Montag, 22. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (176): Das narzisstische Ego und die Verwundung des Herzens

Foto: vkd
 Diese Empfindung von Schmerzhaftigkeit angesichts des rigiden Ichs, der man in sich selbst oder in einem anderen Menschen begegnet, ist kein Zufall. Spüren wir dem nach, so lässt sich unschwer wahrnehmen, dass psychische Rigidität den inneren Schmerz, das innere Leid kaschiert und schützt, das in tieferen Schichten der Persönlichkeit verborgen bleibt.

So sind es Leid, und tiefe Wunden im Herzen, die hinter all diesen Erstarrungen verdeckt werden. Das narzisstische Ego hat nur eine einzelne, aber wesentliche Aufgabe: Alles zu unternehmen, damit der Mensch diesen tiefen Schmerz, diese tiefe Verwundung des Herzens niemals wieder fühlen muss. Seine Rigidität repräsentiert damit eine negative Identifikation mit dem inneren Leiden und wehrt alles ab, was dieses Arrangement aus der Balance bringen könnte.

Die Rigidität des narzisstischen Egos, dieses fast perfekten Schutzpanzers aus Urteilen, Widerständen und Identifizierungen, wird in der Gegenübertragung leicht spürbar als die Qualität des »Rühr mich-nicht-an«. Bei Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsanteilen lässt sich eine unbändige Aggression, ein Hass auf jeden, der sein Ego nicht kritiklos bejaht, wahrnehmen (die sog. »narzisstische Wut«). Diese wirkt wie ein Elektrozaun, dessen gefährlicher Ladung man sich nur ungern nähert.

Diese Aura des »Rühr-mich-nicht-an« kennzeichnet die Egostruktur im Allgemeinen, mit der wir in der Praxis zu tun haben. Ihre Gemeinsamkeit findet sich in ihrer grundlegenden Abwehrhaltung gegenüber allem, was sie in Form und Funktion beeinträchtigen könnte.

Attackiert man diese Ego-Strukturen ohne Vorbereitung und ohne tragende Beziehung, so besteht die Gefahr, lediglich Abwehrreaktionen auszulösen.

Manche gehen typischerweise in den Kopf, rationalisieren jede Deutung im Sinne ihres Ego-Konstrukts, lassen dieses selbst jedoch unangetastet. Andere flüchten sich in aufschäumendes Drama oder Leid, häufig gepaart mit eitlem Selbstmitleid, das ihnen nicht bewusst wird. Manche verbergen sich hinter Trotz und Überheblichkeit, in Verachtung, Stolz oder Rückzug. Wieder andere spreizen sich in Grandiosität und Omnipotenz, drohen mit dem Abbruch der Therapie.

Hochdramatische Entwicklungen stehen auf der Agenda. Allen gemeinsam ist die Haltung, ein missverstandenes Opfer eines Aggressors zu sein, in diesem Fall des Therapeuten. Unschwer lässt sich hier die Übertragungsqualität erkennen und die Funktion, etwas Bestimmtes in der Körperseele nicht zu spüren: die tiefe Verwundung des Herzens.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 20. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (175): Von der Charakteranalyse zur seinsorientierten Transformation


Foto: vkd
Ad 4.: Charakteranalytische Therapie nach Wilhelm Reich
Der revolutionäre Ansatz Reichs fand sich bereits in seiner Charakterlehre, als er noch als Psychoanalytiker praktizierte. Zwar hatten Freud und vor allem die Analytiker Karl Abraham und Franz Alexander erste Elemente zu einer Charakterlehre geliefert. Aber erst Wilhelm Reich schuf eine systematische Theorie des Charakters und ein darauf basierendes Modell ihrer therapeutischen Anwendung.
Diese Charakterlehre basiert auf dem psychosexuellen Entwicklungsmodell und begreift die Persönlichkeit des Einzelnen als persönlichkeitsbildende Programmierung in der jeweiligen Phase.
Die Radikalität seines Ansatzes liegt darin, dass hier nicht mehr zwischen neurotisch und nicht-neurotisch (also »gesund« oder »normal«) unterschieden wird. Jeder Charakter, jede Persönlichkeit weist demnach grundlegende neurotische Muster auf. Folgerichtig will eine charakteranalytische Behandlung die Persönlichkeit als Ganzes transformieren, nicht nur ein bestimmtes und begrenztes Symptom. Diesen »transformierten« Charakter bezeichnete Reich später als »genitalen Charakter« und definierte damit sein Modell seelischer Gesundheit.

Ad 5.: Seinsorientierte Transformation
Diese geht einen essentiellen Schritt über Reich hinaus, indem sie das Modell des Egos, das sich in spirituellen Persönlichkeitslehren findet, in den Prozess miteinbezieht. Sie verbindet die Traditionen der Charakteranalyse Reichs mit der Essenz des spirituellen Wissens um die Macht des Egos.
Diese dominiert überall, das Individuum, seine Beziehungen, Kultur und Gesellschaft, erscheint im winzigsten Detail des Alltags. Die Dominanz des narzisstischen Egos gebärdet sich total und totalitär. Jede Freiheit beginnt erst dort, wo es möglich wird, diese Allmacht zu transzendieren. Diesen Prozess beim Einzelnen in Gang zu setzen, das ist der Ansatz der seinsorientierten Transformation.

Die Macht des narzisstischen Egos
Eine besondere Eigenschaft des narzisstischen Egos besteht darin, dass es sich im Laufe des Lebens mit einer persönlichen Geschichtsschreibung identifiziert hat. Dieses Drama inszeniert sich mit wachsendem Lebensalter immer rigider, unbeweglicher. Wie der Körper in Prozess des Älterwerdens sukzessive versteift, so erstarren auch Selbst- und Weltwahrnehmungen. Das Gewicht der Erfahrungen im seelischen Erleben erzeugt eine Schwere, die unerträglich anmutet. Was hat es mit dieser »persönlichen Geschichtsschreibung« und der damit verbundenen Schwere auf sich?

Auf der oberflächlichen Ebene findet man sich zunächst mit dem Ich konfrontiert. Es ist das Ich, das jene Geschichte erzählt, wer ich bin und weshalb ich so und nicht anders geworden bin und nur so und nicht anders mich selbst präsentiere. Das Ego repräsentiert die absolute Identifizierung mit dieser Geschichte, die ICH mir selbst und anderen präsentiere.

Begriffe wie Image, Prestige, Renommee, Ehre, Leumund, Ruf, Respekt (vor der verlogenen Ego-Story), das grundlegende Beziehungsmuster des »Rühr-mich-nicht-an« repräsentieren einige Aspekte dieser Selbstpräsentation. Die Rigidität, die hier aufscheint, kann, begegnen wir dem Menschen offenen Herzens, als schmerzhaft, ja wahnwitzig wahrgenommen werden, doch sie ist bitterer, bisweilen auch tödlicher Ernst. Wie viele Leben werden geopfert im Namen von Image und Ehre?

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 17. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (174): Über die unterschiedlichen Zielsetzungen von Therapie

Foto: vkd
Körpertherapeutische Herangehensweisen und andere Methoden bieten wirkungsvolle Möglichkeiten, um Rigiditäten, Blockierungen und Kontaktstörungen in der Beziehung zum inneren und zum äußeren Sein zu transformieren. Sie versagt allerdings bei der Aufgabe, die Dominanz des narzisstischen Egos in den Denk- und Verhaltensmustern signifikant zu vermindern.

Damit verknüpft ist die Frage nach den unterschiedlichen Zielsetzungen einer Therapie oder eines Transformationsprozesses, die es vorab zu klären gilt. Hier lassen sich verschiedene Modelle und Zielsetzungen unterscheiden:

1.    Coaching, Beratung und Lebensberatung
2.    Symptomorientierte Psychotherapie
3.    Wachstumorientierte humanistische Psychologie und Psychotherapien
4.    Charakteranalytische Therapie nach Reich
5.    Seinsorientierte Transformation der Persönlichkeit

Ad 1.: Coaching und Beratung
In diesem Fall gibt es eine eng umrissene Fragestellung, für die der Klient einen Coach oder Berater aufsucht. Meist steht die Optimierung der Leistungsfähigkeit oder die verbesserte Umsetzung von konkreten Zielsetzungen im Beruf, Beziehung und Alltag im Fokus. Wie die Zielsetzung selbst, so zeigt auch der Weg effizienzgeprägt. Coaching oder Beratung bieten kurzfristig angelegte Prozesse von wenigen Wochen oder Monaten.

Ad 2.: Psychotherapie
Hier subsumiere ich das weite Feld der Psychotherapie, von der Verhaltenstherapie über Tiefenpsychologie, Psychoanalyse bis hin zu den systemischen Ansätzen, um nur einige zu nennen. Auch die moderne Körperpsychotherapie lässt sich hier einordnen.
Die Gemeinsamkeit dieser Methoden besteht darin, dass sie sich auf dasjenige Symptom, welches Patient und Therapeut im Arbeitsbündnis definierten, konzentrieren. Der Psychotherapeut richtet seine Tätigkeit darauf aus, das Symptom zu mildern oder idealerweise zum Verschwinden zu bringen und damit die allgemeine Lebensqualität zu verbessern.

Ad 3.: Humanistische Psychologie und Psychotherapie
Der radikale Ansatz, welcher der ersten Generation der sog. humanistischen Psychologen in den 60er und 70er Jahren noch kennzeichnete, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Übrig geblieben aus dieser Bewegung des sog. »3. Weges der Psychologie« sind Methoden wie die klientenzentrierte Gesprächstherapie und die Gestalttherapie.
Der revolutionäre Ansatz der »Humanistischen Psychologie« fand sich in einem radikalen Bekenntnis zu Ganzheitlichkeit und Wachstum. Die traditionellen Rollenmuster von Arzt und Patient wurden ebenso infrage gestellt wie die Trennung von Körper und Seele (der heute häufig verwendete Begriff »Klient« statt »Patient« stammt daher).
Einer der Protagonisten, Abraham Maslow, betrachtete Selbstverwirklichung und Transformation als fundamentale menschliche Bedürfnisse. Ihm erschienen die Werkzeuge der Psychotherapie als viel zu wertvoll, um sie nur effienzorientiert oder zur Beseitigung von Symptomen zu nutzen. Vielmehr sollten sie als Gemeingut für die Selbstverwirklichung jedes Menschen angewendet werden.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 15. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (173): Pränataler Ganzkörperkontakt in der Seitenlage

Foto: pixabay
Das Bedürfnis nach ganzköperlicher Halterfahrung tritt im weiteren Verlaufe der Prozessphase deutlicher in Erscheinung. Es gibt in der seinsorientierte Transformation eine Anzahl von Arrangements, die sich auf diese Entwicklungsphase beziehen.

Beim pränatalen Ganzkörperkontakt in Seitenlage liegt der Klient in Embryonalhaltung auf der Seite, über sich eine Decke, dazu ein Kissen im Arm. Der Therapeut nutzt seinen Körper, um eine gebärmutterähnliche Erfahrung nachzubilden.

Dazu positioniert er sich über den mit der Decke verhüllten Klienten, achtet darauf, dass dieser weder in seinem Atmungs- noch in seinem Bewegungsspielraum eingeschränkt wird. Decke und Kissen haben sowohl eine symbolische Bedeutung (als zum Fötus gehörige Plazenta), als auch eine Abgrenzungsfunktion (als Kontaktgrenze).

Es geht hierbei nicht um eine ganzkörperliche Verschmelzungserfahrung unter Auflösung von Körpergrenzen, wie man vermuten könnte, sondern um eine organismisch-energetische Verankerung in einer Halterfahrung. Analog zur Dauer dieser Übung werden sich Effekte einer energetischen Überlagerung zeigen, z. B. Pulsationen und Rhythmen (wie Atmung, Herzschlag usw.) spontan angleichen

Das Körperselbst erlebt sich in einem sicheren und intimen, jedoch nicht überwältigendem Kontakt mit einem anderen Organismus. Die eigenen Körpergrenzen und die physische Identität werden auf diese Weise auf der uteralen Ebene bejaht, energetisch genährt und liebevoll gestärkt.

Bei einer Ganzkörperkontaktübung folgende Faktoren elementar:
•    Ein an der inneren Uhr des Klienten ausgerichteter Zeitrahmen,
•    Die Kontaktpotentiale des Therapeuten (Einstimmung, Zuwendung, Gefühlsanklang),
•    Das Zulassen von Trance- oder Bewegungsimpulsen.

Auf diese Weise lassen sich körpertherapeutisch vorhandene Disbalancen zwischen Autonomie und Bindung in der uteralen Phase sanft korrigieren.

Ich denke, dass diese Beispiele ausreichen, um eine Vorstellung von der Praxis der seinsorientierten Therapie zu bekommen. Manche Elemente mögen dem Leser, der nicht über eigene körpertherapeutische Erfahrungen verfügt, eigenartig vorkommen. Das «Eigenartige« solcher Arrangements und Übungen besteht darin, dass sie nichts anderes darstellen als die symbolisch-energetische Nachbildung eines Geschehens, das in frühester Kindheit stattfand und sich tief im zellulären Gedächtnis des Organismus eingegraben hat. Das Erstaunliche, das Wunder enthüllt sich darin, dass solche Ur-Erfahrungen ein Leben lang abrufbar bleiben. Das zelluläre Gedächtnis des Körpers scheint also ebenso zeitlos zu sein wie das Unbewusste.

Eine seinsorientierte körpertherapeutische Herangehensweise wird u. a. Bemutterungserfahrungen auf der energetisch-symbolischen Ebene nachbilden und zellulär sensibilisieren. Damit lassen sich manche jener Kreise schließen, die aufgrund unzureichender Halt- und Bindungserfahrungen offen blieben.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 13. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (172): Pränatale Halterfahrung und Berührung

Foto: pixabay
 Wie bereits mehrfach erwähnt, bildet für den Fötus die Gebärmutterwand die prägende Ur-Erfahrung von Halt und Gehaltensein. Im nächtlichen Schlaf regredieren die meisten Menschen zurück in die Ur-Erfahrung des Halts, indem sie in der sog. Embryohaltung schlafen.

Die Halterfahrung in der Gebärmutter unterscheidet sich von einer mechanischen Halterfahrung (z. B. derjenigen der Rückenlehne eines Stuhls) dadurch, dass sie, eine positive Haltung zur Schwangerschaft vorausgesetzt, in mehrfacher Hinsicht lebendig ist: Sie ist warm, beweglich, pulsiert und reagiert intuitiv-liebevoll auf fötale Impulse.

Die vitalen Qualitäten Gebärmutter können jedoch eingeschränkt sein. Dies geschieht dort, wo eine negative Grundeinstellung zur Schwangerschaft besteht. Das kann eine Verleugnung oder starke Ablehnung der Schwangerschaft selbst sein. Solche Grundhaltungen führen dazu, dass die Gebärmutter emotional erstarrt, kalt, gefühllos und unbeweglich wird. Ein Lebensraum, der gekennzeichnet ist durch eine unzureichende Halterfahrung, also eingeschränkte Einstimmung, Zuwendung und Gefühlsanklang.

Der körpertherapeutische Ansatz besteht naheliegenderweise darin, die lebendige Gebärmutterqualität symbolisch und energetisch nachzubilden. Dies wird erfahrbar in der Art und Weise, wie wir den Rücken des Klienten mit unseren Händen berühren, während dieser in embryonaler Haltung seitlich auf der Matratze liegt. Die berührenden Hände sind dabei warm, beweglich, sie pulsieren und reagieren. Der Energiefluss zwischen dem Herzen und den Händen des Therapeuten ist geöffnet, so dass der Fluss der Liebe aus dem Herzen in die Hände fließt. Sie »atmen« Herzenergie.

Wir beginnen damit, dass die linke, dem Kopf nähere Hand (»Kopfhand«) den Bereich des Nackens, die den Füßen benachbarte Hand (»Fußhand«) das Becken in Steißbandhöhe abdeckt. Beide Hände verharren dort und treten in »dialogische Berührung« (siehe S. 345). Nach einigen Minuten gehen beide Hände ein Stück weiter, Schritt für Schritt, bis sie sich in der Mitte des Rückens, etwa im Zwerchfellsegment, treffen. Dieser Abschnitt, von den Polaritäten Nacken und Becken ausgehend bis zu der Vereinigung im Zwerchfellbereich sollte mindestens 12–15 Minuten andauern.

Anschließend geht es in die andere Richtung zurück, um den Zyklus zu vervollständigen. Ein solcher Zyklus sollte mehrmals wiederholt werden.

Es ist zu erwarten, dass der Klient während dessen in einen tranceartigen Zustand gleitet. Dies ist durchaus erwünscht, denn es ist ein Zeichen dafür, dass sich auf einer subtilen energetischen Ebene die Energieströme reorganisieren. Im Grunde bildet sich hier die Situation ab, den der Fötus im Mutterleib erfahren hat. Es handelt sich bei diesen tranceartigen Zuständen um tiefe Regressionen, die allerdings körpertherapeutisch wenig spektakulär sind, weil sie sich tief in Inneren abspielen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 7. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (171): Beispiele mütterlichen Halts - die Herz-Stirn-Verbindung


Foto: vkd
 "Du hast nur meine Stirn berührt, da schmolz er auch schon hin, der harte Mann ..." (Francois Villon)

Das Phänomen des »inneren Polizisten« haben wir bereits an anderer Stelle erörtert. Wir erinnern uns, dass die Instanz des »inneren Polizisten« dazu dient, zwei fundamentale organismische Prozesse zu kontrollieren: die genitale Hingabe und die Öffnung des Herzens. Ihre Einheit und Vereinigung entfaltet die Wahrhaftigkeit von Liebe. Ihr Getrenntsein von eineinander und ihre Spaltung inszenieren den Schein, die Illusion, die leere Form.

Der innere Polizist hat also die vornehmste Aufgabe, Impulse der wahrhaftigen Liebe zu kontrollieren. Er ermittelt, stellt Strafzettel aus oder sorgt im unerträglichsten Fall dafür, dass das wahre Selbst eingesperrt und verbannt wird.

Sobald sich im Bereich der genitalen Hingabe und der Öffnung des Herzens deutliche Impulse zeigen, tritt dieser «innere Polizist« in Erscheinung. Körperlich geht damit eine sichtbare Anspannung im Stirnbereich einher, in den Denk- und Verhaltensmustern werden all jene charaktertypischen Abwehr- und Widerstandsmuster in Gang gesetzt, welche die Hingabeimpulse verhindern.( In diesem Sinne kann jeder einzelne Charaktertypus als spezifisches Abwehrmuster gegen die genitale Hingabe und die Öffnung des Herzens interpretiert werden.)

Auf diesem Hintergrund interpretieren wir die körpertherapeutische Herz-Stirn-Verbindung als energetische Reorganisierung der Energieströme zwischen Herz und Stirn, zwischen Herz- und Augensegment. Dabei wird eine Hand auf das Herz des Klienten, der dabei auf dem Rücken liegt, die andere Hand auf der Stirn des Klienten in unmittelbarer Nähe der Augenbrauen platziert.

So banal diese Beschreibung auf den ersten Blick anmutet, so intim kann sie vom Klienten erlebt werden, wenn eine solche Berührung über einen längeren Zeitraum beibehalten wird. Widerstands- und Abwehrmuster, die hier spontan auftreten, sind willkommen und werden mit Vorrang bearbeitet.

All das, was Hingabe und (Ver)Bindung zwischen diesen Polaritäten verhindert, wird so bearbeitet, körpertherapeutisch und verbal. Am Ende steht idealtypischerweise der Friedensschluss im »innerseelischen Bürgerkrieg« (siehe meine früheren Ausführungen zu diesem Thema), der einhergeht mit einem tiefen Gefühl von Frieden, Heimat und Stille.

Entscheidend auf Seiten des Therapeuten sind dabei seine Kontaktfähigkeit und die Qualität seines Kontakts. Wie bereits ausgeführt, basiert dieser auf den Prinzipien von Zuwendung, Einstimmung und Gefühlsanklang und auf der dialogischen Qualität der Berührung. So entstehen Voraussetzungen für eine wachsende (Ver)Bindung von Gehirn und Herz, Ich und Selbst, Ego und Liebe.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 4. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (170): Was energetisch bei einer Umarmung geschehen kann ....

Foto: pixabay
Zum besseren Verständnis möchte ich anhand einer einfachen körperlichen Erfahrung erläutern, welche typischen und unterschiedlichen Reaktionsmuster sich bei oralen und hysterischen Persönlichkeitsanteilen ergeben können: Die Umarmung zweier Menschen im Stehen dürfte die anthropologisch grundlegendste Variante mütterlichen Halts repräsentieren, denn sie verbindet die Vorderseiten zweier Menschen, die sich nahe kommen, energetisch und gefühlsmäßig.

Entsprechend ist zu erwarten, dass bei oralen Persönlichkeiten in einer engen liebevollen Umarmung tiefe ungestillten Bindungswünsche aktualisiert werden bzw. deren Abwehr. Menschen, die diese Bindungssehnsüchte in sich zulassen, werden dazu neigen, sich in einer solchen Umarmung eher zu verlieren und auf die frühkindliche Stufe zu regredieren. Entsprechend würde eine solche Umarmung tendenziell ungewöhnlich lange andauern. Orale Persönlichkeiten, die ihre Bindungssehnsüchte abwehren, werden hingegen dazu neigen, in den Kopf zu gehen, den Körper zu versteifen und z. B. die aufkommende sehnsuchtsvolle Erregung über das Sprechen zu entladen (differentialdiagnostisch wäre in diesem Beispiel der oral frustrierte vom oral resignierten Charaktertypus unterschieden.)

Bei hysterischen Persönlichkeiten hingegen lässt sich bei einer Umarmung erwarten, dass Unruhe und Übererregung sichtbar werden, das bio-energetische System in einen inneren Fluchtmodus umschaltet. Nähe zu inszenieren und auszudrücken, fällt dem Hysteriker leicht. Nähe zu fühlen hingegen löst Flucht- und Abwehrmechanismen aus. Dies geschieht bei ausgeprägten hysterischen Persönlichkeiten insbesondere durch eine Sexualisierung der Situation, die als Abwehr der sehnsüchtigen Gefühle des Herzens funktionalisiert wird.

Diese Beispiele zeigen, wie eine einfache körperliche Geste, die auch als eine körpertherapeutische Intervention interpretiert werden könnte, völlig unterschiedliche körperliche und seelische Reaktionsmuster auslösen kann.

Stets gilt es, dem Menschen in seiner Persönlichkeit, welche die Einschränkungen seines inneren Reichtums repräsentieren, liebe- und verständnisvoll, jedoch klar zu begegnen. Es gilt, ihn dorthin zu begleiten, wo der innere Reichtum, über den er in frühester Kindheit verfügte, wiederzufinden ist und sich entfalten kann. Mütterliche Halterfahrungen reaktualisieren so jene ursprünglichen Impulse nach Hingabe und Bindung, der innere Reichtum wird wiederbelebt.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 23. April 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (169): Charakter und Energie

foto: pixabay
Eine ausgeprägte und differenzierte Wahrnehmung nach innen findet sich u. a. bei oralen Prägungen, bei denen oftmals ein umfänglicher Empfindungs- und Gefühlsreichtum erkennbar ist. In diesem Zusammenhang spricht man gern von »sensiblen« Menschen, was ja nichts anderes bedeutet, als dass diese über hohe Empfindungs-, aber auch Empfindlichkeitspotentiale verfügen. Bei künstlerisch oder musisch veranlagten Menschen können wir von einer ausgeprägten Empfindsamkeit in der Innenwahrnehmung ausgehen, was darauf hindeutet, dass diese orale Anteile in ihrer Persönlichkeitsstruktur besitzen.

In all diesen Fällen bestehen im Kern positive Voraussetzungen für eine körpertherapeutische Transformation der Selbstbeziehung. Ein typisches Abwehrmuster lässt sich auf der kognitiven Ebene beobachten. Bei oralen oder oral geprägten Persönlichkeiten findet sich häufig die Neigung zu einer starken Kontrolle und Selbstkontrolle durch den Ego-Verstand. Er repräsentiert, genährt durch ein tiefes Misstrauen im Verhältnis zu den eigenen Bedürfnissen und einer trotzigen Grundhaltung gegenüber der Welt, die zentrale Abwehrbastion dieser Persönlichkeitsstruktur. Unser Augenmerk liegt hier auf der liebevollen und geduldigen Integration der innerseelischen Wirklichkeit und Abwehrmuster in die Selbstwahrnehmung.

Auf der anderen Seite des Spektrums finden sich Persönlichkeiten, die dazu neigen, vor der Wahrnehmung ihrer Empfindungen und Gefühle zu flüchten. Dieses Muster lässt sich insbesondere bei Klienten mit hysterischen Anteilen beobachten. Die Disbalance zwischen Empfindung und Gefühl auf der einen Seite und dem emotionalen Selbst-Ausdruck auf der anderen Seite zeigt sich hier im Übergewicht des emotionalen Selbstausdrucks (dem »Drama«). Das »hysterische Drama« deuten wir funktionell als Vermeidung des Fühlens nach innen und als Mangel an der Fähigkeit, Erregung auf einem bestimmten Niveau zu halten.

Da wir bei hysterischen Prozessen, energetisch betrachtet, mit einem Zustand chronischer Übererregung zu tun haben, besteht die erste Aufgabe darin, den Organismus darin zu unterstützen, in einen Zustand von Entregung und Ruhe zu kommen. Deshalb ist eine kathartische Entladungsarbeit durchaus indiziert, bevor die eigentliche Körperarbeit mit der Empfindungs- und Gefühlsebene beginnt. Ein hysterischer Klient wäre viel zu zappelig und unruhig, würde man ohne diesen Umweg der Entladungsarbeit mit ihm sofort auf der Entregungsebene arbeiten.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 19. April 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (168): Mütterlicher Halt in der Prozessphase


foto: pixabay
Allgemein gesprochen, beziehen sich die mütterlichen Halterfahrungen auf die Vorderseite des Körpers. Sie stehen für physisch-energetische (Ver-)Bindungserfahrungen.

Darüber hinaus stellen all jene Interventionen, welche sich auf die Entpanzerung des Herzsegments und die Herstellung der Hingabehaltung auswirken, Wegbereiter für die energetisch-feinstoffliche Reintegration dieser mütterlichen Halterfahrungen dar. Auf diesem Weg entwickeln sich die Bindungspotentiale in mehrfacher Hinsicht:

•    Bindung nach innen (Selbstbeziehung)
•    Bindung nach außen (Objektbeziehung)
•    Reintegration und Verbindung der energetischen Kontaktzentren zum Herzen (als »energetische Kontaktzentren« bezeichne ich all jene Funktionen unseres Organismus, die dazu dienen, mit der Außenwelt, insbesondere anderen Menschen, in Kontakt zu treten. Dies sind im einzelnen: die Augen und das Gehirn, die Arme und Hände, der Mund und die Stimme sowie die Genitalien).
Die okulare Verbindung bedeutet: Mit dem Herzen sehen / denken;
Die orale Verbindung bedeutet: aus dem Herzen kommunizieren / mit dem Herzen hören;
Die genitale Verbindung bedeutet: aus dem Herzen heraus und mit dem Herzen sexuell lieben.

Entsprechend beziehen sich unsere therapeutischen Interventionen während der Prozessphase auf diese 3 Funktionsbereiche. Sie umfassen sowohl die energetische als auch auf die kognitive Ebene.

Der Begriff des mütterlichen Halts verweist auf zwei Aspekte:
•    Auf die reale körperlich-energetische Erfahrung des Gehaltenwerdens durch den Therapeuten.
•    Auf die therapeutische Grundhaltung einer umfänglichen Präsenz und Bejahung, die es dem Klienten ermöglicht, seine authentischen energetischen, gefühlsmäßigen und instinktiven Funktionen zu entdecken und in seine Persönlichkeit zu integrieren.

Betrachten wir zunächst die Bindung nach innen (Selbstbeziehung). Es ist naheliegend, dass der Fokus in diesem Bereich auf die Wahrnehmung des Klienten nach innen gerichtet ist, also auf seine Empfindungs- und Gefühlsebene.
Körpertherapeutisch betrachtet fokussieren sich die Interventionen auf die Selbstwahrnehmung, auf das Spüren und Hineinfühlen in körperlich-energetische Vorgänge und ihre Integration.

Es gibt Klienten, die bereits über eine ausgeprägte und differenzierte Wahrnehmung nach innen verfügen. Andererseits treffen wir auf Klienten, die sich damit schwertun. Hier empfehlen sich unterschiedliche Herangehensweisen.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 17. April 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (167): Der authentische Halt

foto: pixabay

Die moderne Säuglings- und Bindungsforschung hat unser Bild vom Baby bereits radikal korrigiert.

All die Theorien wie die einer sog. »autistischen« oder »symbiotischen« Phase, wie sie z. B. die Kinderärztin und Psychoanalytikerin Margret Mahler als anerkannte Lehrmeinung bis in die 80er Jahre vertreten konnte, haben sich im Lichte der modernen Säuglingsforschung als fragwürdig erwiesen.

Das Baby ist von Geburt mit sozialen Kompetenzen ausgestattet, zeigt sich von Anfang an lebendig und der Welt zugewandt, also alles andere als autistisch. Autistisch wirkt es vielleicht, wenn es durch eine invasive klinische Geburt über die Plazenta soviel Medikamente in seinen Organismus hineingepumpt bekommen hat, dass es tagelang nur halb betäubt vor sich hindösen kann.

Nach meinen Beobachtungen dürfte das Baby auf der feinstofflichen Ebene, also für das, was sich energetisch und auf der Ebene der Herzcode-Informationen und deren Wechselwirkungen abspielt (siehe hierzu meine Ausführungen über die Theorie der seinsorientierten Körpertherapie) weitaus sensitiver sein, als man es sich gemeinhin vorstellt.

Ein Baby nimmt sehr wohl intuitiv wahr, ob sich ihm jemand aus den Konzeptionen des Kopfes, mit geteilter Aufmerksamkeit oder nur aus lästigem Pflichtgefühl heraus zuwendet und oder in den Armen hält. Es fühlt sich entsprechend irritiert und vom Kontakt abgeschnitten, getrennt. Ein Urschmerz, der verdrängt werden muss, nicht still, nicht ohne Protest. Wenn jedoch die authentische Natur des Neugeborenen weithin ohne Resonanz bleibt, dann öffnet sich kein anderer Weg als das Gegebene anzunehmen als eine Realität, die zwar meilenweit von seinen Bedürfnissen entfernt ist, aber in der Regel zum Überleben ausreicht.

Auf diesem Hintergrund bildet die energetische Haltearbeit der seinsorientierten Körpertherapie eine authentische Halterfahrung nach. Eine Halterfahrung, die nicht von den Konzepten des Verstands, von Pflichtgefühl und Stress bestimmt ist, sondern von der liebevollen Grundhaltung eines Einfach-Nur-Da-und-Miteinander-Seins. Sie repräsentiert die Essenz einer bejahenden Resonanz auf die wahre Natur des Neugeborenen. Ein Kreis schließt sich, auch noch Jahrzehnte später, der weitgehende Veränderungen in der Selbstbeziehung und damit auch in den Objektbeziehungen des Klienten nach sich ziehen kann.

Energetische Haltearbeit setzt voraus, dass der seinsorientierte Körpertherapeut dem Energiefeld seines Herzens verbunden ist und sich aus diesem heraus dem Hier und Jetzt öffnen kann. Energetisch spielen das Kronenchakra als Verbindung zur kosmischen Lebensenergie und der Energiefluss vom Herzen zu den haltenden Händen eine »tragende« Rolle.

Ohne Frage stellt die Prozessphase den umfassendsten Abschnitt im Gesamtprozess dar. Ich will zunächst einige Grundmuster unserer Herangehensweise auf organismischer Ebene darzustellen, wobei der Fokus hier auf den Prinzipien des mütterlichen Halts liegt.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 14. April 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (165): Der Mythos von der Schmerzunempfindlichkeit des Neugeborenen

foto: pixabay
Wir sollten unser Bild über die vorgeburtliche Lebensphase und ebenso über das Baby revidieren. Der Mensch in den ersten Schritten seiner Entwicklung dürfte um Lichtjahre empfindsamer, feinstofflicher und zartfühlender sein, als diese Kultur es erahnt. Diese Aussage gilt nicht nur auf der rein physiologischen Ebene, sondern vor allem auf der energetisch-feinstofflichen.

Zunächst ein Beispiel aus dem Bereich der Physiologie: Bis in die 80er Jahre ging man in der Schulmedizin davon aus, dass Früh- und Neugeborene über eine herabgesetzte Schmerzempfindlichkeit verfügen. Deshalb war es bis zu diesem Zeitpunkt üblich, Säuglinge ohne jede Betäubung zu operieren.

Spätere Studien Ende der 80er Jahre korrigierten diese Auffassung dahingehend, dass man die Schmerzempfindlichkeit von Kleinstkindern gleichsetzte mit derjenigen von Erwachsenen. Moderne Studien deuten darauf hin, dass diese bei Früh- und Neugeborenen sogar höher ist als die von Erwachsenen. Ja, sie wird heute als Weichenstellung für die pathologischen Schmerzmuster des Erwachsenenalters angesehen.

Hier wird u. a. deutlich:

•    Einerseits stellt es keinen Einzelfall dar, dass die Medizin innerhalb von 30 Jahren exakt das Gegenteil dessen vertritt, was sie vorher als »wissenschaftliche« Tatsache verkündete.
•    Andererseits zeigt dieses Beispiel, wie die Aneignung von Wirklichkeit, auch in der Wissenschaft, oftmals erfolgt: über die Analyse und Kategorisierungen des Gehirns.
•    Daraus ergeben sich Fragen: Wie sieht ein Mediziner mit seinem dezidierten Wissen über Physiologie? Was nimmt er wahr? Was nicht?

In der Regel sieht der medizinische Forscher die Welt innerhalb des Terrains des aktuellen wissenschaftlichen Diskurses. Empirie her, Empirie hin, der Betrachter selbst ist auch Teil derselben, wie es zumindest die Quantenphysik inzwischen erkannt hat. Die Welt ist, zu Ende gedacht, durchaus auch eine Konstruktion aus Weltbildern, die im Auge des Betrachters liegen.

Zurück zu unserem Beispiel: Würde der Forscher das Kleinstkind mit seinen intuitiven seelischen Ressourcen statt mit seinem analytischen Verstand wahr nehmen, könnte er eines unschwer erkennen: Dass das Zusammenziehen der Augenbrauen, die zusammengepressten Lider, das Verkrampfen der Muskulatur des ganzen kleinen Körpers, das zitternde Kinn und schließlich das laute Weinen des Neugeborenen einen deutlichen, klaren und unmissverständlichen Ausdruck von Schmerz darstellen.

Jenseits aller physiologischen Lehrbücher über das unterentwickelte Nervensystem bei Säuglingen: Es ist das Herz des Menschen, das die Wahrheit eindeutig erkannt hätte.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 10. April 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (164): Der "väterliche Rückhalt des Herzens"

foto: pixabay
Der väterliche »Rückhalt des Herzens« ermöglicht in gezielter Weise Halterfahrung auf der Rückseite des Körpers in Herzhöhe. Sie wird in der Regel frühestens am Ende der Einleitungsphase und im späteren Verlauf angewendet.

Allein deshalb, weil die Berührung des Herzens, und sei es auch nur auf der Rückseite des Körpers, als eine äußerst intime Angelegenheit wahrgenommen werden und unterschiedliche Reaktionsmuster auslösen kann. Ein sicheres Arbeitsbündnis und eine haltgebende Beziehung sind Voraussetzung derartiger Interventionen und Erfahrungsangebote.

In der Praxis werden beide Hände auf dem Rücken in Herzhöhe nebeneinander platziert und geben dabei im o. a. Sinne festen und beständigen Halt. Häufig ist zu beobachten, dass gerade Klienten, die im Herzen deutliche Blockierungen ihrer Persönlichkeitsstruktur aufweisen, ein distanziertes und kontrollierendes Verhältnis zu ihren Herzgefühlen zeigen, im Rücken rigide Muskelspannungen und Muskelschichtungen in Herzhöhe aufweisen.

Der väterliche Rückhalt des Herzens ermöglicht ein allmähliches Schmelzen dieser muskulären Rigiditäten, die am Ende in spürbare muskuläre und energetische Resonanz und Pulsation übergehen. Gleichzeitig wird ein vertiefter Kontakt zur Stimme des Herzens möglich und damit eine Reintegration des Herzens auf seelischer Ebene. Die Erfahrungen des väterlichen Rückhalts des Herzens lassen sich als eine »schmelzende« Erfahrung zusammenfassen, die gerade auch für männliche Klienten von fundamentaler Bedeutung ist, um sich den eigenen weichen und zärtlichen Gefühlen zu öffnen. Symbolisch-energetisch repräsentiert sie die Erlaubnis des Vaters, weich sein zu dürfen und solche Gefühlen zuzulassen.

Der väterliche Rückhalt des Herzens konterkariert damit die patriarchalische Tendenz, dass in den männlichen Nachkommen nur die groben, aggressiven und nach außen gerichteten Seiten des Seelenlebens unterstützt und gefördert werden und alles andere als »Weiberkram« verachtet wird. 
In der Anwendung des väterlichen Rückhalts des Herzens treten in einer tieferen Schicht Sehnsüchte und Impulse nach liebender Umarmung des symbolischen Vaters auf. Sie initiieren den Herzkontakt auf der Vorderseite des Körpers, der vor allem in der Endphase des Transformationsprozesses von großer Bedeutung wird.

Wenn ich diese beiden Übungen oben als beispielhaft für die Einleitungsphase erörtere, dann möchte ich hinzufügen, dass sie damit nicht in der Versenkung verschwinden. Sowohl der polarisierende Rückhalt als auch der väterliche Rückhalt des Herzens sollten im Verlaufe des Prozesses immer wieder eingesetzt werden. Dies sehen wir in Zusammenhang damit, welche therapeutischen Themen jeweils im Vordergrund stehen.

Die Anwendung verschiedener Ansätze väterlicher Haltangebote in der Einleitungsphase bietet nach meinen Erfahrungen folgende Vorteile:

•    Es handelt sich um Körperkontaktangebote, die nah, aber nicht überwältigend intim im körperlichen und seelischen Sinne sind.
•    Selbst, Autonomie und Selbstregulation des Klienten im Transformationsprozess werden symbolisch und energetisch im Sinne einer haltgebenden Beziehung gestärkt.
•    Väterliche Halterfahrungen sind Beziehungsarbeit auf der körpertherapeutisch-symbolischen
Ebene und stärken die positiv-aggressiven Ausdrucksmöglichkeiten des Klienten innerhalb seiner Beziehung zum Therapeuten und ermutigen ihn zu sich selbst und seiner Wahrheit auch im therapeutischen Prozess zu stehen.

(Fortsetzung folgt)