Freitag, 11. August 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (189): Zur Entwicklung der seinsorientierten Körpertherapie

Nachdem ich in den bisherigen Teilen die theoretischen und praktischen Aspekte der seinsorientierten Körpertherapie dargestellt habe, wird es in den folgenden Teilen um die biografischen Hintergründe gehen, die zur Entwicklung dieser Methode geführt haben. Dabei geht es um die geistigen und persönlichen Einflüsse, um meine Lehrer, die Fragen und Antworten, die sich in den vielen Jahren meiner körpertherapeutischen Arbeit stellten und fanden. Neben anderen Einflüssen war es meine Begegnung mit dem Werk von Wilhelm Reich.

Die Sehnsucht nach dem "guten Vater"

Wenn es eine prägende geistige Begegnung gab, dann fällt mir sofort das Werk von Wilhelm Reich (1897–1957) ein. Die Lektüre von Freud als Heranwachsender hatte bereits mein Interesse für die triebhaften Qualitäten der menschlichen Seele wachgerufen. In Wilhelm Reich entdeckte ich den Kolumbus, der einen neuen Kontinent für mich beschritten hatte.

Wilhelm Reich 1944
 Da ich davon ausgehe, dass Wilhelm Reichs Werk heute kaum bekannt ist, ebenso wenig wie die Rolle, die er in der Nachkriegsära spielte, möchte ich ein wenig ausholen, um die Hintergründe dieser geistig-prägenden Einflüsse zu illustrieren.

Ich gehöre jener Generation von Nachkriegskindern an, die auf Familien und Erzieher stießen, die die Gräuel des Nationalsozialismus und des Krieges entscheidend prägten. Aufgrund schwerster Traumatisierungen zeigten sich Eltern und Lehrer in ihrem Gefühlsleben nicht nur gehemmt: Sie erwiesen sich als verstummt. Die Verdrängung der Schrecken des 3. Reiches erwies sich als programmatisch für die Atmosphäre in der Phase des »Wirtschaftswunders« der 50er und 60er Jahre. Ein Nebel des Schweigens hatte sich über die geistige Erziehung gelegt, in den Familien, den Kindergärten, den Schulen und Universitäten. »Wirtschaftswunder« bedeutete, dass »Wunder« nur im Äußeren, in der Wirtschaft und 1954 im Fussball stattfanden, innen, in den Seelen, herrschten Wüste und Verwüstung.

Das Aufbegehren der Jugend in den 60-er Jahren, die sog. »antiautoritäre Bewegung«, repräsentierte, unbesehen ihrer politischen Inhalte, eine Rebellion gegen die Väter als Repräsentanten von gesellschaftlichen Werten und Strukturen. Väter, verstrickt in Faschismus und Krieg, hatten diese natürliche Vorbildfunktion, jede Autorität verloren; angesichts eines Europas in Asche, von Auschwitz und der Standardausrede des »Nichts-Gewusst-Habens«. Nicht zufällig sprach man damals von der »antiautoritären Bewegung«.

Diese Verleugnung der eigenen, der realen Väter, begründete in den Heranwachsenden die Sehnsucht nach geistigen Ersatzvätern, nach den »guten Vätern«. Man fand sie in den Emigranten, denen, die von den Nazis verfolgt und deren Bücher verbrannt worden waren. In ureigenster Logik erkor man die überlebenden Verfolgten und Vertriebenen des Nazi-Regimes zu diesen positiven Autoritäten.
Diese Altersgruppe, welche Freiheit und Unabhängigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte wie keine Generation zuvor, sie sehnte sich nach Vätern, die sie unverhohlen bewundern konnte!

Die positiven Identifikationsfiguren, die »guten Väter« fanden sich u. a. in den Protagonisten der Frankfurter Schule für Sozialpsychologie und deren Umfeld, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse. Man fand sie in den wiederbeatmeten Galionsfiguren des Kommunismus, bei Karl Marx, Friedrich Engels und ihren Nachfolgern. Man fand sie in den Psychoanalytikern der Emigrationszeit, vor allem in deren marxistischem Flügel, Otto Fenichel, Siegfried Bernfeld und Wilhelm Reich.( 1970 erschien im Fischer Verlag eine zweibändige Ausgabe mit dem Titel Marxismus, Psychoanalyse, Sexpol, herausgegeben von Peter Gente, welche die Debatten zwischen Marxismus und Psychoanalyse Anfang der 30er Jahre eindrucksvoll dokumentierten.)

(Fortsetzung folgt)