Samstag, 16. Dezember 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (221): Körpertherapie hinter der DDR-Mauer

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In jenen Tagen vermochte sich niemand vorzustellen, dass die Mauer, welche beide Teile Deutschlands trennte, jemals fallen könnte. Die Gespräche, die ich mit professionellen Helfern in der DDR führte, verdeutlichten zu meiner Überraschung eines: Die therapeutische Methodenfreiheit in den Institutionen der DDR erwies sich als größer als bei uns im Westen. In der Bundesrepublik stand man der Körpertherapie, vor allem im klinischen Bereich, noch mit größter Skepsis gegenüber. In der DDR schien es schlichtweg gleichgültig zu sein, mit welchen Methoden Therapeuten arbeiteten, Hauptsache, sie funktionierte und der Plan, die Statistik stimmte. Zudem gab es weniger kontrollierende und auf Außenwirkung fixierte Hierarchien als in den Kliniken im Westen Deutschlands.

Auf diesem Hintergrundszenarium entwickelte sich die Idee, eine den Bedingungen der DDR angepasste körpertherapeutische Ausbildung zu organisieren. Sie sollte den Interessenten das notwendige Handwerkszeug vermitteln, perspektivisch die problematische Rolle des »West-Reisekaders« überwinden helfen und langfristig dazu führen, dass es in der DDR unabhängige körpertherapeutische Ausbildungsangebote geben konnte.

Da keine Chance bestand, Trainer aus dem Westen zu ihren gewohnten Honorarsätzen zu bezahlen, musste dieses Projekt auf freiwilliger, ehrenamtlicher und ökonomisch-symbolischer Ebene organisiert werden. Also hörte ich mich in Kollegenkreisen um, wer unter diesen Voraussetzungen bereit sein könnte, quasi kostenlos sporadisch in der DDR als Ausbilder zu arbeiten. Meine Idee fand eine erstaunlich großherzige Resonanz.

Ich koordinierte, insbesondere aus dem Kreis des Ströme-Zentrums, das durch seine personelle Zusammensetzung ja bereits einen schulenübergreifenden Ansatz vertrat, ein Trainerteam unterschiedlicher körpertherapeutischer Schulen, dem u. a. Rob Bennett (Biodynamik-Trainer), Herwig Geister (Vegeto- und Skan-Therapeut), Charlotte Schuster und Heike Buhl (beide Radix) und meine Person angehörten. Als Gasttrainer, die 1–2 Mal in die DDR fuhren, traten damals u. a. Will Davis, Eva Reich und David Boadella in Erscheinung.

Die erste körpertherapeutische DDR-Trainingsgruppe begann ihre Arbeit 1986 und fand 1989 ihren Abschluss, fast zeitgleich mit dem Mauerfall im November 1989.  Mit einem mehrtägigen rauschenden Fest in den Räumen des Ströme-Zentrums feierten wir die Wiedervereinigung Deutschlands auf energetische Weise.

Dieses aus der Not geborene Trainingsprogramm zeigte im Nachhinein betrachtet einige Schwächen. Insbesondere die fehlende Selbsterfahrung der Teilnehmer, die nicht geleistet werden konnte, führte dazu, dass die Lernprozesse kopflastig und abstrakt anmuteten. Charaktermuster und Widerstände blieben zwangsläufig unbearbeitet. Zudem wies die Gruppendynamik für uns Westler einige spezifische Fallstricke auf, die sich spätestens dann nahezu gespenstig in Szene setzen, als ein Gruppenteilnehmer bezichtigt wurde, Stasi-Spitzel zu sein.

Auf der anderen Seite verdeutlichten die Erfahrungen dieses schulenübergreifenden Körpertherapie-Trainings:
•    Ein integratives Trainingsprogramm realisiert sich, indem Gemeinsames und nicht Trennendes im Fokus der Aufmerksamkeit steht.
•    Für die Trainees erweist es sich als didaktisch wertvoll, da übereinstimmende Wurzeln und Essenz leichter erkennbar werden.
•    Für die Praxis bedeutet es eine Bereicherung, da in einem schulenübergreifenden Training ein breit gefächertes Handwerkszeug und praktische Herangehensweisen aus verschiedenen Traditionslinien vermittelt werden.
•    Jeder Therapeut und jede therapeutische Schule besitzt ihre Stärken und Schwächen, ihre Licht- und Schattenseiten. Ein integratives Modell ermöglicht, diese auszugleichen.
•    Übertragungsprozesse richten sich nicht mehr auf nur eine Person, den Gründer oder Leiter der jeweiligen Schule, sondern fächern sich auf, was ihren Einfluss verringert.

Auf diese Weise avancierte das aus der Not geborene Modell eines Körpertherapie-Trainings in der DDR zum Vorbild eines integrativen Trainingsprogramms, das 1990 im Westen begann: Das Körpertherapie-Integrativ-Training (KIT), welches ich zusammen mit dem Biodynamiker und Gerda Boyesen-Schüler Rob Bennett und meiner damaligen Frau Paula Diederichs ins Leben rief. Zahlreiche Gasttrainer aus anderen Schulen und Persönlichkeiten wie Myron Sharaf, Eva Reich, Will Davis, Jutta Becker, u. a. konnten wir in unser Programm integrieren. Aus den KIT-Trainings trat über ca. 15 Jahre manch versierter Körper- und Psychotherapeut hervor.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 3. Dezember 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (210): Was die Funktion des Orgasmus mit Wilhelm Pieck zu tun hat ...


Eine besonders eindrucksvolle Lektion in Sachen DDR-Diktatur vermittelte ein eintägiges Seminar in Ostberlin mit dem Titel »Wilhelm Reich und die Funktion des Orgasmus«. Im Gegensatz zu unseren meisten Aktivitäten fand dies nicht im privaten, sondern im halböffentlichen Raum statt. Diese Aufgabe erfüllte in der DDR stets die evangelische Kirche, organisatorisch und physisch.

Die Veranstaltung sollte in einem erstaunlich modernen Kirchengebäude in Bezirk Lichtenberg stattfinden. Als ich hereinkam, waren bereits alle Plätze besetzt. Dutzende Zuhörer hatten keinen Sitzplatz gefunden, standen zwischen und an den Wänden oder saßen auf dem Boden. Einige Hundert Zuhörer interessierten sich für diesen Vortrag, den ich gemeinsam mit meinem damaligen Vorstandskollegen aus der Wilhelm-Reich-Gesellschaft, dem leider früh verstorbenen Heiko Lassek, halten sollte. Heiko und ich wechselten uns ab und referierten das gesamte Leben und Werk von Wilhelm Reich im Rahmen dieses eintägigen Seminars.

In der Pause wies man uns auf zwei auffällig unauffällige Männer in der letzten Reihe hin, die sich eifrig Notizen machten (was nicht weiter auffiel, denn Aufzeichnungen machten sich viele Anwesende). Bald kam ich auf die Phase von Reichs politischen Aktivitäten Anfang der 30er Jahre zu sprechen. Dazu muss man wissen, dass Reich der damaligen kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) angehörte, aber seine eigene »Massenorganisation« leitete, die Sexpol. Es handelte sich um eine sexualpolitische Organisation, die zeitweise bis zu 100.000 Mitglieder zählte und sich u. a. für kostenlose Verhütungsmittel, die Aufhebung des Abtreibungsverbotes, Sexualaufklärung von Jugendlichen u. ä. einsetzte. Diese sexualpolitische Organisation und Reichs Aktivitäten erschienen jedoch der herrschenden stalinistischen Parteiführung als Dorn im Auge. Mit großem Tamtam schloss man Reich aus der KPD aus. Als Hauptgegner im Politbüro der KPD zeichnete damals ein gewisser Wilhelm Pieck, der sich vehement dafür engagierte, Reich mit seiner Sexualpolitik kaltzustellen.

Die Ironie der Geschichte wollte es, dass dieser Wilhelm Pieck zwischen 1949 und 1960 das Amt des ersten und einzigen Präsidenten der DDR bekleidete, hochverehrt und überall mit seinem Namen präsent. Ich empfand eine gewisse Befriedigung darüber, dass die schmählich ausgegrenzte Wahrheit Wilhelm Reichs auf diese Weise in die DDR 50 Jahre später ihre verdiente Aufmerksamkeit erhielt.
Ich kann allerdings nicht verhehlen, dass eine gewisse Nervosität in der Wahl der Formulierungen bei diesen brisanten politischen Themen in meiner Stimme mitschwang. Ich bekam eine Ahnung davon, was es bedeutet, in einer Diktatur öffentlich seine Stimme zu erheben, wenn man weiß, dass der Zensor aufmerksam zuhört.

Aber ich hatte mir vorgenommen, keine Selbstzensur auszuüben, auch angesichts der Stasi-Überwachung des Vortrags. Mehr als ein Einreiseverbot hätte mir als Bürger des freien Teils Deutschlands glücklicherweise nicht passieren können.

Noch eindrucksvoller als die politischen Themen erwiesen sich die Reaktionen auf die Funktion des Orgasmus. Als ich Reichs Orgasmustheorie referierte, die sich ja von allen bekannten sexualwissenschaftlichen Modellen grundlegend unterscheidet (Reich sah in der Funktion des Orgasmus die zentrale Erkenntnis seines Lebenswerks. Die Orgasmusformel »mechanische Spannung - energetische Ladung - energetische Entladung - mechanische Entspannung« erklärte er später zur Lebensformel schlechthin. Reich betrachtete den Orgasmus als eine ganzheitliche Erfahrung, die den ganzen Körper und die Seele des Menschen betrifft. Orgasmusstörungen geben für Reich Hinweise auf körperlich-seelische Blockaden und bilden den Nährboden jeder Neurose), wurde es mucksmäuschenstill im Auditorium. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Dies vermittelte mir eine anschauliche Vorstellung darüber, wie es Anfang der 30er Jahre Reich selbst ergangen sein dürfte, als er im Rahmen der Sexpol in Berlin regelmäßige Vorträge vor Tausenden von jungen Menschen hielt.

Unsere Veranstaltung erzielte einen vollen Erfolg. Der Gemeindepfarrer zeigte sich am Ende der Vorträge so berührt, dass er alle Anwesenden bat, mit ihm gemeinsam das Lied »Der Mond ist aufgegangen« zu singen. Ich spürte deutlich: Die Herzen der Menschen hatten sich geöffnet, der Raum war erfüllt von menschlicher Verbundenheit und Wärme. Die Stasi-Beamten sangen nicht mehr mit, sie verschwanden kurz vorher. Heiko und ich fuhren glücklich, aber auch erleichtert zurück über die Friedrichstraße nach West-Berlin.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 29. November 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (209): Die verbotenen Bücher und ihre Befreiuung

foto: pixabay
Weitere Workshops schlossen sich in den folgenden Monaten an. Allmählich bekam ich Einblick in das Netzwerk derjenigen, die sich für moderne tiefenpsychologische Methoden interessierten. Ich besuchte Hans-Joachim Maaz (Hans-Joachim Maaz (*1943) wurde nach der Wende 1989 als Autor zahlreicher Bücher zur Sozialpsychologie der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands bekannt. Sein wohl bekanntestes Buch trägt den Titel »Der Gefühlsstau« und befasst sich mit den psychischen Verwerfungen der DDR-Diktatur.) in Halle, der die in der DDR bekannte »Psychotherapeutischen und Psychosomatischen Klinik im Evangelischen Diakoniewerk Halle« als Chefarzt leitete. Seine Arbeit dort erwies sich als zentraler Anziehungspunkt für viele Menschen, die sich für Tiefenpsychologie und Körpertherapie begeisterten.

Von Hans-Joachim Maaz erfuhr ich manches über die Geschichte der Psychotherapie in der DDR. Dabei nahm ich mit Erstaunen zur Kenntnis, dass die alte psychoanalytische Tradition dort durchaus in larvierter Gestalt über all die Jahre weiterlebte, obwohl es sie offiziell nicht mehr gab oder geben durfte. Ich brachte Maaz damals auch mit Eva Reich zusammen, die an seiner Klinik Fortbildungen anbot.

Dr. Agathe Israel, bereits vor der Wende eine engagierte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in der DDR, zeigte starkes Interesse an unserer frühkindlichen Arbeit. Für einige Jahre begleitete sie Eva Reich als Weggefährtin und Schülerin. Ich erinnere mich an leidenschaftliche Diskussionen, die wir damals über die seelischen Folgen der frühen Krippenerziehung in der DDR führten, die ein schwerwiegendes Tabu in der öffentlichen Diskussion des wiedervereinigten Deutschlands darstellten.

Die Methoden der Humanistischen Psychologie faszinierten einen Teil der professionellen Szene der DDR. Bereits damals spürte ich, dass diese Faszination auch darauf zurückging, dass jemand oder etwas aus dem Westen kam. Durch die geistige Repression der Diktatur fühlte man sich dort ausgehungert und isoliert, neigte dazu, mit einer gehörigen Portion idealisierender Übertragung auf alles zu reagieren, was aus dem Westen kam.

Um diesen Hunger zu stillen, boten wir neben den Selbsterfahrungs-Workshops auch immer wieder Vorträge im privaten, bisweilen auch offiziellen Rahmen, an. Meine damaligen Kollegen aus dem Ströme-Zentrum Heike Buhl, Herwig Geister und andere reisten regelmäßig nach Ostberlin, um dort Seminare, Workshops und Vorträge anzubieten. Das Interesse erwies sich als überwältigend, man hatte das Gefühl, die Menschen dort reagierten wie ein trockener Schwamm, der alles aufsog, was wir aus dem Westen mitbrachten.

Es gab in der DDR weder Literatur von noch über Wilhelm Reich noch über Körpertherapie. Reich gehörte zu den Autoren, die man nur im »Giftschrank« der wissenschaftlichen Bibliotheken aufbewahrte. Einzig bei ausgewiesenem Forschungs-Interesse ermöglichte man einem handverlesenen Kreis von regimetreuen Forschern den Zugang zu seinen Schriften.
Doch die findigen DDR-Bürger, wie in allen Diktaturen des Ostens, wussten sich zu helfen und erzeugten sog. Samisdat-Literatur. Ich hielt damals ehrfurchtsvoll einige dieser Werke, u. a. auch die Funktion des Orgasmus von Wilhelm Reich, als Samisdat wie ein Heiligtum in den Händen. Ich konnte mir als Westler kaum vorstellen, wie viel Leidenschaft, Engagement und Arbeit in einem solchen Buch steckte. Deshalb sei das Prozedere im Zeitalter der Digitalfotografie hier noch einmal referiert:

Zunächst fotografierte man jede einzelne Seite des Originals ab, bannte sie auf einen Schwarzweißfilm. Diesen entwickelte man zunächst in einer Dose, fixierte und trocknete ihn. Dann musste jedes einzelne Negativ unter einem sog. Belichter auf Fotopapier übertragen werden. Das Papier, in der Regel dick wie Pappe, entwickelte und fixierte man in verschiedenen chemischen Bädern, trocknete und glättete es. Den daraus entstandenen Stapel Fotos band man zu einem dicken Konvolut zusammen ... und als Ergebnis hielt man die vollständige Reproduktion eines – verbotenen – Buches in den Händen.

Ein Verfahren mit Fotokopierern oder Matritzenabzugsgeräten blieb den DDR-Bürgern verschlossen, solche Geräte, wo immer sie standen, kontrollierte man engmaschig. Aber der menschliche Geist und sein Wissensdurst finden ihren Weg. Wie viele Stunden Arbeit und welcher Aufwand sich damit verbanden, lässt sich nach meiner Schilderung erahnen.

(Fortsetzung folgt)


Freitag, 24. November 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (208): Wie Körpertherapie und einteilige Matratzen in die DDR kamen

Foto: vkd
Mitte der 80er Jahre gab es bekanntlich noch ein geteiltes Deutschland, die Bundesrepublik und die DDR. Dass in der DDR durchaus ein Interesse an Reich und die auf ihn zurückgehende Körpertherapie auflebte, dürfte heute kaum bekannt sein.

Jedenfalls gelangten Ergebnisse der damaligen publizistischen Tätigkeiten (Wilhelm-Reich-Zeitschrift Emotion, Ströme-Rundbrief etc.) auf unbekannten Wegen an die richtigen Adressaten in Ostberlin.

Eines Tages erhielt ich den Brief eines DDR-Bürgers aus der Ostberlin, der ein reges Interesse an Wilhelm Reich und der Körpertherapie für sich und andere artikulierte. Die daran anschließende Korrespondenz dokumentierte den Wunsch, dass jemand aus unserem Netzwerk in Ostberlin Vorträge oder Workshops dazu anböte. Interessenten und Teilnehmer an einem solchen Projekt seien reichlich vorhanden.

Mich begeisterte die Vorstellung, die Ideen des kommunistischen Häretikers Reich in den real existierenden Sozialismus zurückzutragen. Gern erinnere ich mich an meinen ersten Körpertherapie-Workshop in Ostberlin.

Er fand mitten im Winter, im Dezember 1986 statt. Draußen klirrte es vor Kälte, Schnee und Eis bedeckte die Stadt, die Temperaturen lagen um die 10° Minus. Die Veranstaltung sollte an einem Samstagmorgen im Jugendraum einer Kirchengemeinde in Prenzlauer-Berg beginnen. Als ich dort eintraf, traf mich der Schlag: Der Raum erschien dermaßen kalt, dass die Atemluft Nebelschwaden erzeugte. Die Heizkörper erwiesen sich als undicht und außer Betrieb, eine eindrucksvolle Wasserlache ergoss sich bedrohlich über den Linoleum-Fußboden. Das Mobiliar im Raum bestand aus zwei Tischtennisplatten und einem Dutzend Holzstühlen.

Etwa 20 potentielle Teilnehmer sahen mich erwartungsfroh an, den Exoten aus dem Westen. Jetzt sollte ich also hier, in diesem Raum, einen reichianischen Körpertherapieworkshop leiten?!
Ich machte deutlich, dass wir dringend zwei Probleme lösen mussten: Die Kälte und fehlenden Matratzen für die Körperarbeit. Dann geschah etwas Erstaunliches: Alle Teilnehmer besprachen sich kurz, verschwanden ohne großes Palaver und tauchten nach ca. 1 Stunde wieder auf: mit Heizlüftern, Radiatoren, Decken, Kissen ... und Matratzen.

Allerdings, diese Matratzen! Es handelte sich nicht um die gewohnten einteiligen Matten, wie wir sie im Westen kannten, sondern um 3-teilige, kurze Elemente, wie ich sie noch aus meiner Kindheit in den 50er Jahre kannte. Es stellte sich heraus, dass es in der DDR keine einteiligen Matratzen gab, sondern nur vorsintflutliche Dreiteiler.

Einige Monate später konnte ich über halboffizielle Kanäle der brandenburgischen Kirche mehrere einteilige Matratzen in die DDR hinüberschmuggeln lassen, die dann, als wir unsere Veranstaltungen regelmäßiger ausführten, für die Körperarbeit zur Verfügung standen.

Ich fühlte mich beeindruckt vom pragmatischen Improvisationstalent der Teilnehmer, eine Qualität, die mich auch später stets aufs Neue faszinierte, wenn ich in der DDR weilte. Mein erster Workshop konnte auf diese Weise zu einem gemeinsamen Erfolgserlebnis erwachsen und dazu beitragen, das Interesse an Reichianischer Körperarbeit in der DDR zum Leben erwecken.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 17. November 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (207): Myron Sharaf und die Energie der Übertragung




Myron Sharaf (1926 – 1997)
Über Verbindungen Eva Reichs und der Wilhelm-Reich-Gesellschaft kamen wir in Kontakt mit einem weiteren engen Schüler Wilhelm-Reichs, Myron Sharaf. Myron exponierte sich nicht nur als langjähriger Student und Sekretär Reichs, sondern auch als Autor der fundiertesten Reich-Biografie mit dem Titel »Fury on Earth«, deutsch: »Der heilige Zorn des Lebendigen«. Das Buch erschien erstmals 1983 in den USA und 1996 in Deutschland (Sharaf, Myron R. New York 1983; Sharaf, Myron, R., Berlin 1996).

Bemerkenswert an dieser Reich-Biografie dürfte nicht nur die fast 20-jährige sorgfältige Recherche sein, die Myron betrieben hatte, sondern auch die authentische Erörterung einer durchaus ambivalenten Beziehung zu Reich. Er beschreibt die innere Zerrissenheit, die ihn als junger Sekretär von Reich erfüllte, als seine Liebste sich auf eine Affäre mit Reich eingelassen hatte, und die beim Verfassen des Buches wieder auflebte. Eine derartig ehrliche und authentische Beziehungsklärung findet man selten bei einem Biographen.

Myron Sharaf war, als ich ihn Ende der 80er Jahre kennenlernte, bereits emeritierter Psychologie-Professor der Harvard-University in Boston. Als Reich-Schüler und Psychoanalytiker verstand er es, die Körpertherapie in der Tradition von Reich mit Psychoanalyse und Psychodrama zu verknüpfen und dieses Wissen sinnfällig weiterzugeben.

Myron, etwa Ende 60, zeigte eine imposante, leicht gebeugte und gleichzeitig entspannte Statur. Mir fiel sogleich sein markanter Unterkiefer auf, sein Mund stand häufig etwas offen. Entweder deutete es darauf hin, dass die Panzerung seiner Kiefer-Muskulatur vollständig aufgelöst war oder sein fortgeschrittenes Alter forderte hier ihren Tribut. Eine Antwort blieb offen.

Wir jungen Reich-Enthusiasten drängten Myron immer wieder dazu, auf seine Erinnerungen an Wilhelm Reich zurückzukommen. Verständlicherweise sprach er lieber über andere Themen. Vor allem zeigte er eine Meisterschaft darin, jüdische Witze zum Besten zu geben. Er verstand es mit einnehmender Mimik, fesselndem Erzählstil und nie endendem Repertoire seine Zuhörer zu fesseln und eine Lachsalve nach der anderen auszulösen.

Myron erwies sich zudem als kreativer, kritischer Geist, einerseits hochgebildet, andererseits faszinierte sein leichter, fast spielerischer Umgang mit komplexen Themen, den er in seine therapeutische Arbeit einbrachte. Ein warmherziger älterer Herr im persönlichen Umgang, mit dröhnendem Lachen, konnte er als ebenso kritischer und scharfzüngiger Geist auftreten, wenn er gegen jede Art von Dogmatismus und Orthodoxie zu Felde zog.

Als sein Spezialgebiet entpuppte sich das Gebiet der Übertragungen, welches man in den meisten neoreichianischen Schulen, auch in meiner eigenen Skan, damals sträflich vernachlässigte. Nicht nur, dass er als Psychoanalytiker und Lehrer hierzu ein umfangreiches theoretisches und technisches Wissen einbringen konnte, erhellend und inspirierend wirkte die Umsetzung des Übertragungsthemas in psychodramatischen Szenarien und Rollenspielen, die er im Laufe seines Lebens entwickelt und perfektioniert hatte.

Das, was ich in meiner »Heimat-Schule« Skan vermisste, aber in Beobachtungen, nicht nur in der therapeutischen Praxis, vorfand, nämlich die Macht von Übertragungen, lernte ich in der Arbeit mit Myron Sharaf tiefer zu verstehen und zu handhaben. Im Grunde übertrugen wir das altbewährte Handwerkszeug des Psychoanalytikers unter Einbeziehung des Energieprinzips auf das Setting der modernen Körpertherapie.

In jedem Prozess, welcher die liebende Natur des Menschen befreit, erweisen sich Übertragungen als wichtige Wegmarken und Orientierungspunkte, insbesondere in Gestalt der sog. »positiven Übertragungen«. Gleichzeitig wirken sie als Hemmungen, Erstarrungen und Blockierungen dieser inneren Liebesfähigkeit in Gestalt der sog. »negativen Übertragungen«. Beide weisen eine energetische Dimension auf, insbesondere im Bereich der Körpersprache und der Beziehungsmuster.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 12. November 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (206): Eva Reich und ihr Vater Wilhelm Reich – eine stürmische Beziehung

Eva Reich nach ihrem Schlaganfall 2003
Eva lebte in Maine, dem nördlichsten Bundesstaat an der Ostküste der USA, in einer traumhaften ländlichen Umgebung in unmittelbarer Nähe des Arcadia Nationalparks. Meine Beziehung zu und die Besuche bei ihr ließen mich auch auf tiefere Art mehr über Wilhelm Reich, sein Wirken und seine letzten Lebensjahre in den USA verstehen.

Bei meinem ersten Besuch nutzte ich die frühen Morgenstunden dazu, um im Arbeitszimmer, das sie mir zur Verfügung gestellt hatte, zu lesen und zu schreiben. Ich glaube, es handelte sich passenderweise um Aufsätze, die ich später in der Wilhelm-Reich-Zeitschrift »emotion« veröffentlichte. Eines Tages fiel mir auf, dass Eva, wenn sie nebenan in der Küche herumnestelte, sich leise, wie auf Zehenspitzen bewegte. Ich fragte nach dem Grund. Daraufhin erläuterte sie mit leichter Scheu, dass sie gelernt hätte, still zu sein, wenn ihr Vater in Orgonon morgens im Arbeitszimmer saß. Er hätte ansonsten wütend und schreiend reagiert, insbesondere, wenn er sich durch irgendwelche Geräusche beim Schreiben gestört fühlte. Dass diese Hausregel noch bei einer weißhaarigen alten Dame, die sich zudem in ihrem eigenen Haus bewegte, Spuren zeigte, spricht für sich. Dass solche Anekdoten korrektive Wirkungen auf den leidenschaftlich idealisierenden Reich-Anhänger in mir ausübten, muss nicht betont werden.

Ein anderes eindrucksvolles Erlebnis fand eines Tages beim Besuch einer etwa gleichaltrigen Dame statt. Eva stellte sie mir als ihre »beste Freundin« vor und schob lapidar den Namen hinterher: Sophie Freud. Es handelte sich die Enkeltochter von Sigmund Freud, eine emeritierte Professorin für Sozialpädagogik aus Boston. Eva und sie gingen als Kinder in Wien zusammen zur Schule. Jahrzehnte später fanden sie sich während der Emigrationszeit in den USA wieder. Es berührte mich, dass die Kämpfe und der tiefe Graben, den Vater und Großvater in ihren wissenschaftlichen Auseinandersetzungen ausgefochten und geschaffen hatten, von Tochter und Enkelin in dieser Freundschaft zweier alter Frauen ein Stück Versöhnung erfuhren.

Eva Reich erwies sich, trotz des Namens, den sie trug, niemals als »Reichianerin«. Eine ihrer hervorstechendsten Charakterzüge lag in der Offenheit für alles, was sich in ihrem Umfeld bewegte und entwickelt hatte. Dadurch versetzte sie mich in die glückliche Lage, körpertherapeutische Ansätze kennenzulernen, die heute längst vergessen sind, z. B. das »Rebirthing nach Frank Lake« (nicht zu verwechseln mit der bekannteren Rebirthing-Methode nach Leonard Orr) oder die weitgehend unbekannte Notfall-Polarity nach Randolph Stone. Manches davon vermittelte ich später innerhalb meiner eigenen Ausbildungen, so dass dieses Wissen weiter lebt.

Als ich Eva kennenlernte, reiste sie bereits einige Jahre in der Welt herum, um ihre Arbeit mit Schwangeren und Babys zu verbreiten. Wenn ich mich richtig erinnere, lehrte sie in 30-40 verschiedenen Ländern der Welt in allen Teilen der Erde. Sie zeigte ein dezidiertes Wissen über die Hintergründe gesellschaftlicher Neurotisierungsprozesse, die sie – und diesen Ansatz teile ich bis heute mit ihr – in den jeweils kulturspezifischen vorherrschenden Erziehungsstilen begründet sah. Ihr besonderes Augenmerk galt hier den frühkindlichen Bindungsangeboten und der Unterdrückung kindlicher Sexualität, hinlänglich in der Tradition ihres Vaters Wilhelm Reich.

Das, was man gemeinhin als »Mentalität« eines Volkes oder einer Nation bezeichnet, könnte hier seinen Ursprung besitzen. Nämlich in jenen Gepflogenheiten des weiten Feldes von Schwangerschaft, Geburt und Erziehung, die sich auf die Persönlichkeitsbildung der Kinder typischerweise auswirken und sich von Volk zu Volk, von Land zu Land unterscheiden. Hinter allem steht die Frage: Wie wird die Natur des Kindes durch die jeweilige Gesellschaft geformt, wie wird die Natur zu dem geprägt, was wir als Kultur bezeichnen?

Naheliegenderweise befragte man Eva Reich bei ihren zahlreichen Vorträgen überall auf der Welt nach ihrem berühmten Vater. Ihre Zuhörer zeigten sich begierig, Details zu erfahren, die sie nicht in Büchern nachlesen konnten. Fragen, die Eva stets brav beantwortete, obwohl sie mindestens genauso gern über ihre eigene Arbeit mit Schwangeren, Müttern und Babys sprach, ihrem Herzensanliegen.

Bei einem ihrer Vorträge in Berlin geschah etwas Seltsames: Eva berichtete von der Arbeit ihres Vaters in den späten 50er Jahren, von Experimenten mit der energetischen Wetterkontrolle. Dazu projizierte sie einige Fotos an die Wand. Just in dem Augenblick, als sie über das Verhältnis zu ihrem Vater die Worte aussprach: »Wir hatten eine stürmische Beziehung« stieß eine Windböe mit lauten Knall die Fenster des Vorlesungssaals auf, exakt dort, wo Eva wenige Meter entfernt redete. Das Publikum lachte erheitert auf, aber wer genau hinsah, erkannte eine Art vertrauten Schreckens in Evas Augen. Eine wahrhaft stürmische Beziehung!

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 9. November 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (205): Eva Reich und die Bürde der Heilserwartungen

Eva Reich (1924 – 2008)
Über diese erste Veranstaltung mit Eva Reich lernte ich auch meine spätere Ehefrau, Paula Diederichs, kennen, die das Werk Eva Reichs in der Arbeit mit Neugeborenen fortführte. Paula Diederichs kennt man heute als eine Pionierin der körpertherapeutischen Arbeit mit Schreibabys und deren Müttern.

Über die folgenden Jahre hielten Paula und ich engmaschigen Kontakt zu Eva Reich, organisierten Workshops und Vorträge in Berlin, besuchten sie mehrmals in ihrem Haus in Maine.

Ich bekam die Gelegenheit in Evas Einzelsitzungen als Assistenz zu hospitieren und lernte viel von ihrer herzlichen und spontanen Art, Menschen zu begegnen. Als eindrucksvoll erwiesen sich die Heilserwartungen mancher Zeitgenossen, die eine Einzelsitzung bei ihr gebucht hatten. Hier begegnete ich der ungebremsten Wucht idealisierender Übertragungen, mit der sie als Tochter des berühmten Wilhelm Reich zu kämpfen hatte. Es zeigte sich, dass sie sich immer wieder mit Erwartungen einer Wunderheilung konfrontiert sah. Da kamen Menschen, die überzeugt davon waren, dass in einer einzigen Sitzung bei der prominenten Therapeutin Eva Reich Neurosen, schwerwiegende psychische und körperliche Symptome zum Verschwinden gebracht werden. Die Betreffenden meinten das durchaus ernst und mancher zeigte sich zutiefst enttäuscht, wenn keine Wunderheilung stattgefunden hatte. Welche Leichtigkeit meines Seins, dass ich mich als unbedeutender und unbekannter Körpertherapeut einem derartigen Erwartungsdruck nicht ausgesetzt fühlte!

Mich berührte Evas authentischer Umgang mit solchen Ansprüchen. Sie hatte keine Scheu, eine Sitzung abzubrechen, bevor sie begonnen hatte, wenn sie das Gefühl der Unstimmigkeit in sich wahrnahm.

Bisweilen konfrontierte man sie mit einem derartigen Ausmaß an Verzweiflung und Ausweglosigkeit, dass es nicht nur ihr die Sprache verschlug und Ratlosigkeit sich im Raum ausbreitete. Was unternahm Eva in solchen Situationen? Sie betete. Sie faltete die Hände mit den Worten: »Lass uns zusammen beten und Gott bitten, deiner gepeinigten Seele Frieden zu schenken ...«

Durch derartige Erfahrungen lernte ich auf einer tieferen Ebene, dass Glaube und Gebet ein »Haltesystem« (ein Begriff, der hier später noch eine wesentliche Rolle spielen wird) darstellen, eine spezifische Form von Bindung und Rückhalt, der nicht belächelt, sondern wertgeschätzt werden sollte, wenn er mit dem Herzen in Verbindung steht und aus ihm spricht. Ob es unserem Ego-Verstand angenehm ist oder nicht, die spirituelle Sehnsucht nach Bindung und Verbindung scheint mir tief im Wesen des Menschens verankert zu sein. Wie ich zeigen werde, findet sich dieses Wesen im menschlichen Herzcode.

(Fortsetzung folgt)
    

Dienstag, 7. November 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (204): Meine erste Begegnung mit Eva Reich

Eva Reich vor ihrem Haus in Maine
Eva Reich, die älteste Tochter von Wilhelm Reich, lernte ich 1986 kennen. Sie kam zum ersten Mal für einen Vortrag und Workshop nach Deutschland. Rob Bennett, ein Schüler Gerda Boyesens in London, der Eva dort kennengelernt hatte, hatte sie eingeladen und ihre erste Veranstaltung in Berlin organisiert. Die Begegnung mit Eva fand an einem Freitagabend anlässlich eines Vortrags statt. Aufgeregt und enthusiastisch wartete ich darauf, der »leibhaftigen« Tochter Wilhelm Reichs zu begegnen.

Eine weißhaarige Frau Mitte 60, eher hippiemäßig als damenhaft gekleidet, betrat den Raum und begann, eifrig gestikulierend und von Anbeginn an mitreißend zu reden. Ihre jugendliche Erzählweise und ihr Enthusiasmus bildeten einen faszinierenden Kontrast zu ihren schlohweißen Haaren und ihrem faltigen Gesicht. Mit dem Werk ihres Vaters zeigte sie sich nicht nur theoretisch, sondern durch ihre enge Zusammenarbeit mit ihm bestens vertraut. In ihrem Vortrag oszillierte sie leichtgängig und unterhaltsam zwischen theoretischer Klarheit und kleineren Anekdoten. Sie zog mich sofort in ihren Bann.

Eva sprach fließend Deutsch. Dabei handelte es sich um ein »Kinderdeutsch«, also um den Wortschatz, den sie bei der Auswanderung in die USA 1935 besaß. Diese Kombination von äußerer Erscheinung und kindlicher Sprache trug zu dem Charme bei, der auf ihre Zuhörer wirkte.

Eva Reichs spezielles Interesse galt den Schwangeren, den Müttern, den Neugeborenen, Babys und Kleinkindern. In den 50-er Jahren hatte sie Medizin studiert und bis zu seinem Tode 1957 intensiv mit ihrem Vater Wilhelm Reich zusammengearbeitet. Eva lebte praktizierte anschließend als Landärztin und Geburtshelferin im dünn besiedelten US-Staat Maine.

Mir fiel auf, dass sie in ihrem Vortrag, wenn sie von Wilhelm Reich sprach, ständig wechselte zwischen den Termini »mein Vater« und »Reich«. Dies verriet eine Menge über die Beziehung, die sie zu ihm hatte. Als Scheidungskind von Reichs erster Ehe mit der Psychoanalytikerin Annie Reich-Pink, trennte sie eine lange Phase von Entfremdung und Kontaktunterbrechung von ihrem Vater. Erst in den letzten Jahren fand sie wieder zu ihm und avancierte zu seiner engsten Schülerin und Assistentin.

Sie berichtete mir später von einem der schrecklichsten Augenblicke ihres Lebens: Als 15-jährige hatte sie auf Wunsch ihrer Mutter eine Analyse bei einer Psychoanalytikerin begonnen, einer Freundin von Annie Reich-Pink. Dabei setzte man das junge Mädchen dermaßen unter Druck, dass sie schließlich einen Satz aussprach, den man von ihr verlangte: »Ja, ich sehe es ein, mein Vater ist verrückt.« Eva nannte es »ihre Gehirnwäsche«. Ich kann mir vorstellen, dass mit dieser Erfahrung auch Schuldgefühle verknüpft waren, die später zur Triebkraft ihres leidenschaftlichen Engagements für das Werk ihres Vaters erwuchsen.

Diese erste Vortragsveranstaltung mit Eva und der daran anschließende Workshop stellten den Beginn meiner langjährigen Schülerschaft und wachsenden Freundschaft mit Eva Reich dar. Von da an kam sie über viele Jahre regelmäßig nach Berlin, bot Vorträge, Workshops und Einzelsitzungen an.
Nicht nur mein Interesse, sondern manches, was in meinen Ausführungen zur frühkindlichen Entwicklung entwickelt wird, nahm durch meine Lehrzeit bei Eva Reich ihren Anfang. Ich verdanke ihr, dass sie die innere Flamme für die frühen Entwicklungsstufen des Menschen, ihre Wirkung und ihre therapeutische Transformation in mir entzündete.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 4. November 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (203): Von Wilhelm Reich zur "Körperpsychotherapie"

Das Wilhelm-Reich-Museum in Rangeley, Maine, USA
Aus dem Kreis der Schüler von Michael Smith bildetet sich der organisatorische Kern, aus dem ca. 1985 das Ströme-Zentrum für Reichianische Körperarbeit hervorging, das seinen Sitz in der Grunewaldstraße in Berlin-Schöneberg nahm und als dessen Leiter ich fungierte.

Parallel rief ich Mitte der 80er Jahre den »Ströme-Rundbrief für Reichianischer Körperarbeit« ins Leben, historisch betrachtet die erste deutschsprachige Zeitschrift für Körpertherapie. Es erschienen mehrere Jahrgänge zu einer Zeit, als die Anstrengungen der Körpertherapie sich in Richtung gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Akzeptanz bewegten. Ich vertrat in meiner Zeitschrift den kritischen Gegenpart, warnte vor einer zu starken Assimilierung an die vorherrschenden gesellschaftlichen Werte und Normen und den damit verbundenen Substanzverlust.
Diese leidenschaftlich geführten Diskussionen kulminierten in der Etikettierung der neoreichianischen Körpertherapien als sog. »Körperpsychotherapie«. Ein Begriff, der sich damals durchsetzte und bis heute als Standardbezeichnung für die dynamischen Körpertherapien genutzt wird.

Sieht man genauer hin, fasst er mehrheitlich die Körpertherapieschulen zusammen, die auf Schüler und Schülerinnen von Wilhelm Reich zurückgehen: bioenergetische Analyse, biodynamische Psychologie, Biosynthese, Hakomi, integrative Körperpsychotherapie, Orgodynamik, posturale Integration, Radix, Unitive Körperpsychotherapie, organismische Körpertherapie, Core-Energetics, emotionale Reintegration u. a.

Die Position, den ich damals vertrat, kritisierte die Gleichsetzung der Methodik Reichs mit Psychotherapie. Hier erkannte ich eine Verkürzung, die mir als unzulässig erschien, da sie die bahnbrechende energetische und soziale Dimension von Reichs Modell ausklammerte. Zudem diagnostizierte ich diese Begrifflichkeit als Anbiederung an den herrschenden psychotherapeutischen Diskurs. Allein das Ziel einer Anerkennung als seriöse therapeutische Methode stand im Fokus. Deshalb mussten die radikalen und revolutionären Elemente, wie z. B. die Funktion des Orgasmus, die sozialen und energetischen Dimensionen von Reichs Herangehensweise ausgeblendet werden. Nicht ohne Augenzwinkern bleibt festzustellen, dass diese wissenschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung der sorgfältig frisierten "Körperpsychotherapie" bis heute ausgeblieben ist.

Auch im Berliner Ströme-Zentrum konzentrierten sich damals all jene Strömungen und Angebote, die sich auf die Methode Reichs bezogen. Von der Zusammensetzung der Kolleginnen und Kollegen vertrat man einen schulenübergreifenden Ansatz, organisierte gemeinsame Fortbildungen und Supervisionen etc. Bei all dem stand im Fokus, nicht in Orthodoxie und Dogmatik zu verfallen, sondern alle Herangehensweisen zu prüfen, anzupassen und weiterzuentwickeln. Das galt für Reich selbst und für alles, was ihm folgte. Die Neugier auf und Offenheit für neue Ansätze im Bereich Körpertherapie zeigten sich nicht nur bei mir deutlich.

Aus dem Ströme-Zentrum ging später, als die Räume aus allen Nähten platzten, das »Ströme-Institut« hervor, das bis heute in Berlin-Neukölln ihren Sitz hat und dem ich bis etwa zur Jahrtausendwende vorstand.

Als hilfreich erwiesen sich die intensiven Diskussionen in der Redaktion der Wilhelm-Reich-Zeitschrift »emotion«, die auch den personellen Kern der Gründung der »Wilhelm-Reich-Gesellschaft« repräsentierte, gegründet 1987 in Berlin. Insgesamt 12 Jahre gehörte ich dem Vorstand des Vereins an. Seine Gründung zielte auf eine systematische Aufarbeitung von Reichs wissenschaftlichem Werk, insbesondere der Nachbereitung seiner Experimente. Details zu Inhalten und ihrer Geschichte finden sich auf der Homepage der Wilhelm-Reich-Gesellschaft.

Ein einschneidendes Datum blieb der 26. April 1986, der Tag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Die Hysterie und die Angst vor der sinnlich nicht wahrnehmbaren Gefahr der radioaktiven Wolken, die sich auch über Deutschland abregneten, besaß eine rationale Basis. Die Katastrophe von Tschernobyl löste die Entscheidung von Michael Smith aus, seine Zelte in Europa abzubrechen und in seine Heimat USA zurückzukehren. Er sah gerade zum zweiten Mal Vaterfreuden entgegen.

Michael, seine Frau Ellen, Al Baumann und Emily Derr gründeten eine Community auf einer Ranch nahe Santa Fé, New Mexico. Sie kamen zwar weiterhin regelmäßig nach Europa, zu Intensiv-Workshops und den Sommercamps in Südfrankreich, ich spürte jedoch, dass sich der Geist innerhalb des Skan-Netzwerks veränderte. Es trat sukzessive etwas ein, was nahezu regelhaft in sozialen Systemen geschieht, die sich auf einen charismatischen Führer ausrichten und keine tragenden Bindungen auf der Peer-Ebene entwickeln. Innerhalb des Vakuums, das durch den Rückzug des Leitwolfes entsteht, suchen sich Neid, Rivalitäten und Ausgrenzungsprozesse ihre Bahn.

Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung nach dem unerwarteten Tod von Michael Smith im Sommer 1989. Den Tod meines geliebten Lehrers erlebte ich voller Schmerz und Trauer, es schloss sich ein langer Abschiedsprozess an. Der Verlust meines Lehrers, Vaters und Mentors forcierte zwangsläufig die Loslösung aus der Skan-Familie und gab mir den letzten Anstoß, eigene Wege zu finden.

Der Zerfallsprozess unter Michaels Schülern, die damals ein paar Hundert Therapeuten umfasste, beschleunigte sich. Zwar versuchte Al Baumann, Michaels Platz einzunehmen, konnte jedoch die Entwicklung nicht aufhalten.

Heute wirken nur noch wenige aus meiner Generation, die Michaels und Al’s Fackel weitertragen. Der bereits erwähnte Hamburger Skan-Trainer Loil Neidhöfer ist meines Wissens der Einzige, der die Skan-Arbeit kontinuierlich und konsequent weitergeführt hat. Eine neue Generation von Skan-Therapeuten, heute in verschiedenen Praxen in Deutschland und Österreich tätig, wurden von Loil Neidhöfer im Laufe der Jahre ausbildet und lassen das Erbe von Michael Smith weiterleben.
Ich selbst wendete mich kurz nach Michaels Umzug in die USA bereits anderen Lehrern zu und meine körpertherapeutischen Gesellenjahre führten mich zunächst zu Eva Reich, der Tochter und engen Mitarbeiterin Wilhelm Reichs in seiner letzten Lebensphase.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 30. Oktober 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (202): Körpertherapeutische Gesellenjahre

Wilhelm Reich (1897 – 1957)
An meine 3-jährige Körpertherapie-Ausbildung in Skan bei Michael Smith schloss sich eine ebenso lange Assistenzzeit an und später ein Trainer-Training. Fast ein Jahrzehnt lang verbrachte ich meine Sommer in dem besagten Seminarzentrum bei Aix-en-Provence in Südfrankreich.

Rückblickend bleibt festzuhalten, dass ich während meiner Assistenzzeit typischerweise mehr über Körpertherapie lernte als in der Ausbildung selbst. Dafür sehe ich mehrere Gründe:
  • Ich hatte bereits mit einer eigenen körpertherapeutischen Praxis begonnen und fühlte mich deutlich vertrauter mit der Mattenarbeit als noch während meiner eigenen Ausbildung.
  • Ich profitierte auf diesem praktischen Erfahrungshintergrund weitaus mehr von den Erläuterungen Michaels zu seiner Arbeit in den Trainingsgruppen, in denen ich assistierte.
  • Michael selbst nahm seine Rolle als Lehrer intensiv wahr, d. h. in den Pausen und am Ende jedes Tages erläuterte er sein Vorgehen bei den einzelnen Sessions und Übungen. Er zeigte sich jederzeit offen für die Beantwortung der vielen Fragen seiner Assistenten.
Später, als ich selbst Trainings gab, blieb mir diese Vorgehensweise von Michael ein Vorbild für meinen eigenen Umgang mit Assistenten, wissend, dass der Boden des Lernens dort am fruchtbarsten ist, wo bereits auf eigene therapeutische Praxis zurückgegriffen werden kann.

Neben diesen Lernprozessen im Skan-Umfeld fühlte ich mich in den ersten Jahren als Körpertherapeut angezogen von anderen Schulen und Ansätzen. Etwa ab Mitte der 80er Jahre explodierte das Interesse an körperorientierter Arbeit in Deutschland. Mehr und mehr Schulen und Ansätze, die auf Reich zurückgingen und meist aus den USA stammten, fassten hierzulande Fuß.

Neben meinen Ausbildungen in Bioenergetik und Skan lernte ich bis Ende der 80er Jahre weitere neoreichianische (in diesen Jahren entstand auch der Terminus »neoreichianisch«, den meines Wissen Charles Kelley einführte in Abgrenzung zu den orthodoxen, in der Regel medizinisch ausgerichteten Schulen, die sich als die wahren Erben der Körpertherapie nach Reich betrachteten) Methoden kennen, wie z. B. Radix, Hakomi, Biodynamik, Biosynthese und die organismische Körpertherapie. Ergänzende körpertherapeutische Ansätze wie Polarity, Alexander-Technik, Feldenkrais-Arbeit, Rebirthing, Holotrophes Atmen, Cranio-sacral Therapie, Atemtherapie nach Ilse Middendorf und einige andere Ansätze, die in dieser Zeit auftauchten, lernte ich auf Workshops, Fortbildungen und im kollegialen Austausch mehr oder weniger ausführlich kennen.

Immer wieder faszinierten mich Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Gerade aus anderen Ansätzen nahm ich Anregungen mit, die das Knowhow meiner eigenen Aktivitäten ergänzten. Hervorheben möchte ich z. B. die ausgeformte Augenarbeit der Radix-Schule, welche die Technik in diesem Bereich fruchtbar erweiterte. Ihr Gründer, Charles Kelley, ursprünglich Bates-Lehrer (William H. Bates gilt als US-amerikanische Pionier einer ganzheitlichen Augenheilkunde. Er entwickelte Methoden, Fehlsichtigkeiten über Augenübungen und veränderte innere Haltungen zu beeinflussen und zu verändern), verknüpfte dieses Wissen mit der reichianischen Arbeit.

Die Biodynamik, begründet von Gerda Boyesen, brachte das rezeptiv-weibliche und mütterliche Element ein. Gerda Boyesen erwies sich neben Eva Reich, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, als eine der wenigen exponierten Frauen auf dem von Männern dominierten Feld reichianischer Körpertherapien.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 28. Oktober 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (201): Al Baumann, Wilhelm Reich und die Theaterszene im New York der 50er Jahre


Reich selbst verfügte offenbar über einen reichen Fundus von kreativen und künstlerischen Potentialen, die lange Jahre im Hintergrund verborgen blieben hinter einer wissenschaftlichen Weltsicht. In den letzten Lebensjahren schien seine kreative Seite machtvoll zum Ausdruck zu drängen. Nicht nur sein bereits erwähntes Spiel auf der Orgel und die Beschäftigung mit Musiktheorie und Komposition, sondern auch die vielen Ölgemälde, die man im Museum vorfindet, weisen darauf hin. Er galt als Verehrer Vincent van Goghs und Edvard Munchs, bewunderte bei beiden das Gespür für die Darstellung der atmosphärischen Lebensenergie, des Äthers, des Orgon. Betrachtet man die Ölgemälde Reichs im Museum, wird schnell deutlich, dass er sich von ihren Naturdarstellungen in seinen eigenen Bildern stark inspirieren ließ.

Al Baumann zeigte sich nicht nur der klassischen Musik, sondern auch dem Theater intensiv verbunden. Von ihm hörte ich zum erstmals von Pionieren der Theatergeschichte wie Stanislawski und Lee Strasberg. Synergieeffekte, die sich im Umfeld von Reich und der Künstler- und Theaterszene in Greenwich Village, dem Method Acting und der New School for Social Research
ergaben, prägten spätere Weltstars wie Marlon Brando oder Walter Matthau. Eine ganze Generation von jungen Künstlern entdeckte damals Wilhelm Reich und seine lebensenergetischen Ansätze.

Baumann selbst verschmolz seine künstlerisch-lebensgeschichtlichen Prägungen mit der Reichianischen Arbeit zum sog. »Streaming Theatre«. Er verstand darunter eine Art Ich-Entäußerung und Inneres-Selbst-Darstellung, die ihre Wurzeln im »vegetativen Strömen« besitzen, wie Reich jenes Phänomen nannte, das man heute etwa als »Flow« bezeichnen könnte. Die Ausdrucksbewegungen des authentischen Selbst aus der Präsenz des Augenblicklichen stand im Fokus. »Streaming Theatre« erwies sich als ausgezeichnete Methode, um Präsenz zu üben, insbesondere vor einem Publikum.

Gern nutzte Al die energetische Identifizierung mit Tieren. In gewisser Weise ähnelte es den Ritualen indigener Völker, die sich körperseelisch stark mit einem Tier identifizieren, eins mit ihm werden und sich in ihrer Präsenz in dieses Tier zu verwandeln scheinen. Nicht der (schau)spielende Mensch, der imitiert, stand im Vordergrund, sondern die Haltung, mit allen phylogenetischen, archaischen Ressourcen aus den Tiefen des Selbst zu diesem Tier zu regredieren, es zu sein.

Der Ansatz von Al, den Prozess der Verlebendigung, der in der Körpertherapie auf der Matte stattfand, auf der Bühne des »Streaming Theatre« und dem damit verbundenen authentischen Selbstausdruck fortzusetzen, konnte in der Zusammenarbeit von Al und Michael zum festen Bestandteil der Skan-Arbeit gedeihen. Bis zum heutigen Tage wird es vom Skan-Trainer Loil Neidhöfer in Hamburg gepflegt und weiterentwickelt.

Emily Derr, Stimmtrainerin und Opernsängerin, verband das traditionelle klassische Stimmtraining mit energetischer Körperarbeit. Sie half mir, die Stimme als authentische Ausdrucksform nicht nur zu entdecken, sondern auch ihre Blockierungen in Körperhaltung und Körperausdruck zu erkennen und zu verändern. Sie zeigte, wie über Töne nicht nur emotionaler Selbstausdruck, sondern auch tiefe Trancezustände erfahrbar werden.

Als kultureller Höhepunkt dieser Aix-Wochen blieben sog. »living room concerts« in Erinnerung. Al Baumann saß am Klavier und Emily, barfüßig, voll weiblicher Süße, leger im leichten Sommerkleid, gaben klassische Arien und Lieder. Emilys wundervoller Gesang erklang in einer Umgebung, die alles andere als die gewohnte Steifheit des elitären Kulturverständnisses repräsentierte. In einer hellen luftigen Halle stand sie einfach da, umgeben von jungen Menschen, die auf dem Boden hockten oder sich auf Matratzen gefläzt hatten oder kuschelten.

Meine durch mein Elternhaus vorbereitete Liebe zur Oper erhielt durch diese intimen Konzerte den letzten Anstoß, die Faszination von Opern auf einer tieferen, energetischen Ebene neu zu erleben und wahrzunehmen. Insbesondere die klassischen italienischen Opern verstehen es ja meisterhaft, die Schwingungsmuster von Emotionen im Zuhörer in Bewegung zu setzen. Gewiss macht ein Teil dieser Anziehung aus, dass sie – künstlerisch – etwas ausdrücken, was Zuschauer und Zuhörer in sich selbst fühlen, aber nicht zeigen. Handelt es sich hier um einen an die Sänger delegierten Gefühlsausdruck in hochkultureller Verpackung? Dies könnte zumindest ein Teil der Faszination darstellen, welche die Opernmusik bis heute in unserer Kultur charakterisiert.

Die Sommerworkshops in Südfrankreich wirkten wie ein mehrwöchiges Festival gelebter Lebensenergie, der Kreativität, der Liebe. Getragen vom Geist schöpferischer Neugier, das Lebendige in sich selbst und zwischen den anderen zu entdecken und zu zelebrieren, vermochten sie die Verlebendigung des Einzelnen im »Stammesleben« zu erproben und zu verstärken.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 18. Oktober 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (200): Al Baumann und der künstlerische Selbstausdruck in der Körpertherapie

Al Baumann (1919 – 1998)
Al Baumann gehörte in den 50er Jahren zu den wenigen, die Wilhelm Reich in dessen letzter Lebensphase hautnah erlebten. Damals siedelte Reich von New York nach »Orgonon«. Orgonon nannte er sein Anwesen in der Nähe von Rangeley/Maine, das heute als »Wilhelm-Reich-Museum« der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Al kannte den inneren Kreis um Reich aus eigener Anschauung. Er sollte der Erste in der Reihe von Lehrern sein, die ich im Laufe der Jahre kennenlernte, welche Reich persönlich erlebt hatten, in denen sein Geist weiterlebte. Das verlieh Al in meinen gläubigen Augen jene Aura, die ihn zum "Jünger des Herrn" adelte.

Ich glaube, Al Baumann zählte etwa 66 Jahre, als ich ihn kennenlernte. Er trug einen eindrucksvollen weißen Bart, zeigte strahlende, wache braune Augen, mit denen er stets etwas verschmitzt in die Welt schaute. Al trug einen Piratenohrring in einem Ohr, was ihm jenen Hauch von Verwegenheit verlieh, die nicht so recht zu seiner Altersgruppe zu passen schien. Er sah wie jener Großvater aus, den sich ein aufrechter Reichianer wünschte: lebendig, humorvoll, präsent. Al konnte fesselnd erzählen und zahllose Anekdoten zum Besten geben. Seine Vertrautheit mit der Bühne ermöglichte es ihm, mit theatralischen Effekten, Pausen und Pointen seine Zuhörer dermaßen in dem Bann zu ziehen, dass die praktische Arbeit und Übung häufiger ins Hintertreffen geriet.
 
Al sah auf ein abwechslungsreiches Leben zurück, nicht nur, was seine Zeit mit Reich betraf. Er kam aus der Kunst, trat als professioneller Konzertpianist auf, hatte Tanz und Malerei studiert, u. a. bei Robert Motherwell.

Aufgrund einer beruflichen und persönlichen Krise nahm er 1948 Kontakt zu Reich auf, der damals in Künstlerkreisen hoch im Kurs stand. Reich verwies ihn an Simeon Tropp, einem seiner engsten Mitarbeiter. Der Meister führte die ersten und die abschließenden Einzelsitzungen mit Al selbst aus, den Mittelteil delegierte er an Simeon Tropp. Ein bemerkenswertes Vorgehen, das Reich eingeführt hatte und ihm ermöglichte, die Qualitätsstandards direkt an seinen Schülern zu überprüfen.
Al erzählte, dass er später Reich im Klavier- bzw. Orgelspiel unterrichtete. Als ich in den 80-er Jahren Orgonon, heute das Wilhelm-Reich-Museum, besuchte, bewunderte ich die ausladende Hammond-Orgel, die Reich besaß. Reich liebte es, das erzählte mir später seine Tochter Eva, während des Spielens sämtliche Fenster im Haus zu öffnen, um seine Musik mit der atmosphärischen Lebensenergie verschmolzen zu fühlen.

Eine weitere Anekdote, an die ich mich erinnere, betraf die Begegnung mit dem arabischen Dichter der Liebe, Rumi. Al und Reich versuchten gemeinsam, Gedichte Rumis zu vertonen. Reich zeigte sich verwundert darüber, dass Al einen persischen Dichter des 12. Jahrhunderts nicht kannte. Was aus diesen Versuchen geworden ist, weiß ich nicht, aber Rumi sollte später in meinem Leben noch Bedeutung gewinnen. Damals wusste ich nicht, dass Rumi nicht nur ein ekstatischer Lyriker der Liebe, sondern auch als Sufi der ersten Stunde gilt.

Es gäbe noch viele wundersame Anekdoten, die mir in den Sinn kommen, weil Al sie faszinierend erzählen konnte. Sie alle stellten ein unterhaltsames Beiwerk für den Lernenden dar, beeindruckten den Suchenden in mir, der sich teilhaftig fühlen durfte an erzählter Geschichte, die sonst, wenn überhaupt, nur über Bücher zugänglich bliebe.

Mit Al und seiner Lebenspartnerin, der Opernsängerin Emily Derr, trat der künstlerisch-kreative Aspekt der Skan-Arbeit machtvoll hervor, ein Aspekt, der eine besondere Anziehung auf mich ausübte. Zudem kontrastierte er die vorherrschend naturwissenschaftlich-medizinische Reich-Auslegung, mit der ich mich häufig konfrontiert sah. Meine Künstlerseele erwachte mit Skan zu neuem Leben.

(Fortsetzung folgt)