Sonntag, 15. Januar 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (144): Der erste Augenkontakt und die Blicke der Liebe

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Neben dem ersten Stillen spielt der Augenkontakt für die ursprüngliche Bindung eine wesentliche Rolle. Der Augenkontakt stellt eine Verlängerung der Nabelschnur in die Welt dar, in welche der Säugling geboren wurde.

Neugeborene, die in einem Raum das "Licht der Welt" erblicken, der angenehm warm, abgedunkelt und ruhig ist, öffnen bereits nach wenigen Sekunden ihre Augen, wenn sie diese Welt draußen zum ersten Mal sehen. Ihre Augen suchen Begegnung, sie reagieren direkt auf den Augenkontakt, der Ihnen angeboten wird.

Diese erste Begegnung mit einem Neugeborenen im ersten "Augenblick" wird zu einer jener tiefen und wundervollen Erlebnisse, die man sein Leben lang nicht vergisst. In die Augen eines Neugeborenen zu blicken ist, wie in die Augen aller Menschen zu blicken, die jemals geboren wurden. Im Blick des Neugeborenen findet man Wahrheit, Weisheit, Mensch-Sein.

So entsteht ein erster, tiefer und langandauernder, entspannter Augenkontakt, in dem Liebe fließt. Ja, in diesem Augenkontakt wirken Blicke der Liebe, die sich verbinden und binden.Diese ursprüngliche Bindung direkt nach der Geburt besitzt also immense Bedeutung. Es ist naheliegend, dass etwa bei Kaiserschnittgeburten oder anderen operativen oder medikamentösen Eingriffen dieser Prozess erheblich irritiert oder gestört werden kann. Hier werden andere Weichen gestellt. Weichen für eine Beziehung, in der man irgendwie zusammen gehört, aber in man sich nicht so unsterblich ineinander verliebt wie im ersten Fall.

Geht diese ursprüngliche Bindung irgendwie schief, bedeutet das keineswegs, dass diese Chance für immer vertan ist. Niemals in der Entwicklung des Menschen trifft die Aussage, dass Liebe heilt, so sehr die Wahrheit, wie in den ersten Lebensmonaten. Man kann sich auch ineinander verlieben, wenn man sich langsam näher kommt und das gilt auch für die Bindung zwischen dem Säugling und seinen Eltern.

Allerdings, da wir es in unserer Kultur sehr häufig mit Menschen zu haben, deren Liebesfähigkeit Beschränkungen unterliegt, gelingt diese Art Heilung nicht automatisch. Die Bindungsstörung verfestigt sich. Fremdheit und vor allem die Abwesenheit von gelebter Liebe, sprich ein Mangel an Zuwendung, Einstimmung und Gefühlsanklang prägen die Beziehung.

Das Baby reagiert mit Protest, kämpft um die Liebe und resigniert irgendwann. Wie bereits ausführlich beschrieben, führt diese Mangel an liebevollem Halt zum Selbsthalt, zur Panzerung, zu Bindungs- und Beziehungsstörungen, zur Verleugnung seiner inneren Natur und zur Entwicklung einer darauf basierenden, vom Ego dominierten Persönlichkeit.

Die Bindungsstörungen der frühen Kindheit werden so zur Matrix zukünftiger Beziehungen der Erwachsenenwelt. Beziehungen, geprägt durch Spiegelungsbedürfnisse anstelle bedingungsloser Liebe, durch Vernunft und Kontrolle anstelle von Vertrauen und Hingabe.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 13. Januar 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (143): Warum schreit ein Baby nach der Geburt?

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Auch wenn brutale frühe Trennungen von Neugeborenem und Müttern heutzutage nicht mehr den Standard darstellen, so sind manche von Reichs Schilderungen auch heute noch hoch aktuell. Der offensichtlichste Hinweis auf extrem unlustvolle bis traumatische Erfahrungen in Zusammenhang mit der Geburtssituation ist das Schreien des Neugeborenen, ein Schreien, das mit der Mimik und Körpersprache des Schmerzes einhergeht. Warum sollte ein Neugeborenes derartig schreien? Das sind keine Lust- oder Freudenschreie, mit denen wir es bei der Geburt zu tun haben, sondern Schreie des Schmerzes und des Leids! Häufig wird es für so selbestverständlich gehalten, dass ein Baby nach der Geburt schreit ("stärkt die Lungen" ... was für ein Blödsinn), dass die emotionale Ausdrucksbewegung, die damit verbunden ist, völlig ausgeblendet wird. Wie so häufig, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Andere Faktoren sind dazu gekommen, welche die Geburt im bio-energetischen Sinne häufig traumatisch gestalten. Wehenhemmende oder wehenfördernde Medikamente, Narkotisierungen, Epiduralanästhesie, chirurgische Eingriffe, all dies stellen medizinische Interventionen dar, die nicht nur die natürlichen biologischen Impulse hemmen oder verzerren, sondern auch das energetische System von Mutter und Neugeborenen aus dem Gleichgewicht bringen und prägen können.

William Emerson, ein moderner perinataler Traumaforscher, stellt fest, dass »Geburtstraumata sehr häufig vorkommen. Durch seine Messungen hat er festgestellt, dass etwas 45 Prozent der Neugeborenen ein starkes Geburtstrauma haben, welches einer Behandlung bedarf. Bei weiteren 50 Prozent belegte er ein leichtes bis mäßiges Trauma, welches die Babys normalerweise ohne Behandlung selbst verarbeiten können.« (Emge, 2012, S. 5)

Ist dieses bio-energetische Gleichgewicht zwischen Mutter und Kind einmal gestört, so zeitigt das zunächst Folgen für die unmittelbare Beziehung zwischen Mutter und dem Neugeborenen.

Die ursprüngliche Bonding- oder Prägungsphase findet direkt nach der Geburt statt. Das Bindungshormon Oxytocin zeigt seinen höchsten Spiegel bis ca. 1 Stunde nach der Entbindung, der Saugreflex des Neugeborenen ist bereits vollständig ausgeprägt. Zahlreiche Studien zeigen, dass es eine sensible Prägungsphase gibt, die bis ca. 60 Minuten nach der Geburt andauert (Mitterhuber, Renate 2003). Das Neugeborene kann direkt nach der Geburt angelegt werden, die Nabelschnur ist exakt so lang, dass zum ersten Mal gestillt werden kann, ohne dass diese durchtrennt werden muss.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 7. Januar 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (142): Das Trauma der Geburt

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Doch was war oder kann an der Geburt so traumatisch sein?

Beginnen wir mit den einfühlsamen Bemerkungen Wilhelm Reichs zu diesem Thema. Reich ist wissenschaftshistorisch in keinerlei Weise den angeführten wissenschaftlichen Traditionen der Pränatalpsychologie zuzuordnen. Auf Grundlage seiner eigenen Forschungen und therapeutischen Arbeit entwickelte er eine seismographische Wahrnehmung für die traumatischen Aspekte von Geburtspraktiken, die teilweise heute in vielen Ländern noch Gang und gäbe sind. Ich gebe hier in eigener Übersetzung ein längeres Zitat aus einem Interview wieder, das der Freud-Chronist Kurt Eissler 1952 mit Wilhelm Reich durchführte. Unter dem Titel »Reich speaks of Freud« wurde dieses Interview 1967 in Buchform veröffentlicht.

"Wenn ein Kind geboren wird, kommt es aus dem 37° warmen Uterus heraus in eine Temperatur von 18 bis 20°. Das ist schlimm genug. Der Schock der Geburt … schlimm genug. Aber es könnte überleben, wenn das folgende nicht geschehen würde. Wenn es herauskommt, wird es an den Beinen hochgehoben und auf den Po geschlagen. Die erste Begrüßung ist ein Schlag. Die nächste Begrüßung: es wird von der Mutter getrennt. Richtig? Ich möchte, dass Sie ganz genau hinhören. Es wird unglaublich klingen in hundert Jahren. Es wird von der Mutter getrennt. Die Mutter darf ihr Baby nicht berühren, nicht sehen. Das Baby hat keinen Körperkontakt mehr, nachdem es 9 Monate Körperkontakt hatte bei einer sehr hohen Temperatur – was wir den „orgonotischen Körperenergie-Kontakt“ nennen, den Feldkontakt zwischen beiden, die Wärme und die Hitze.
(…)
[anschließend beschreibt Reich die Praxis der Penisbeschneidung]
Beschneidung ist eines der übelsten Behandlungen von Kindern. Und was geschieht Ihnen dabei? Schau sie einfach an. Sie können nicht zu dir sprechen. Sie weinen, sie schreien. Dann ziehen sie sich zurück. Sie ziehen sich nach innen zurück, weg von dieser üblen Welt.

Ich drücke das hier sehr grobschlächtig aus, aber Sie verstehen, was ich meine, Doktor. Nun, das ist die Begrüßung. Es wird von der Mutter weggenommen. Die Mutter darf es nicht sehen. 24 oder 48 Stunden, nichts zu essen. Der Penis wird beschnitten. Und dann kommt das schlimmste: Dieses arme Kind versucht immer wieder vergeblich sich auszustrecken, um etwas Warmes zu finden, etwas, an dem es sich festhalten kann. Dann kommt es endlich zur Mutter, stülpt die Lippen über die Brustwarze der Mutter. Und was geschieht? Die Brustwarze ist kalt, oder erigiert nicht, oder die Milch kommt nicht, oder die Milch ist schlecht. Und das ist ganz allgemein so. Das ist nicht ein Fall von Tausend. Das ist ein generelles Problem. Das ist normal. Was macht das Neugeborene jetzt? Wie reagiert es darauf? Wie reagiert es darauf bio-energetisch? Es kann ja nicht kommen und dir erzählen „Oh, hör mal, ich leide so sehr, so sehr.“

Es weint und schreit einfach. Und, schließlich, gibt es auf. Es gibt auf und sagt „Nein!“. Es sagt nicht „nein“ in Worten, verstehen Sie, aber das ist die emotionale Situation. Wir Orgonomen wissen das. Wir erfahren es aus unseren Patienten. Wir bekommen es aus ihrer emotionalen Struktur heraus, aus ihrem Verhalten, nicht aus ihren Worten. Worte können es nicht ausdrücken. Hier, ganz am Anfang, entwickelt sich der Ur-Trotz. Hier entwickelt sich das „Nein“, das große NEIN der Menschseins. Und dann fragt ihr Euch, warum die Welt im Schlamassel steckt?“

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 1. Januar 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (141): Geburtstraumata und was John und Yoko damit zu tun haben

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Auch im perinatalen Umfeld kann durch Geburt und Geburtspraktiken, durch chirurgische oder medikamentöse Eingriffe, durch anhaltende Trennung von Mutter und Kind, der eingespielte Mutter-Kind-Rhythmus beeinflusst werden und verändert bleiben.

Dass eine Geburt überhaupt traumatisch sein kann, diese Erkenntnis ist noch nicht einmal 100 Jahre alt. Es war der Freud-Schüler Otto Rank (1884–1939), der 1924 mit seinem Buch "Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse" als Erster auf die potentiell traumatisierende Eigenschaft der Geburten hingewiesen hat, damals nicht unumstritten.

Lange blieb die Auseinandersetzung mit den psychischen Prägungen der pränatalen Entwicklung und der Geburt ein Nischenthema, auch innerhalb der Tiefenpsychologie, ein Thema, das nur von wenigen Pionieren wie Donald W. Winnicott, Francis John Mott, Frank Lake und Gustav Graber weiterhin erforscht wurde. Graber gründete 1971 die bis heute aktive Internationale "Studiengemeinschaft für pränatale Psychologie" in Wien.

Einen deutlichen Aufschwung erfuhr die Pränatalpsychologie dann im Rahmen der Human Potential Bewegung und der Popularisierung der Körpertherapien Ende der 60er Jahre. Insbesondere Arthur Janov mit der Primärtherapie, Stanislav Grof mit seinem Holotropen Atmen und Leonard Orr mit seinem Rebirthing machten das Trauma der Geburt und die vorausgehende pränatale Entwicklung einem breiteren Publikum bekannt.

Eine besondere Rolle kam dabei den Pop-Idolen John Lennon und Yoko Ono zu, die als Klienten und Anhänger von Arthur Janov in ihren Songs nicht nur die Primärtherapie damals populär machten, sondern auch die Geburt selbst als traumatisches Erlebnis künstlerisch verarbeiteten.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 29. Dezember 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (140): Rhythmusstörungen in der vorgeburtlichen Entwicklung

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Bereits in der vorgeburtlichen Entwicklung können Rhythmusstörungen der Erregungs- und Entregungsprozesse, der Aktivitäts- und Ruhephasen auftreten. Dies geschieht durch die aktive oder passive Verleugnung der Schwangerschaft selbst, durch unangepassten, gehetzten Lebensstil, nicht reduzierte Arbeitsintensität, also vor allem durch negative Stressoren in der unmittelbaren Lebensumwelt der Schwangeren. Auffällige Arrhythmien im Aktivitäts-/Schlafzyklus zwischen Schwangerer und Fötus weisen darauf hin.

Neuere Forschungen zeigen, »dass Stress während der Schwangerschaft ein wesentlicher Risikofaktor für die Entwicklung von Depressionen im späteren Leben sein kann. Als eines der wenigen Zentren sind die Schlafmediziner im biomagnetischen Zentrum am Universitätsklinikum Jena in der Lage, die Hirnaktivität des Babys im Mutterleib und seinen Stressspiegel über magnetische Wellen aufzuzeichnen, die das Gehirn und das Herz durch die mütterliche Bauchwand aussendet.« (9monate.de, 21.10.2013)

»Ist eine erhöhte Stressempfindlichkeit [in der pränatalen Entwicklung, vkd] auch mit negativen Auswirkungen verbunden. Es gibt eine Reihe von Stress assoziierten Erkrankungen wie das ADHS, Depressionen und hohen Blutdruck und Hinweise darauf, dass eine erhöhte Stressempfindlichkeit das Schlaganfallrisiko erhöht, zu kognitiven Störungen und zu einer früheren Hirnalterung führt.« (Schwab, 15.09.2015)

Energetisch betrachtet ist negativer Stress eine Übererregung der Körperseele durch Stressoren, die über eine positive Stimulation hinausgehen. Eine Disbalance und verschiedene Abwehrreaktionen sind die Folge.

Emotionen wie Angstschreie, Weinen, der motorische und lautstarke Ausdruck von Schmerz oder Ärger, begleitet von entsprechenden körperlichen Ausdrucksbewegungen, sowie der gesamte Komplex der menschlichen Sexuualität repräsentieren die im Menschen verankerten Grundmuster, um Stressenergie abzureagieren, übermäßige Spannung und Erregung abzubauen. Damit kann die Körperseele zurück in den Bereich von Entspannung und Entregung schwingen und seine energetische Balance wiederherstellen.

Sind diese Wege versperrt, bleibt der emotionale Ausdruck durchgängig blockiert, ergibt sich daraus ein Ungleichgewicht. Entregungsprozesse werden verhindert, was sich u. a. in Schlafstörungen und der wachsenden Unfähigkeit zur Entspannung manifestiert.

In diesem Fall haben die äußeren Stressoren dermaßen an Wirkung gewonnen, dass die bio-emotionalen Kompensationsmechanismen nicht mehr zur Geltung kommen, um die Über-Erregung abzubauen. Dies kann nicht nur zu chronischen Ungleichgewichten in der Körperseele führen, sondern ist vermutlich auch dafür verantwortlich, dass der vegetative Kontaktimpuls empfindlich gestört wird oder ganz verschwindet. Als deren Spätfolge können Symptome seelischer und körperlicher Erkrankungen entstehen.

Die Ausprägung dessen, was »übermäßig« wirkt, scheint individuell definiert werden zu müssen. Wo die Voraussetzungen für die individuell unterschiedlichen Stressverarbeitungskapazitäten liegen, darüber lässt sich gegenwärtig nur spekulieren. Möglicherweise stellt das  "personale System des Herzcodes" (s. o.) einen Einflussfaktor dar.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 17. Dezember 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (139): Erregungs- und Entregungsphasen in der pränatalen Entwicklung

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In den Aktivitätsphasen der Mutter ist auch der Fötus häufig wach, die Schlafphasen der Mutter und des Fötus verlaufen nahezu identisch. Naheliegenderweise gilt dies auch für die Zwischenphasen zwischen Wachbewusstsein und Schlaf, nämlich denjenigen von Trance und tiefer Entspannung.

Untersuchungen haben nachgewiesen, dass ein signifikanter direkter Einfluss des Entspannungszustandes der Mutter(*FN*  Bei diesen Versuchen wurden die Schwangeren mithilfe von Methoden wie progressiver Muskelentspannung und Meditationsmusik in einen entspannten Zustand versetzt und dabei die verschiedenen Parameter bei der Mutter und beim Fötus gemessen.*FN*) auf die messbaren Parameter (fötale Herzfrequenz, fötale motorische Aktivität, Korrelation zwischen fötaler motorische Aktivität und Herzschlag) des Fötus besteht (DiPietro u.a., 2007).

Wenn die Schwangere zur Ruhe kommt und sich entspannt, dann wirkt sich das unmittelbar auf den Entspannungszustand des Fötus aus, auch er kommt zur Ruhe, sein Herzschlag verlangsamt sich und seine motorische Aktivität passt sich diesem veränderten Rhythmus an.

Halten wir also fest, dass es in der pränatalen Entwicklung die Grunderfahrung eines gemeinsamen und gleichzeitigen Erlebnisfeldes von Bewusstseinszuständen gibt, die zwischen Wachzustand, Erregung, Entregung und Schlaf hin- und her pendeln.

Man könnte diese Phase auch als eine grundlegende biologisch-energetische Kontakterfahrung bezeichnen, die als Grundmuster des vegetativen Kontaktimpulses und der Möglichkeit zur vegetativen Identifikation ein Leben lang latent vorhanden bleiben.

Der vegetative Kontaktimpuls und die Fähigkeit zur vegetativen Identifikation bilden gleichzeitig die biologisch-energetische Basis für die Wirksamkeit der Körpertherapien. Es scheint sich hier um ein phylogenetisches Erbe zu handeln, das grundsätzlich im vegetativen Kontaktimpuls, der Fähigkeit zu vegetativem Kontakt als solchem und in Tranceerfahrung und -neigung des Menschen verankert ist.

Soweit zu den Erkenntnissen über diese biologischen Grundmuster. Es muss allerdings eingeräumt werden, dass unsere Kultur noch wenig über die Bedeutung der Tranceerfahrungen weiß. Sie werden in der prä- und perinatalen Entwicklung häufig in Zusammenhang gebracht mit wichtigen Wachstumsprozessen des Gehirns. Welche Funktionen sie darüber hinaus besitzen und vor allem, welche davon im Erwachsenenalter noch von Bedeutung sind, darüber gibt es wenig Kenntnisse. Um so erstaunlicher, dass Trancetechniken und das Wissen um Trance bei Ritualen indigener Völker und denen religiöser oder spiritueller Sekten und Gruppierungen eine durchaus dominierende Rolle spielen.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass unsere Kultur wenig Interesse an solchem Wissen hat, denn Trancezustände, das Menetekel des Nichts-Tuns und die gehetzte Arbeitswelt passen überhaupt nicht zusammen. Siehe dazu auch meine Ausführungen zum Gegensatz von Machen und Sein in Kapitel »Familienphantasien therapeutischen Handelns«.

Auf diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass es in unserer hektischen Welt leicht zu »Rhythmusstörungen« im Kontakt zwischen Mutter und Kind kommen kann. Diese gilt es sowohl im pränatalen und perinatalen Umfeld als auch im Säuglingsalter zu wahrzunehmen.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 12. Dezember 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (138): Die Vertreibung aus dem pränatalen Paradies

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Der Mensch lebt bis zum 3. Lebensmonat in einem Zustand tiefer, vielleicht seliger Entspannung, der bereits im Mutterleib seinen Anfang nimmt. Findet sich hier die Matrix der Paradiesphantasien, die häufig mit der pränatalen Entwicklung assoziiert wird? Allerdings würde dieser Paradieszustand dann, entgegen diesen Thesen und Mythen, bis zum 3. Lebensmonat reichen und nicht unbedingt mit der Geburt beendet sein.

Bedeutsamer scheint mir allerdings zu sein, dass die vorzeitige »Vertreibung« aus diesem Paradies,  während der pränatalen Entwicklung oder später, nicht spurlos an Körper und Seele des Kindes vorbeigeht. Im Gegenteil, da frühe und erste Prägungen die tiefsten und schmerzhaftesten Spuren hinterlassen, ist die These wohl nicht allzu abwegig, dass der Mensch
  • Bis zum 3. Lebensmonat idealtypischerweise in einem quasi-ekstatischen Trancezustand lebt.
  • Der Beginn der Ich- und Egoentwicklung mit den Veränderungen der Gehirnwellenmuster und anderer bio-energetischer Veränderungen im Körper einhergeht.
  • Störungen in dieser Entwicklungsphase den Nährboden für jede Form von Persönlichkeits- und Bindungsstörungen bilden.
Wenn dieser Zusammenhang zwischen prä- und perinatalen Entregungsdefiziten und bestimmten Störungsmustern zutrifft, dann wird mit einem Schlag einer körpertherapeutische Herangehensweise  erkennbar, die auf diesem Modell basiert: die der seinsorientierten Körpertherapie.

Die Parameter der Gehirnwellenmuster stellen in unserer gehirndominierten Kultur naheliegenderweise ein überzeugendes Argument dar. Das klingt halt sehr wissenschaftlich und ausgesprochen bedeutsam.

Wesentlicher scheint mir allerdings zu sein, dass die Kategorie Alphawellen typischerweise diejenigen Gehirnwellenmuster repräsentiert, die mit Entspannungs- und Trancezuständen einhergehen. Nicht die Gehirnwellen sind wesentlich, sondern die Tatsache, dass sich der gesamte Organismus in einem tief entspannten Zustand sich aufhält, sobald diese Alphawellen sichtbar werden.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 8. Dezember 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (137): Vegetativer Kontaktimpuls und Gehirnwellenmuster

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Der vegetative Kontaktimpuls beschreibt auf den ersten Blick nichts anderes als die Hingabe an die Erfahrung, sich mit einem anderen Menschen gemeinsam und gleichzeitig in einen Zustand tiefer Entspannung und Trance fallen zu lassen.

Das klingt zunächst ziemlich banal, wenig spektakulär. Aber bisweilen verbergen banale Vorgänge ziemlich spektakuläre Wahrheiten.

Die Matrix des vegetativen Kontaktimpulses findet sich sowohl in der pränatalen Entwicklung als auch im ersten Lebensjahr während der Säuglingsphase. In der vorgeburtlichen Phase existiert physiologisch eine engmaschige Wechselbeziehung zwischen Fötus und Mutter. Dies gilt auch für den Schlaf-Wach-Rhythmus.

»Der andere wichtige Rhythmus, der zirkadiane Wechsel von Schlafen und Wachen, ist im Gegensatz zum REM/Non-REM-Rhythmus beim Fötus noch sehr schwach ausgeprägt; er wird anscheinend nicht vom eigenen Antrieb getragen. Zwar ist der zirkadiane Zeitgeber der Säugetiere, der Nucleus suprachiasmaticus (NSC), aber der 18. SSW vorhanden und oszilliert. Er unterhält aber noch keine synaptischen Verbindungen mit anderen Gehirngebieten und hat keine Einfluss auf die Aktivität des Fötus (...). Seine zirkadiane Aktivität hängt vollkommen vom Tag/Nacht-Rhythmus der Mutter ab und wird vermutlich durch einen mütterlichen Botenstoff, wahrscheinlich Melatonin ... eingespielt. ... Nachgeburtlich dauert es etwas 3 Monate ... [bis sich] das Neugeborene an einen autonomen Schlaf-wach-Rhythmus halten [kann].« (Herpertz-Dahlmann u.a., 2003, S. 28)

Von der biologischen Grundlage her gleichen sich die vegetativen Zyklen und Rhythmen zwischen Fötus und Mutter natürlicherweise an. Wie o. a. Zitat zeigt, deuten die Forschungen darauf hin, dass die vegetativen Zyklen der Mutter sich bis zum 3. Lebensmonat direkt auf den Fötus auswirken und erst von da an das Neugeborene autonome Rhythmen entwickelt.

Interessanterweise fällt dieser Zeitpunkt exakt mit dem eigenartigen Phänomen zusammen, dass sich die Dominanz der Gehirnwellenmuster ab dem 4. Lebensmonat grundlegend verändert. Bis zum 3. Lebensmonat überwiegen die Alphawellen, also jene Gehirnwellen, die mit Entspannung einhergehen, die Gehirnaktivität im Wachzustand des Neugeborenen. Dies ändert sich im 4. Lebensmonat, denn hier übernehmen die Betawellen, also die Gehirnwellen des "normalen" Wachbewusstseins, die Herrschaft. Diese Betawellen dominieren dann vom 4. Lebensmonat an das Wachbewusstsein des Menschen, und zwar bis zu seinem Tod.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 5. Dezember 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (136): Hingabe und Trance


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Wir waren bei der Frage nach der kognitiven Kontrolle durch den Therapeuten. Bei  körperpsychotherapeutischen Verfahren erscheint die Antwort naheliegend. Da hier regressive und karthartische Abreaktionen auftreten, sollte ein achtsames Auge des Therapeuten darauf gerichtet sein, dass der Klient sich nicht selbst verletzt oder die Praxiseinrichtung beschädigt, wenn er beispielsweise bei einem befreienden Wutausdruck heftig in ein Schaumstoffkissen schlägt.

Bemerkenswert ist, dass die Kontrolle, um die es hier geht, impliziert, dass der Therapeut durchgängig beobachtet, was geschieht. Er verharrt also in einem aufmerksamen, wachen Bewusstseinszustand, unabhängig von dem, was auf Klientenseite vor sich geht.

Dahinter verbirgt sich nicht nur das Tabu, als Therapeut zu regredieren, sondern auch die Forderung, die bewusste, kognitive Ebene, also die Instanz des beobachtenden, analytischen Verstandes, keineswegs zu verlieren.

Es existiert also ein Gefälle zwischen der kognitiven Bewusstheit des analytischen Körpertherapeuten und des in Regression befindlichen Körpertherapieklienten. Was dies für generelle methodische Fragen aufwirft, soll hier nicht erörtert werden. Uns interessiert etwas anderes.

Bei der Arbeit mit Entregungsprozessen wird nämlich deutlich, dass dieser wache kognitive Zustand schwer aufrecht zu erhalten ist. Es erscheint unnatürlich, in diesem zwanghaft wachsamen Status zu verharren, während der Klient gleichzeitig in tiefer Trance versinkt. Der Drang auf Seiten des Therapeuten, Entspannung bei sich selbst zuzulassen, wird übermächtig.

Ich hatte im ersten Teil dieses Buches bereits beschrieben, wie folgenreich der Schritt für mich war, diesem natürlichen Impuls nachzugeben und damit die bewusste Kontrolle über das aufzugeben, was sich körperlich-energetisch im Klienten abspielt. Denn in dieser Realität spielt sich rein äußerlich überhaupt nichts mehr ab. Der Klient liegt tiefenentspannt da und bewegt sich nicht.

Der Drang zur Hingabe an den Trancezustand, der auch auf Seiten des Therapeuten beobachtet werden kann, ist allerdings kein Zufall. Vielmehr treffen wir hier auf ein fundamentales energetisches Muster, nämlich das des vegetativen Kontaktimpulses.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 2. Dezember 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (135): Entregungsprozesse im therapeutischen Setting

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Das Entregungsphänomen weist einen Weg in das innere Universum der Körperseele. Es ähnelt in mancherlei Hinsicht der Meditation, allerdings mit dem Unterscheidungsmerkmal, dass die durchgängige geistige Zentrierung, die bei der Meditation eine zentrale Rolle spielt, bei Entregungsprozessen keine Bedeutung hat.

Dennoch gibt es, wie wir sehen werden, Übereinstimmungen, vor allem auf der Ebene dessen, was äußerlich sichtbar wird. In dieser Hinsicht könnte man also durchaus bei den Entregungsprozessen  als »Meditieren in Kontakt« oder »Meditation zu zweit« sprechen.

Das, was wir bis zu diesem Punkt als Anwendungpraxis von Körpertherapie beschrieben haben, bewegt sich noch »irgendwie« in dem traditionellen Modell  der Interaktionen von Therapeut und Klient. Der Therapeut bietet eine bestimmte Herangehensweise an, die den Klienten in seiner Entwicklung fördert. Das Setting, das daraus resultiert, reflektiert nicht nur definierte soziale Rollen, nicht nur eine subtile Machtstruktur. Auch die Prämisse einer definierten Ordnung des Bewusstseins und der Bewusstheit ist hier enthalten.

Diese Prämisse trägt nämlich in sich, dass der Therapeut derjenige ist, der die bewusste Führung und Kontrolle über alle Vorgänge im Rahmen des therapeutischen Settings besitzt. Der Klient hingegen darf im Rahmen dieses Arbeitsbündnisses, natürlich innerhalb bestimmter, bisweilen weit gefasster Grenzen; regredieren, agieren, übertragen, was das Zeug hält. Denn der Therapeut bleibt stets derjenige, der das Steuerrad des Fahrzeugs in den Händen hält.

Ein Regredieren oder Agieren des Therapeuten wäre kontraindiziert und arg unprofessionell, oder?

Das heißt aber auch, dass es hier um die Kontrolle dessen geht, was in einer Sitzung geschieht. Der unausgesprochene Konsens besteht also darin, dass der Therapeut nicht nur die professionelle Verantwortung, sondern auch die kognitive Kontrolle darüber besitzen sollte, was vor sich geht.

Was muss da eigentlich durch den Therapeuten kontrolliert werden? Wie stellt er das an?  Kontrolliert er den Klienten, sich selbst, oder beide?

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 30. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (134): Dialogischer Halt, das Tor zur Tiefenentspannung

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Dieser gemeinsame absichtslose Rhythmus, der Tanz des Lebens, dieser pulsatorische Kontakt in der Berührung bewirkt zwei erstaunliche Effekte:
  • Einerseits wird die Starre der Muskulatur verändert durch die Verlebendigung und erhöhte Pulsationsfähigkeit.
  • Andererseits öffnet sich eine Tür zur Erfahrungsebene von Trance und Tiefenentspannung. Die dialogische Berührung wirkt als Tranceinduktion.
Die Wirkkräfte des dialogischen Halts erschließen neue Perspektiven für die therapeutische Arbeit, lassen Trancezustände in diesen Bereichen in anderem Licht erscheinen. Was vorher als Widerstand, Abwehr oder Kontaktvermeidung interpretiert wurde, stellt sich jetzt als ein Weg in prä- und perinatale Erfahrungswelten dar. Ein Weg, der transformatorische Prozesse und Veränderungen auszulösen in der Lage ist.

Im dialogischen Halt wirken die Selbstheilungskräfte offenbar nicht nur auf der muskulären Ebene, auf der Rigiditäten sich spontan lösen. Es deutet vieles darauf hin, dass in dem Entregungsprozess, der durch den dialogischen Halt ausgelöst wird, sich die energetische Struktur neu formiert.

Dies hat nicht nur Auswirkungen auf Körperbewusstsein des Klienten, sondern auch auf sein Seelenleben.

Ein Loslassen auf der energetischen Ebene erscheint daher funktionell identisch mit der Fähigkeit, im Leben loszulassen, mehr »Gelassenheit« in jene Bereiche zu bringen, in denen sich die physische Erstarrung in der Versteifung des Seelenlebens und der Persönlichkeit spiegelt.

Die Trancezustände, die im Kontext des dialogischen Halts spontan auftreten, sind Hinweise auf die Tiefe der Entregung/Entspannung. Wir können davon ausgehen, dass parallel zu den parasympathischen Reaktionsmustern des Vegetativums auch die Gehirntätigkeit von den Beta- zu den Alphawellen wechseln. Das bedeutet, dass es sich bei derartigen Trancezuständen um ganzheitliche Erfahrungen im Wortsinne handelt, die wir nun genauer betrachten wollen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 27. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (133): Die Zwiesprache der Berührung

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Wie wir gesehen haben, findet sich in der dialogischen Berührung die Grundhaltung der Absichtlosigkeit, des rezeptiven Kontakts und der Herzcode-Verbindung. Spräche diese Berührung, so würde sie sagen: »Ich bin da, einfach da, mit dir, was auch immer geschieht. Ich halte dich mit liebevollen Händen, ich bin offen für deine Wahrheit.« In diesen Worten dürfte unschwer erkennbar sein, dass hier die uterale Matrix angesprochen ist, sowie die Grundzüge des mütterlichen und väterlichen Halts, die wir bereits an anderer Stelle erörtert haben.

Die berührenden Hände reagieren auf die subtilen Pulsationen in der Muskulatur des Berührten, und zwar in dem (Atem-)Rhythmus, der ihnen zueigen ist:
  • Der Kontakt folgt – weiterhin haltend – der pulsatorischen Bewegung dieser „Muskelatmung“, geht mit, verharrt jedoch an der »Kontaktgrenze« (damit bezeichnen wir jene Muskelschicht, in der die muskuläre Rigidität am deutlichsten wahrnehmbar ist).
  • Die Pulsation vertieft sich, die Berührung der Hände folgt ihren Endpunkten bis an die Grenze, geht aber nicht über sie hinaus.
  • So entsteht ein Zwiegespräch, ein »Tanz«, eine Begegnung zwischen der Pulsation der Muskeln und der Berührung der Hände. Wechselseitige, spielerische Dialoge zwischen Muskulatur und den berührenden Händen entwickeln sich.
Nun mag der aufmerksame Leser sich fragen, ob nicht hier die Haltung der Absichtslosigkeit verloren geht, denn diese Zwiesprache in der Berührung klingt durchaus nach etwas Intentionalem. Lassen Sie uns diesen Einwand kurz näher betrachten.

Wir hatten festgestellt, dass eine Intention, eine Absicht bei einer Intervention in der Regel der Gedankenwelt und seiner Konstrukte entstammt. Die Zwiesprache zwischen der Muskelatmung und den berührenden Händen des Körpertherapeuten besitzt jedoch eine Kontaktqualität des offenen Endes, der Ziellosigkeit, der Wahrnehmung, sowie der Neugier und Offenheit des Herzens.

Führen wir uns die Lebensfreude eines Krabbelkindes vor Augen, das seine Umgebung erforscht, dabei die Dinge »begreift«, in den Mund steckt, sich spielerisch aneignet. Dem Ego-Verstand erscheint ein solches Handeln wenig »zielführend«, um ein beliebtes Modewort hier anzuführen.

Die Berührung des seinsorientierten Körpertherapeuten ist eben nicht »zielführend«, sondern ein offenes Geschehen im Hier und Jetzt. Es ähnelt der Art und Weise, wie ein Kind sich die Lebensumwelt aneignet, wenn es denn gelassen wird. Wenn es den liebevollen Halt und den Rückhalt spürt, frei seinen Impulsen zur Kontaktaufnahme mit der Lebensumwelt zu folgen.

(Fortsetzung folgt)