Samstag, 4. November 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (203): Von Wilhelm Reich zur "Körperpsychotherapie"

Das Wilhelm-Reich-Museum in Rangeley, Maine, USA
Aus dem Kreis der Schüler von Michael Smith bildetet sich der organisatorische Kern, aus dem ca. 1985 das Ströme-Zentrum für Reichianische Körperarbeit hervorging, das seinen Sitz in der Grunewaldstraße in Berlin-Schöneberg nahm und als dessen Leiter ich fungierte.

Parallel rief ich Mitte der 80er Jahre den »Ströme-Rundbrief für Reichianischer Körperarbeit« ins Leben, historisch betrachtet die erste deutschsprachige Zeitschrift für Körpertherapie. Es erschienen mehrere Jahrgänge zu einer Zeit, als die Anstrengungen der Körpertherapie sich in Richtung gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Akzeptanz bewegten. Ich vertrat in meiner Zeitschrift den kritischen Gegenpart, warnte vor einer zu starken Assimilierung an die vorherrschenden gesellschaftlichen Werte und Normen und den damit verbundenen Substanzverlust.
Diese leidenschaftlich geführten Diskussionen kulminierten in der Etikettierung der neoreichianischen Körpertherapien als sog. »Körperpsychotherapie«. Ein Begriff, der sich damals durchsetzte und bis heute als Standardbezeichnung für die dynamischen Körpertherapien genutzt wird.

Sieht man genauer hin, fasst er mehrheitlich die Körpertherapieschulen zusammen, die auf Schüler und Schülerinnen von Wilhelm Reich zurückgehen: bioenergetische Analyse, biodynamische Psychologie, Biosynthese, Hakomi, integrative Körperpsychotherapie, Orgodynamik, posturale Integration, Radix, Unitive Körperpsychotherapie, organismische Körpertherapie, Core-Energetics, emotionale Reintegration u. a.

Die Position, den ich damals vertrat, kritisierte die Gleichsetzung der Methodik Reichs mit Psychotherapie. Hier erkannte ich eine Verkürzung, die mir als unzulässig erschien, da sie die bahnbrechende energetische und soziale Dimension von Reichs Modell ausklammerte. Zudem diagnostizierte ich diese Begrifflichkeit als Anbiederung an den herrschenden psychotherapeutischen Diskurs. Allein das Ziel einer Anerkennung als seriöse therapeutische Methode stand im Fokus. Deshalb mussten die radikalen und revolutionären Elemente, wie z. B. die Funktion des Orgasmus, die sozialen und energetischen Dimensionen von Reichs Herangehensweise ausgeblendet werden. Nicht ohne Augenzwinkern bleibt festzustellen, dass diese wissenschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung der sorgfältig frisierten "Körperpsychotherapie" bis heute ausgeblieben ist.

Auch im Berliner Ströme-Zentrum konzentrierten sich damals all jene Strömungen und Angebote, die sich auf die Methode Reichs bezogen. Von der Zusammensetzung der Kolleginnen und Kollegen vertrat man einen schulenübergreifenden Ansatz, organisierte gemeinsame Fortbildungen und Supervisionen etc. Bei all dem stand im Fokus, nicht in Orthodoxie und Dogmatik zu verfallen, sondern alle Herangehensweisen zu prüfen, anzupassen und weiterzuentwickeln. Das galt für Reich selbst und für alles, was ihm folgte. Die Neugier auf und Offenheit für neue Ansätze im Bereich Körpertherapie zeigten sich nicht nur bei mir deutlich.

Aus dem Ströme-Zentrum ging später, als die Räume aus allen Nähten platzten, das »Ströme-Institut« hervor, das bis heute in Berlin-Neukölln ihren Sitz hat und dem ich bis etwa zur Jahrtausendwende vorstand.

Als hilfreich erwiesen sich die intensiven Diskussionen in der Redaktion der Wilhelm-Reich-Zeitschrift »emotion«, die auch den personellen Kern der Gründung der »Wilhelm-Reich-Gesellschaft« repräsentierte, gegründet 1987 in Berlin. Insgesamt 12 Jahre gehörte ich dem Vorstand des Vereins an. Seine Gründung zielte auf eine systematische Aufarbeitung von Reichs wissenschaftlichem Werk, insbesondere der Nachbereitung seiner Experimente. Details zu Inhalten und ihrer Geschichte finden sich auf der Homepage der Wilhelm-Reich-Gesellschaft.

Ein einschneidendes Datum blieb der 26. April 1986, der Tag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Die Hysterie und die Angst vor der sinnlich nicht wahrnehmbaren Gefahr der radioaktiven Wolken, die sich auch über Deutschland abregneten, besaß eine rationale Basis. Die Katastrophe von Tschernobyl löste die Entscheidung von Michael Smith aus, seine Zelte in Europa abzubrechen und in seine Heimat USA zurückzukehren. Er sah gerade zum zweiten Mal Vaterfreuden entgegen.

Michael, seine Frau Ellen, Al Baumann und Emily Derr gründeten eine Community auf einer Ranch nahe Santa Fé, New Mexico. Sie kamen zwar weiterhin regelmäßig nach Europa, zu Intensiv-Workshops und den Sommercamps in Südfrankreich, ich spürte jedoch, dass sich der Geist innerhalb des Skan-Netzwerks veränderte. Es trat sukzessive etwas ein, was nahezu regelhaft in sozialen Systemen geschieht, die sich auf einen charismatischen Führer ausrichten und keine tragenden Bindungen auf der Peer-Ebene entwickeln. Innerhalb des Vakuums, das durch den Rückzug des Leitwolfes entsteht, suchen sich Neid, Rivalitäten und Ausgrenzungsprozesse ihre Bahn.

Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung nach dem unerwarteten Tod von Michael Smith im Sommer 1989. Den Tod meines geliebten Lehrers erlebte ich voller Schmerz und Trauer, es schloss sich ein langer Abschiedsprozess an. Der Verlust meines Lehrers, Vaters und Mentors forcierte zwangsläufig die Loslösung aus der Skan-Familie und gab mir den letzten Anstoß, eigene Wege zu finden.

Der Zerfallsprozess unter Michaels Schülern, die damals ein paar Hundert Therapeuten umfasste, beschleunigte sich. Zwar versuchte Al Baumann, Michaels Platz einzunehmen, konnte jedoch die Entwicklung nicht aufhalten.

Heute wirken nur noch wenige aus meiner Generation, die Michaels und Al’s Fackel weitertragen. Der bereits erwähnte Hamburger Skan-Trainer Loil Neidhöfer ist meines Wissens der Einzige, der die Skan-Arbeit kontinuierlich und konsequent weitergeführt hat. Eine neue Generation von Skan-Therapeuten, heute in verschiedenen Praxen in Deutschland und Österreich tätig, wurden von Loil Neidhöfer im Laufe der Jahre ausbildet und lassen das Erbe von Michael Smith weiterleben.
Ich selbst wendete mich kurz nach Michaels Umzug in die USA bereits anderen Lehrern zu und meine körpertherapeutischen Gesellenjahre führten mich zunächst zu Eva Reich, der Tochter und engen Mitarbeiterin Wilhelm Reichs in seiner letzten Lebensphase.

(Fortsetzung folgt)