Donnerstag, 23. Juni 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (97): Halt und Haltlosigkeit


Wenn wir Halt sprechen, dann ist die Dualität von mütterlichem und väterlichem Halt gemeint. „Halt zu haben“, „Halt zu bekommen“, „sich gehalten zu fühlen“, all das sind Formulierungen eines grundlegenden menschlichen Bedürfnisses, für das es viele Synonyme gibt: Geborgenheit, Heimat, innerer und äußerer Frieden, Bindung, Sicherheit; und für das unsere Kultur eine Vielzahl von kompensatorischen Angeboten zur Verfügung hält, die darauf hindeuten, wie fundamental Mangelerfahrungen auf diesem Gebiet sind.

Die milliardenschwere Versicherungsbranche stellt hier nur ein frappantes Beispiel dar, indem sie der massenhaften Sehnsucht nach Halt und Sicherheit ein erfolgreiches Geschäftsmodell darreicht. Als ob es irgendeine berechenbare Sicherheit im Leben geben kann! Wie lautet noch ein so treffender Satz: „Das einzig sichere  im Leben ist der Tod!“

Das Gegenteil von „Halt“ stellt „Haltlosigkeit“ dar. Ein haltloser Mensch wirkt verloren, hat als soziales Wesen seine Lebensgrundlage verloren. Er bewegt sich in existentiellen und seelischen Räumen, die zwischen Leben und Tod angesiedelt sind. Ein haltloser Mensch weist auf eine tiefgehende Bindungsstörung und Asozialität.

Es ist niemand und nichts in seinem Leben, was ihn hält, es gibt keine Hand, keinen Arm, kein Lächeln, keine Geste, die ihn hält, die ihn im und für das Leben (er)hält. Der haltlose Mensch kann in jedem Augenblick fallen, stürzen, abstürzen, verschwinden. Oder aus seiner Haltlosigkeit heraus sein eigenes oder das Leben anderer Menschen zerstören.

Innerseelisch fehlt ihm jede Sicherheit, Stetigkeit und Bindung innerhalb seiner Selbstbeziehung. Jede Form von Bindung nach außen oder nach innen erweist sich als brüchig, unstet, gespalten, bodenlos – wir können von einer Art „intrapsychische Fallangst“ sprechen. Wer nicht gehalten wird, fällt. Wer niemanden wahrnimmt, der ihn hält, bewegt sich versteift und voller Angst, voller Angst vor dem Fallen.

Es ist die chronische Angst vor dem Fallen ins Nichts, die sich in Körper und Seele ausdrückt. In einem Körper, in der die Fall- und Todesangst chronisch eingefroren ist, in einer Seele, die sich verzweifelt an alles klammert, was Sicherheit und Halt verspricht, sei es in noch so martialischer und irrationaler Weise.

Da die eingefrorene Todesangst jede Art Seelenleben überlagert und erstickt, ist das Urteilsvermögen des haltlosen Menschen gefährlich eingeschränkt, er funktioniert wie eine gefühllose Maschine. Wenn es so etwas wie eine faschistoide Persönlichkeit gibt, dann findet sich in diesem Muster der Haltlosigkeit sein markanter Sozialcharakter.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 13. Juni 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (96): Die Körperblockaden als "Selbsthalt"

So wie die Prägungen durch den mütterlichen und väterlichen Halt und deren Präsenz in unterschiedlichen Lebensphasen auf das Leben eines Menschen einwirken, so treten diese auch in den verschiedenen Phasen des körpertherapeutischen  Prozesses in Erscheinung.

Unsere oben eingeführte These, dass körperlich-muskuläre Blockaden energetische Manifestationen eines Selbsthalts auf dem Hintergrund mangelnder Halterfahrungen repräsentieren, liefert einen deutlichen Hinweis auf die körpertherapeutischen Konsequenzen: Kann dieses Defizit an mütterlichem oder väterlichem Halt durch die körpertherapeutischen Erfahrungen kompensiert werden, so wird auch die Funktion des Selbsthalts im wahrsten Wortsinne „überflüssig“.

Schließt sich der offene Kreis einer unzureichenden Halterfahrung, der sich ein Leben im lang in Körper und Seele eines Menschen unbewusst vorfinden mag, so wird es möglich, die Funktion des kompensatorischen Selbsthalts loszulassen. Die Versteifung, Rigidisierung oder Panzerung in Körper und Persönlichkeit tritt allmählich zurück vor einer beweglicheren, lebendigen und authentischeren Pulsationsfähigkeit von Körper und Seele.

Halterfahrungen in der Körpertherapie finden sich jedoch nicht nur in direkten körperlichen Interventionen. Sie beziehen sich auch auf bestimmte Themenbereiche, die damit verbunden sind (Autonomie, Bindung, Verschmelzung, Grenzen etc.). Für den Körpertherapeuten bedeutet dies, in der Lage zu sein, die jeweiligen mütterlichen und väterlichen Anteile in sich nicht nur kontaktieren, sondern auch gezielt in den Prozess einbringen zu können.

Nehmen wir zur Illustration ein Beispiel, das sich häufig in der körpertherapeutischen Praxis finden dürfte:

Eine vaterlos aufwachsende Tochter dürfte in den väterlichen Bereichen mit Prägungen der Haltlosigkeit konfrontiert sein, die sich sowohl auf der seelisch-charakterlichen Ebene als auch auf der körperlichen niederschlagen. Dies ist allerdings abhängig davon, wie umfassend es der Mutter gelungen ist, die väterlichen Seiten in sich zu mobilisieren und in die Beziehung zur Tochter einzubringen.

Ist ihr dies schlecht gelungen, so werden wir Symptome der Haltlosigkeit in sozialen Grenzen und Strukturen ebenso vorfinden können wie Unsicherheiten und Schwankungen in Themen von Autonomie und Bindung.

Körperlich findet sich bei den betroffenen Mädchen oder Frauen typischerweise eine Neigung zu Rückenproblemen, da hier die fehlenden Erfahrungen väterlichen Halts durch ein frühes autonomes körperliches Haltesystem überkompensiert werden musste. Therapeutisch böte hier der Rücken einen naheliegenden Fokus in der seinsorientierten Körpertherapie.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 8. Juni 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (95): Wie sich ein Mangel an Halt in Körper und Seele zeigt ...


Die Grundzüge des mütterlichen und väterlichen Halts haben Konsequenzen für die Körpertherapie.
Da sind zunächst einmal die diagnostischen Schlussfolgerungen, sowohl im Seelischen als auch im Körperlichen Sein des Menschen. Haltdefizite, d. h. unvollständige Erfahrungen von mütterlichem und väterlichem Halt, zeigen sich direkt in der Persönlichkeit, ihren Charakter- und Verhaltensmustern.

Bei allen Themen, die mit emotionaler Bindung, mit Fähigkeiten von Empathie, mit der Liebesfähigkeit im allgemeinen zu tun haben, sind die mütterlichen Halterfahrungen prägend. Defizitäre Erfahrungen von mütterlichem Halt charakterisieren jene sog. „frühen Störungen“ und Bindungsstörungen, denen wir begegnen.

Überall dort, wo sich ein Mangel an Lebensmut, Autonomie, Selbstmanagement und sozialer Kompetenz in auffälliger Weise präsentiert, lässt dies entsprechend auf eine defizitäre Halterfahrung durch den Vater schließen. Solche Persönlichkeiten schwanken eher durch das Leben, zeichnen sich durch ein auffälliges Maß an Unentschlossenheit aus, trauen sich nur wenig zu. In der Regel wird man hier entweder abwesende oder repressive Väter finden, die die Kompetenz ihres Kindes durchgängig abwerten oder völlig unkritisch idealisieren (beides sind 2 Seiten der gleichen Medaille).

Auch im energetisch-körperlichen Bereich lassen sich leicht die Entsprechungen von defizitären mütterlichen oder väterlichen Halterfahrungen finden. Überall dort, wo der Körperpanzer besonders deutlich ausgeprägt ist, deutet dies auf entsprechende Prägungen hin. Denn der Körperpanzer, die energetische Erstarrung und die muskuläre Rigidisierung bestimmter Körperbereiche, ist nichts anderes als der Selbsthalt, den sich der kindliche Organismus gibt, und zwar in Ermangelung realer Halterfahrungen durch seine Lebensumwelt.

Könnte es nicht sein, dass die fast endemisch verbreiteten Rückenprobleme unserer Zeit ihre Wurzeln in unzureichender väterlicher Halterfahrung haben? Kann es nicht sein, dass ein junger Organismus, der die liebevolle Unterstützung seiner Autonomiebestrebungen durch den RÜCKhalt seines Vaters nie erfahren hat, sich diesen selbst verschafft, indem er sich z. B. einen Schildkrötenpanzer im Rücken zulegt? Das Phänomen einer vaterlosen Gesellschaft, bzw. einer Gesellschaft der abwesenden Väter und das Phänomen einer am Rücken leidenden Gesellschaft, dies sind in meinen Augen Koinzidenzen, die Aufmerksamkeit verdienen.

Ein ähnliches Beispiel wären Herzerkrankungen, die ebenso endemisch verbreitet sind. Könnten diese nicht ihre energetischen Wurzeln im Mangel an liebevoller mütterlicher Halterfahrung haben? Wenn das liebende Herz, die liebende Brust eines Kindes keine angemessene Antwort einer Geborgenheit in Liebe erfährt, ist es da nicht naheliegend, dass sich sein Herz verkrampft, die Brust panzert und seine Arme und Hände irgendwann aufgeben, nach der Liebe auszugreifen?

Ich spreche hier ausdrücklich von energetischen Dispositionen, d. h. dass die Lebendigkeit und Pulsationsfähigkeiten zunächst, meist über Jahre und Jahrzehnte, in bestimmten Körperregionen, Wilhelm Reich nannte sie Segmente, asiatische Traditionen sprechen von den Chakren, eingeschränkt werden, bevor sich ein somatisches Symptom entwickelt.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 6. Juni 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (94): Väterlicher Halt

Nachdem wir die Eigenschaften des „mütterlichen Halts“ skizziert haben, wenden wir uns nun denen des „väterlichen Halt“ zu. Wie die Vorderseite des Körpers energetisch dem mütterlichen Haltt zugeordnet werden kann, so verhält es sich mit der Rückseite des Körpers als Zentrum des „väterlichen Halts“, des Rückhalts.

Für den mütterlichen Halt stehen die Aspekte seelischer Intimität, Bindung und Geborgenheit, also der inneren Welt des Kindes und seiner Selbst-Vergewisserung im Vordergrund. Die Qualität väterlichen Halts charakterisieren Ermutigung, der Rückhalt und Unterstützung der Autonomiebestrebungen des Kindes, seine Hinwendung zur sozialen Realität und seine Selbst-Vergewisserung in äußeren Welt.

Es sind in der Regel die Väter, die ihren Kindern Fertigkeiten wie das Schwimmen oder das Fahrradfahren beibringen. Väterlicher Halt bedeutet hier, auch nach dem Scheitern liebevoll zu trösten und zu ermutigen, bis die entsprechenden Lernprozesse abgeschlossen sind. Wenn das Kind Angst hat oder mit dem Fahrrad stürzt und sich weh tut, so nimmt der haltgebende Vater das Kind auf den Arm und tröstet es, ermutigt es aber immer wieder, den Lernprozess fortzusetzen und sich von neuem auf das Fahrrad zu setzen.

Väterlicher Halt unterstützt die Freude an der Autonomie des Kindes aus seinem Herzen und teilt sie mit. Väterlicher Halt fördert die Freude am Lernen und an der Entwicklung von Fertigkeiten in der Lebensumwelt. Väterlicher Halt wirkt unterstützend, aber nicht unkritisch, wo es notwendig erscheint. Väterlicher Halt vermittelt ein realitätsgerechtes Feedback von den Anforderungen der Lebensumwelt, seiner sozialen Regeln und Forderungen.

Väterlicher Halt bedeutet darüber hinaus, die Klarheit und Stabilität, die es dem Kind erlauben, seinen eigenen, realistischen Grenzen und Begrenzungen zu verinnerlichen, insbesondere, wenn es um den Umgang mit Konflikten geht. Der Vater gibt Halt, indem er als Instanz von „Reibungserfahrungen“ emotional-authentisch auf der Beziehungsebene zur Verfügung steht, d. h. ohne die Beziehungsdimension jedes Konfliktes autoritär auf der Machtebene abzuwehren oder sich der Beziehungsebene generell zu entziehen.

Auch hier, auf der Beziehungsebene des väterlichen Haltesystems sind die Subsysteme Zuwendung, Gefühlsanklang und Einstimmung als Basis für die Übertragung von Herzcode-Informationen essentiell.

Körperlich-energetisch entspricht, wie gesagt, insbesondere die Rückseite des Körpers dem väterlichen Halt (Rückhalt). Dazu gehört die Unterstützung des Rückens in Herzhöhe und im unteren Rücken (Rücken-Herz, Rücken-Bauch). Hier finden sich die zentralen energetischen Zentren in der körpertherapeutischen Anwendung väterlichen Halts, die uns im Folgenden beschäftigen werden.

Fassen wir die Eigenschaften des väterlichen Halts zusammen:

  • Unterstützung der autonomen Bewegungen und Strebungen in Grenzen („kritische Unterstützung“);
  • Ausprobieren und Austarieren von Grenzen und Strukturen („Reibungserfahrungen“);
  • Bio-emotionaler Kontakt über die Rückseite des Körpers (Rücken-Herz, Rücken-Bauch etc.)

 (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 26. Mai 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (94): Die Augen eines Neugeborenen und die okulare Phase

Wilhelm Reich (1897-1957)

Wilhelm Reich hat die auf Freud basierenden psycho-sexuellen Entwicklungsphasen um ein wichtiges Element erweitert, nämlich um die sog. okulare Phase. Diese beginnt mit der Geburt, d. h. in jenem Augenblick, in dem das Neugeborene seine Augen zum ersten Mal für die Welt öffnet. Vieles deutet darauf hin, dass jedes Neugeborene gewissermaßen kurzsichtig auf die Welt kommt, sich das scharfe, beidäugige und räumliche Sehen erst in den darauf folgenden Lebenstagen und Wochen entwickelt und stabilisiert.

Die Sehfähigkeiten des Neugeborenen sind offensichtlich darauf ausgerichtet, den Kontakt mit dem Gesicht der Mutter und der Mutterbrust sicherzustellen. Meine Vermutung ist, dass mit der Trennung von der Nabelschnur die Augen genau diese Funktion übernehmen: Die Augen werden zur energetischen Nabelschnur, die das Neugeborene mit seiner Mutter und der unmittelbaren Umgebung verbinden.

Mit den ersten Blicken in die Lebensumwelt, in die er hineingeboren wird, werden die ersten Prägungen durch die Welt auf die tabula rasa der Augen-Gehirn-Verbindung des Säuglings geschrieben. Empfängt ihn diese Welt liebevoll, freudig, mit Achtsamkeit? Drücken die Augen der Mutter und der anderen Menschen, die seinem Blick zum ersten Male begegnen, dieses liebevolle Willkommen aus?

Wer in die Augen eines Neugeborenen geblickt hat, das nicht durch Medikamente oder traumatische Umstände in einer sanften Geburt auf die Welt kam, hat eine Ahnung von der Präsenz und Intensität dieses ersten Augenblicks, mit dem ein Neugeborenes in die Welt schaut. Es scheint, als finde ein Erkennen und Wiedererkennen gleichzeitig statt. Der Blick eines Neugeborenen kann von einer Offenheit und Präsenz sein, die sprachlos macht. Es ist der Blick des ungepanzerten Lebens, dem wir hier begegnen. Und der Blick des ungepanzerten Lebens ist ein Blick, ein Augenblick der reinen Liebe und der originären Bindung und Verbindung zu(m) anderen Menschen.

Es braucht nicht weiter ausgeführt zu werden, sich vorzustellen, was dieser erste Augenblick bedeutet, wenn das Neugeborene, noch narkotisiert, erschöpft von einer traumatischen Geburt oder in eine gestresste oder genervte Umgebung hineingeboren wird.

Da solche Geburten vor wenigen Jahrzehnten noch den Standard darstellten, kamen Entwicklungspsychologen wie Magret Mahler zu der Annahme, dass mit der Geburt eine sog. autistische Phase des Neugeborenen einsetze, die angeblich gekennzeichnet wäre durch autistische Kontaktlosigkeit zur Umwelt. Glücklicherweise konnte die moderne Säuglingsforschung der letzten Jahre solche Mythen ins Reich der Phantasie verweisen und man weiß heute, dass das Neugeborene von Geburt an ein soziales Wesen ist, das aktiv auf seine Umwelt Einfluss nimmt und mit ihr interagiert.

Die Augen und der Augenkontakt, also die okulare Phase und die dergestalt verlängerte Nabelschnur stehen im Mittelpunkt dieser Bindungsprozesse, des lebendigen Halts, in das ein Mensch hineingeboren wird.

(Fortsetzung folgt)