Samstag, 3. Februar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (229): Annäherung an das Phänomen des Narzissmus

foto: pixabay
Der Mammon erwies sich in der Szene als Tabuthema, man sprach nicht darüber. Dennoch schien es ein Gradmesser dessen zu dienen, was man für Erfolg hielt. Also alles wie im Leben, wie in der Gesellschaft, die uns umgab. Wie sollte es anders sein?

Nur: Befriedigend, erfüllend, glücklich machte das alles nicht. I can’t get no satisfaction blieb eine unausgesprochene Wahrheit, auch in den Transformationsversprechen der modernen Körpertherapien.

Später fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Antrieb all dieser Ambitionen fand sich in den Konstruktionen meines Ego-Verstands, jenen Rationalisierungen, die all das schön redeten, was an Widersprüchen und Unbehagen aufschien. Die sich nur daran interessiert zeigten, sich die konventionellen Symbole des Geliebtwerdens einzuverleiben und diese zu vermehren: soziale Anerkennung und Geld. Zeigte sich hier nicht die Bankrotterklärung von Liebesfähigkeit?

Ich sprach und lehrte über die Transformation der Persönlichkeit, über das energetische Strömen in Körper und Seele. Aber, Hand auf Herz, ich selbst fühlte mich nicht ständig lebendig und frei, sondern häufig gestresst, arbeitswütig und verbissen. Befand ich mich also auf dem besten Weg, als wichtigtuerischer »Wahrheitskrämer« (W. Reich) zu enden, der Körper und Lebensenergie in seine Wirklichkeitskonstruktion eingebaut hatte anstatt zum Beispiel Aktienhandel oder Gesetzesinterpretationen?

Denn in Wahrheit deutete alles darauf hin, dass ich aus narzisstischen Bedürfnissen nach Anerkennung und Erfolg agierte. Meine Aufmerksamkeit richtete sich nach außen, auf die phantasierten Blicke und antizipierten Urteile anderer. Meine Persönlichkeit erwies sich nicht als frei, trotz jahrelanger Therapie, Orgasmusreflex und vegetativem Strömen. Etwas stimmte hier nicht. Ich fühlte mich in einer Falle, gefangen in einem narzisstischen Teufelskreis aus Gedankenkonstrukten und der Gier nach Anerkennung.

Bei Weggefährten, in Beziehungen, wie sah es denn da aus? Offenbar auch nicht anders. In den sozialen Zusammenhängen, in denen ich mich bewegte, spielten bei genauem Hinsehen Rivalitäten und Machtambitionen eine ebenso zentrale Rolle wie die endemischen Bedürfnisse nach Anerkennung und Bewunderung. Hörte ich meinen eigenen Reden und denen anderer genau zu, dann stand hinter allem eine unausgesprochene Botschaft: »Finde das, was ich sage, toll. Halte mich für wichtig, bewundernswert, einzigartig, besonders, speziell, liebenswert. Liebe mich.«

Eigenartig. In mir wuchs allmählich die Erkenntnis heran, dass Narzissmus, die Gier nach den anerkennenden Blicken der Anderen, verbunden mit innerer Leere oder Armut, mehr darstellte als nur die Pathologie einer »Persönlichkeitsstörung«, wie es die vorherrschende Lehrmeinung seit Kohut suggerierte. Phänomene des Narzissmus schienen in jeder Persönlichkeit auf, in unterschiedlichen Ausprägungen. Sie präsentierten sich ubiquitär, überall um mich herum. In ihnen zeigte sich zudem eine Schattenwelt, die sich durch die Geschichte der Psychotherapie zog.

Grandiositätsphantasien zogen sich wie ein roter Faden von Freud über Jung und Reich bis hin in die aktuelle Generation von Psychotherapeuten. Nebenher, aber nicht zu verleugnen, ging dies einher mit Varianten subtilen narzisstischen und bisweilen sogar offenen sexuellen Missbrauchs von Klienten, ebenso tabuisiert wie verbreitet.

Wie wirkten sich narzisstische Persönlichkeitsmuster auf die therapeutische Arbeit aus? Welche Fragestellungen ergaben sich hierfür insbesondere in der Körpertherapie?

In der Kindheit lernte der Mensch, Gefühle und Emotionen in sich zu kontrollieren. Dies entsprach den jeweiligen Erwartungen und Rollenzuweisungen des sozialen Systems, in dem er aufwuchs. »Ein Junge weint nicht, ein braves Mädchen lächelt immer nur, aber wird nicht aggressiv.«

Entsprechende charakterliche und körperliche Blockierungen entwickelten sich, um bio-emotionale Impulse zurückzuhalten und zu kontrollieren. Letztere standen später dem erwachsenen Menschen nicht mehr zu Verfügung. Wenn der Junge lernte, den Ausdruck von Trauer in sich zu chronisch zu kontrollieren, um sich niemals mehr verletzlich zu zeigen, vermochte er als erwachsener Mann nicht mehr zu weinen. Das Mädchen, das lernte, aggressive Impulse zurückzuhalten, um »brav« zu erscheinen, lächelnte als erwachsene Frau auch dann noch, wenn ihre Grenzen massiv überschritten wurden. Der zum Mann herangewachsene Knabe ließ weiche, zarte Gefühle nicht mehr zu, das zur Frau erwachsene kleine Mädchen vermochte nicht mehr klar und vehement für seine Interessen kämpfen.

(Fortsetzung folgt)