver Artikulation oder zwanghaftem Ausdruck strebten. Solange das Gefühlsleben das Ego nährte und beherrschte, verhinderte das Ego die innere Freiheit und die Liebesfähigkeit.

Denn die Stimme des »inneres Kind« konnte im Alltag durchaus obsessiv machtbesessen und vollkommen egozentrisch und asozial agieren, als Abwehr und Widerstand im Therapieprozess wirken. Es ließ sich ein auffälliger Egozentrismus in der gesamten Körpertherapieszene beobachten, bei mir selbst, bei Klienten und Therapeuten, das mit einem deutlichen Mangel an sozialem Einfühlungsvermögen einherging. In den Verhaltensmustern und hinter allen Worten hörte ich Kinder, die verzweifelt schrien: »Ich, ich, ich!«

(Fortsetzung folgt)