Samstag, 26. August 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (192): Wilhelm Reich und die Anfänge der Körpertherapie in Deutschland

Alexander Lowen
In den folgenden Jahren schwappte die Welle der »Humanistischen Psychologie« aus den Vereinigten Staaten nach Europa hinüber. Sie umfasste bereits ein weites Spektrum von Methoden, die ganzheitliches, den Dialog in den Mittelpunkt stellendes Menschenbild, verbanden.

"1962 gründete ... eine Gruppe um Maslow, zusammen mit Charlotte Bühler, Rogers, Köstler, May, Goldstein, Huxley, Mumford, Sutich, Bugental u. a., der sich auch Satir und Perls zurechneten, die »Association of Humanistic Psychology«, die sich hinsichtlich der Verhaltenstherapie und der Psychoanalyse als »dritte Kraft« verstand. Virginia Satir nannte sie stets die »Human-Potential-Bewegung«. Ab 1961 gab Stich die Zeitschrift »Humanistische Psychologie« heraus. (Hartmann-Kottek, 2008 S. 48)

Ein wesentlicher Teil widmete sich der Arbeit mit dem Körper. Insbesondere ein ehemaliger Schüler Reichs in den USA, Alexander Lowen, der die sog. »Bioenergetische Analyse« begründete, wurde durch Publikationen, Film und Presse auch in Europa bekannt.

Hierzulande wuchsen die Publikationen und Übersetzungen der Bücher Reichs aus seiner Emigrationsphase. Ein nahezu explosives Interesse junger Menschen erwachte, die menschliche Seele über den Körper und nicht nur über die Worte zu erreichen. Zeigte sich hier eine Gegenbewegung gegenüber der intellektuellen Wortlastigkeit der antiautoritären Bewegung, die nicht zum Ziel geführt hatte? Nachdem die Revolution in der Außenwelt, der Gesellschaft offensichtlich scheiterte, sollte sie in der Innenwelt, der Seele des Einzelnen, verwirklicht werden. Der Weg über den Körper klang vielversprechend, neuartig und revolutionär.

Aber wo und wie ließen sich diese Methoden kennenlernen? So faszinierend die moderne Körpertherapie in der Tradition von Reich sich in den Veröffentlichungen darstellte, so schwierig, ja fast unmöglich gestaltete es sich, sie am eigenen Körper zu erfahren. Lowens »Bioenergetische Analyse« galt als verwässerter Abklatsch der »echten« Reichianischen Therapiemethode, zudem gab es damals höchstens ein Dutzend ausgebildete Bioenergetik-Therapeuten in Deutschland.

Einen davon hatte ich Mitte der 70er Jahre persönlich kennengelernt, als ich vor meiner Übersiedlung nach Berlin noch im Ruhrgebiet lebte. Dort praktizierte Ulrich Sollmann, der dieser ersten Generation von Bioenergetikern in Deutschland zuzurechnen ist. Ich nahm eine Zeitlang Einzelsessions. Sie überzeugten mich endgültig davon, dass dieser neuartige Ansatz in der Tradition von Reich, über den Körper die Seele zu berühren, wirkte.

In den Büchern Reichs klang vieles radikaler, ekstatischer, befreiender, als das, was die »Bioenergetische Analyse« anbot. Wie ich sie damals kennenlernte, stellte sie eine Aneinanderreihung von Körperübungen dar, leugnete die energetischen Dimensionen. Auch wenn die Kopie gegen das Original abfiel, erwies sie sich als wirkungsvoll, machte Appetit auf mehr.

(Fortsetzung folgt)