Sonntag, 3. Dezember 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (210): Was die Funktion des Orgasmus mit Wilhelm Pieck zu tun hat ...


Eine besonders eindrucksvolle Lektion in Sachen DDR-Diktatur vermittelte ein eintägiges Seminar in Ostberlin mit dem Titel »Wilhelm Reich und die Funktion des Orgasmus«. Im Gegensatz zu unseren meisten Aktivitäten fand dies nicht im privaten, sondern im halböffentlichen Raum statt. Diese Aufgabe erfüllte in der DDR stets die evangelische Kirche, organisatorisch und physisch.

Die Veranstaltung sollte in einem erstaunlich modernen Kirchengebäude in Bezirk Lichtenberg stattfinden. Als ich hereinkam, waren bereits alle Plätze besetzt. Dutzende Zuhörer hatten keinen Sitzplatz gefunden, standen zwischen und an den Wänden oder saßen auf dem Boden. Einige Hundert Zuhörer interessierten sich für diesen Vortrag, den ich gemeinsam mit meinem damaligen Vorstandskollegen aus der Wilhelm-Reich-Gesellschaft, dem leider früh verstorbenen Heiko Lassek, halten sollte. Heiko und ich wechselten uns ab und referierten das gesamte Leben und Werk von Wilhelm Reich im Rahmen dieses eintägigen Seminars.

In der Pause wies man uns auf zwei auffällig unauffällige Männer in der letzten Reihe hin, die sich eifrig Notizen machten (was nicht weiter auffiel, denn Aufzeichnungen machten sich viele Anwesende). Bald kam ich auf die Phase von Reichs politischen Aktivitäten Anfang der 30er Jahre zu sprechen. Dazu muss man wissen, dass Reich der damaligen kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) angehörte, aber seine eigene »Massenorganisation« leitete, die Sexpol. Es handelte sich um eine sexualpolitische Organisation, die zeitweise bis zu 100.000 Mitglieder zählte und sich u. a. für kostenlose Verhütungsmittel, die Aufhebung des Abtreibungsverbotes, Sexualaufklärung von Jugendlichen u. ä. einsetzte. Diese sexualpolitische Organisation und Reichs Aktivitäten erschienen jedoch der herrschenden stalinistischen Parteiführung als Dorn im Auge. Mit großem Tamtam schloss man Reich aus der KPD aus. Als Hauptgegner im Politbüro der KPD zeichnete damals ein gewisser Wilhelm Pieck, der sich vehement dafür engagierte, Reich mit seiner Sexualpolitik kaltzustellen.

Die Ironie der Geschichte wollte es, dass dieser Wilhelm Pieck zwischen 1949 und 1960 das Amt des ersten und einzigen Präsidenten der DDR bekleidete, hochverehrt und überall mit seinem Namen präsent. Ich empfand eine gewisse Befriedigung darüber, dass die schmählich ausgegrenzte Wahrheit Wilhelm Reichs auf diese Weise in die DDR 50 Jahre später ihre verdiente Aufmerksamkeit erhielt.
Ich kann allerdings nicht verhehlen, dass eine gewisse Nervosität in der Wahl der Formulierungen bei diesen brisanten politischen Themen in meiner Stimme mitschwang. Ich bekam eine Ahnung davon, was es bedeutet, in einer Diktatur öffentlich seine Stimme zu erheben, wenn man weiß, dass der Zensor aufmerksam zuhört.

Aber ich hatte mir vorgenommen, keine Selbstzensur auszuüben, auch angesichts der Stasi-Überwachung des Vortrags. Mehr als ein Einreiseverbot hätte mir als Bürger des freien Teils Deutschlands glücklicherweise nicht passieren können.

Noch eindrucksvoller als die politischen Themen erwiesen sich die Reaktionen auf die Funktion des Orgasmus. Als ich Reichs Orgasmustheorie referierte, die sich ja von allen bekannten sexualwissenschaftlichen Modellen grundlegend unterscheidet (Reich sah in der Funktion des Orgasmus die zentrale Erkenntnis seines Lebenswerks. Die Orgasmusformel »mechanische Spannung - energetische Ladung - energetische Entladung - mechanische Entspannung« erklärte er später zur Lebensformel schlechthin. Reich betrachtete den Orgasmus als eine ganzheitliche Erfahrung, die den ganzen Körper und die Seele des Menschen betrifft. Orgasmusstörungen geben für Reich Hinweise auf körperlich-seelische Blockaden und bilden den Nährboden jeder Neurose), wurde es mucksmäuschenstill im Auditorium. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Dies vermittelte mir eine anschauliche Vorstellung darüber, wie es Anfang der 30er Jahre Reich selbst ergangen sein dürfte, als er im Rahmen der Sexpol in Berlin regelmäßige Vorträge vor Tausenden von jungen Menschen hielt.

Unsere Veranstaltung erzielte einen vollen Erfolg. Der Gemeindepfarrer zeigte sich am Ende der Vorträge so berührt, dass er alle Anwesenden bat, mit ihm gemeinsam das Lied »Der Mond ist aufgegangen« zu singen. Ich spürte deutlich: Die Herzen der Menschen hatten sich geöffnet, der Raum war erfüllt von menschlicher Verbundenheit und Wärme. Die Stasi-Beamten sangen nicht mehr mit, sie verschwanden kurz vorher. Heiko und ich fuhren glücklich, aber auch erleichtert zurück über die Friedrichstraße nach West-Berlin.

(Fortsetzung folgt)