Samstag, 24. September 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (116): Die Zeitökonomie von Berührung

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Der Faktor Zeit beherrscht unsere Kultur ebenso wie der Faktor Geld. Das sind Gemeinplätze, die Aussage, dass »Zeit Geld ist«, gilt auch für die therapeutische und spirituelle Szene. Der Klient bezahlt den Therapeuten oder Berater für die Zeit, die er mit ihm und seinen Anliegen verbringt. Diese Zeit ist der Gradmesser der Bezahlung, wie überall in unserer Kultur. „Zeit ist Geld“ gilt in vollem Umfang für die (körper-)therapeutische und transformatorische Tätigkeit.

Das gesellschaftlich dominante Prinzip der Effizienz, der optimalen Nutzung der Zeit, jene Rationalität, die auch immer Rationalisierung der Zeit ist, wie sollte sie auch spurlos an der (körper)therapeutischen Branche vorbeigegangen sein?

Eine intentionale Berührung ist auch Berührung, die subtil von der Ökonomie der Zeit bestimmt ist. Die in der Berührung verborgene Intention ist bei genauem Hinsehen eine der Zeitoptimierung, der Zeiteffizienz. Dieses Gesetz einer effizienten Nutzung von Zeit, auch im stillen Kämmerlein der körpertherapeutischen Arbeit, beeinflusst, begrenzt sie nicht auch, schränkt sie nicht auch ein?

Das Wirkungsfeld der intentionalen Berührung bleibt eingegrenzt auf diejenigen Prozesse, auf deren Hintergrund dieses Modells in Gang gesetzt wurde. Dies sind die Modelle eines der Logik des Ego-Verstandes, dem Ursache-Wirkungs-Modell und der Priorität der tätigen Veränderung (»sich regen, bringt Segen«) geschuldeten Wirklichkeitsmodells. Diese Modelle stellen ein grobes Werkzeug dar, welches darauf zielt, grobschlächtige Veränderungen im Bereich der Körperseele vorzunehmen. Was, wenn die Körperseele in ihrem Wesen viel feinstofflicher und filigraner wäre, als es die grobe Rasterung des analytischen Gehirns wahrnimmt und anderen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist?

Jede intentionale Berührung transportiert die Absicht des Therapeuten und erzeugt damit Druck: realen Druck auf Muskeln und Bindegewebe, aber auch Erwartungsdruck, Veränderungsdruck, Leistungsdruck.

Wir erkennen darin Ausdrucksformen der gleichen körperseelischen Mechanismen, unter denen der Klient leidet, das Syndrom seiner Selbstbeziehungsstörung. Erwartungsdruck, Veränderungsdruck, Leistungsdruck repräsentieren diejenigen Gestalten in der Seele der Klienten, welche die Selbstentfremdung, den inneren Perfektionismus, den »innerseelischen Bürgerkrieg«, also die Selbstbeziehungsstörung begründen und befeuern.

Bedeutet dies nicht gleichzeitig, dass wir mit dem Einsatz der intentionalen Berührung ihn mit einer Herangehensweise behandeln, die diese Prägungen nicht transformieren, sondern unberührt lassen oder gar zementieren? Bleibt nicht das grundlegende Selbstbeziehungsdefizit zwangsläufig unangetastet, wenn wir unseren Klienten ausnahmslos intentional berühren?

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 17. September 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (115): Übertragen sich Botschaften in einer Berührung?

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In Zusammenhang mit der intentionalen Berührung stellten sich Fragen:

Übertragen sich Botschaften in einer Berührung? Bildet z. B. der Druck, mit dem eine Berührung ausgeführt wird, einen subtilen Aufforderungscharakter, in einer bestimmten Weise auf ihn zu reagieren, dies als Ergebnis eines Lernprozesses?

Stellen wir uns z. B. eine körpertherapeutische intentionale Berührung vor, bei der mit großem Druck an einem Muskel gearbeitet wird, ein Druck, der so groß ist, dass er von jedem Menschen als schmerzhaft empfunden werden muss. Ist es da nicht eine naheliegende Reaktion, dass sich der Schmerz in einem erleichternden Schmerzschrei äußert?

Was geschieht bei einer Berührung, wenn man einen Klient in sanfter Weise über die geschlossen Augen streicht? Ist es in einem solchen Fall nicht naheliegend, dass derartige Berührungen eher weiche frühkindliche Gefühle mobilisieren, z. B. Traurigkeit?

Wir sehen, eine - intentionale - Berührung kann durchaus einen Aufforderungscharakter enthalten. Damit in Zusammenhang ergeben sich weitere Fragen: Bedienen bestimmte Berührungen unbewusste Erwartungen von Charaktertypen bzw. sind sie Agens der Gegenübertragung? Berührt der Körpertherapeut einen Klienten mit bestimmten Persönlichkeitsanteilen unterschiedlich, d. h. z. Beispiel einen Klienten mit masochistischen Anteilen anders als einen mit oralen Mustern?

Zudem ist nicht zu überschätzen, wie stark bei Klienten die Tendenz ausgeprägt ist, Erwartungen des Therapeuten im Verlaufe des Prozesses, v. a. aber in den Anfangsphasen, zu entsprechen oder zu widerstehen. Erwartungen zu erspüren und ihnen zu entsprechen, stellt dies nicht ein Muster dar, das einen wichtigen Teil der Neurosenbildung der Kindheit bildet?

Entsprechend diesen Prägungen lernt der Klient in der Körpertherapie äußerst schnell, welche die Erwartungen seines Therapeuten sind und reagiert auf diese Erwartungen entsprechend seiner Charakterstruktur. Schlussendlich repräsentiert genau dies ist die Lernfähigkeit, die Erfolg in unserer Kultur definiert: Erwartungen zu erfühlen und sie zu verinnerlichen.

Intentionale Berührungen könnten also hier Anhaltspunkte schenken, was diese Erwartungen im einzelnen sind.

Die intentionale Berührung setzt unausgesprochen voraus, dass der menschliche Organismus denselben Gesetzen gehorcht wie eine Mechanik, wie eine Maschine, wie ein Ursache-Wirkung-Kausalzusammenhang. Wenn der Körpertherapeut diesen oder jenen Punkt drückt, diesen oder jenen Muskelansatz bearbeitet, diese oder jene Blockade löst, dann würde damit eine entsprechende Wirkung ausgelöst, energetisch oder emotional, ganz nach Lesart der körpertherapeutischen Tradition, aus der heraus dies geschieht.

Neben dem mechanistischen Aspekt, der in diesem Modell enthalten ist, ist hier noch ein scheinbar marginaler Nebeneffekt zu benennen, der mir aber entscheidend für eine Transformation der Körperseele zu sein scheint: der Faktor Zeit.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 11. September 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (114): Das Phänomen der intentionalen Berührung

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Eines der Hemmnisse auf dem Weg zur seinsorientierten Körperarbeit bildete die in der Körpertherapie verwurzelte Tradition der intentionalen Berührung, also der Berührung mit der Intention eine bestimmte Wirkung oder Reaktion zu erzielen.

Die intentionale Berührung entstammt der Tradition einer mechanistisch geprägten Naturwissenschaft und Medizin, in welcher sich die analytischen Qualitäten des Ego-Verstands leicht mit einer praktischen Berührung vermischen. Oder, kurz gesagt, eine bestimmte Verstandes-Logik wird zum Träger der Berührungsinformation.

Berühren, »um zu«, beschreibt einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, der in einer mechanistisch-technischen Medizin durchaus Sinn macht, aber im Kontext tieferer seelischer und energetischer Prozesse zumindest diskussionswürdig erscheint.

Diese mechanistischen Traditionen der Körpertherapie, wie sie z. B. in Zusammenhängen erscheinen, mithilfe bestimmter Massagetechniken (= Ursache) eine bestimmte Reaktion oder emotionale Reaktion (= Wirkung) zu erzeugen, übersehen, dass sie allein diagnostisch-analytischen Vorstellungen und Konstrukten des Ego-Verstandes entstammen und dementsprechend eingeschränkt sind. Auf diesem Hintergrund könnte auch ihre befreiende, transformatorische Wirkung eingeschränkt bleiben, da die in ihre enthaltene Schattenwelt im Dunkeln bleibt.

Selbst Reich, ein scharfsinniger Kritiker mancher Begrenzungen mechanistischer Herangehensweisen, übersah Konsequenzen, welche die in der intentionalen Berührung enthaltene latente Absicht, eine bestimmte Wirkung zu erzielen, nach sich ziehen können.

Betrachten wir dieses Phänomen genauer:

In meiner Praxis als Körpertherapeut fiel mir irgendwann auf, dass Klienten mit körpertherapeutischen Vorerfahrungen in anderen körpertherapeutischen Verfahren und Schulen typische Verhaltens- und Bewegungsmuster zeigten, die typisch für eine bestimmte körpertherapeutische Herangehensweise waren. Dies galt auch im Zusammenhang mit allen Atem- und Berührungstechniken. Das heisst, eine bestimmte, klar definierte Berührung rief bei Klienten mit Vorerfahrungen und Prägungen durch bestimmte Körpertherapieschulen unterschiedliche Reaktionsmuster hervor.

Was bedeutete diese Beobachtung?

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 8. September 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (113): Basiserfahrungen lebendigen Halts

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Als Körpertherapeuten wissen wir, und dies ist ja bereits ausführlich erörtert worden, dass über Körperkontakt und die Qualität einer Berührung permanent Informationen ausgetauscht werden. Es ist also naheliegend, dass dieser Informationsaustausch nicht nur über die Nabelschnur und hormonell, sondern auch über andere physiologisch-energetische Vernetzungen erfolgen.

Einem Aspekt, dem ja hier unsere besondere Aufmerksamkeit gilt, sind die Herzcode-Informationen, die sich über diesen Kontakt übertragen. Welche Qualitäten von Gefühlsanklang, Zuwendung, Einstimmung übertragen sich in der pränatalen Halterfahrung? Um es banaler auszudrücken: Findet das Ungeborene in seinem uteralen Lebensraum überwiegend das Licht der Liebe, liebevollen Halt und Bindung vor, oder Angst, Stress und Kontaktlosigkeit aufgrund der seelischen Verfassung der Schwangeren?

Bevor ein Mensch geboren wird, hat er also das körperliche Grundmuster eines konstanten lebendigen Halts in seinem Rücken erfahren. Diese pränatale Matrix bildet naheliegenderweise das Erwartungsmuster von Halt im allgemeinen und differenziert sich im Laufe der Entwicklung in die bereits dargestellten Grundmuster des mütterlichen und des väterlichen Halts in der postnatalen Entwicklung.

Der uterale Halt erweist sich auch deshalb als Grundform der menschlichen Halterfahrung. Denn er umfasst sowohl die Qualität des Rückhalts als Grundmuster des väterlichen Halts als auch die Qualität der verschmelzenden Bindung über die Plazenta als das Grundmuster des mütterlichen Halts. Im uteralen Halt könnten sich somit Basiserfahrungen und Weichenstellungen der Polaritäten von Autonomie und Bindung verbergen.

Welche praktischen Konsequenzen diese Zusammenhänge für die Berührungsqualitäten der seinsorientierten Körpertherapie besitzen, darauf richten wir im Folgenden unsere Aufmerksamkeit.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 4. September 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (112): Halt in der vorgeburtlichen Entwicklung

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Der uterale Halt kann als die Matrix, als die Urform jeder Halterfahrung verstanden werden. Halten wir uns den Lebensraum des Fötus in den letzten Monaten seines pränatalen Lebens vor Augen, wird deutlich, dass sich sein Rücken die meiste Zeit über in direktem Kontakt zur Gebärmutterwand befindet. Mit der wachsenden Enge im Uterus in den Wochen vor der Geburt intensiviert sich dieser Kontakt Rücken-Gebärmutterwand noch, wird und bleibt konstant bis zur Geburt.

Die Gebärmutterwand erweist sich in dieser Phase als ein lebendiges, pulsierendes System, das auf der physiologischen und auf der bio-energetischen Ebene in ständigem Kontakt, in ständigem Austausch mit dem Fötus steht. Diese erste, grundlegende Prägung des uteralen Halts weist neben der Eigenschaft der Konstanz auch die Qualität einer energetisch-pulsierenden, rhythmischen Präsenz auf. Darüber hinaus werden auf diesem und auf anderen Wegen durchgängig Informationen aus der Empfindungswelt der Schwangeren und des Fötus ausgetauscht.

„Gefühlszustände ... haben auch eine physiologische Basis: Sie zeigen sich z.B. in hormonellen Veränderungen im Blut, in der Qualität der Sauerstoffzufuhr und in den Veränderungen der Herzfrequenz. Wenn sich die Mutter z.B. ängstlich fühlt, werden vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol ausgeschüttet. (...) Alle Stresshormone überschreiten ohne Probleme die Plazentaschranke und stimulieren im Fötus die physiologische Reaktion auf genau dieses Gefühl von Angst und Furcht. Ob das Kind daraufhin Angst ‚erlebt‘, wissen wir nicht. Wenn man seine Reaktion im Ultraschall beobachtet, dann bekommt man allerdings den Eindruck, dass sein kleiner Körper in gewisser logischer Weise auf diesen ‚Angstreiz‘ reagiert. So wird von Föten berichtet, die unter solchen Bedingungen erstarren, andere strampeln wild um sich. Das ungeborene Kind ist eben ‚immer dabei‘ – es ist Teil des emotionalen Lebens der Mutter.“(*FN*    Hüther, G. und Krens, I.: Das Geheimnis der ersten neun Monate – Unsere frühesten Prägungen. Beltz, Weinheim, 4. Auflage 2011, S. 111*FN*)

Bettina Alberti verweist auf Forschungen der Pränatalmedizinerin Jeanette di Pietro, John Hopkins Universität, Baltimore, und schreibt: „Bei Ultraschallaufnahmen zeigt das vorgeburtliche Kind schon bei belastenden Gedanken der Mutter eine deutliche körperliche Reaktion. Seine Bewegungen nehmen zu, der Herzschlag erhöht sich sofort – viel zu früh für eine rein hormonelle Reaktion, die einige Sekunden dauern würde.“(*FN*    Alberti, Bettina: Die Seele fühlt von Anfang an: Wie pränatale Erfahrungen unsere Beziehungsfähigkeit prägen, Kösel-Verlag, S. 76*FN*)

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Kommunikation zwischen Schwangerer und Fötus auf der bio-emotionalen Basis multifaktoriell stattfindet.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 2. September 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (111): Die 3 Varianten des Halts in der körpertherapeutischen Praxis

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Ein Unterschied der seinsorientierten Körpertherapie zu anderen körpertherapeutischen Traditionen besteht, wie der Name andeutet, in der ausdrücklichen Orientierung auf die Seinsebene. Seinsorientiert ist nicht nur eine spirituelle Grundhaltung, sondern auch eine ganz praktische Herangehensweise in der körpertherapeutischen Arbeit selbst.

Eine grundlegende Botschaft, ausgesprochen in Worten und unausgesprochen in der therapeutischen Grundhaltung, mit der jeder Klient von Beginn an und immer wieder vertraut wird, lautet:

»Du bist nicht hier, um irgendetwas zu leisten, irgendetwas richtig oder falsch zu machen, irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen. Es geht darum, dass du einfach da bist, ohne etwas zu tun, zu machen, zu leisten. Du bist so, wie du bist, und um deiner selbst willen willkommen.«

Diese Botschaft hat technische Konsequenzen auf der Ebene der körpertherapeutischen Herangehensweise. Denn diese orientiert sich, auch auf Seiten des Therapeuten, an der Seinebene. Der seinsorientierte Körpertherapeut ist nicht in erster Linie „Macher“ oder mit dem Machen, auch im Sinne des Intervenierens und Analysierens, identifiziert. Vielmehr zeichnet er sich durch eine besondere Art von Präsenz und Haltung aus.

In seiner Präsenz und Haltung verbinden sich so Anteile von Selbstverbundenheit und mit denen objektbezogener Bindungsangebote. Beide sind Voraussetzungen für einen energetischen Kontakt, innerhalb dessen sich Herzcode-Informationen austauschen können.

Wir hatten im vorangegangenen Abschnitt die Begrifflichkeiten des mütterlichen und väterlichen Halts eingeführt und können diese nun spezifizieren. Der mütterliche Halt vermittelt demnach Erfahrungen des Gehaltensseins vor allem auf der Vorderseite des Körpers (Berührung, Umarmung, Bauch-Bauch-Kontakt, Brust-Brust-Kontakt). Der mütterliche Halt ist auf der energetischen Ebene bindungs- und verbindungsorientiert.

Der väterliche Halt setzt an der Rückseite des Körpers an und ist in der Berührungsqualität in gewisser Weise etwas distanzierter, ohne jedoch distanziert zu sein (Berührung, Rück(en)halt, Anlehnen im Brust/Bauch-Rücken-Kontakt). Väterlicher Halt gibt Raum und unterstützt autonome Bewegungsimpulse. Der väterliche Halt ist auf der energetischen Ebene autonomieorientiert.

Die dritte und fundamentalste Qualität des Halts in der seinsorientierten Körpertherapie ist der uterale Halt, der aus die erste Halterfahrung zurückgeht, den jeder Mensch in seiner pränatalen Entwicklung durchlaufen hat: Der Halt, welche die Wand der Gebärmutter dem Rücken des Fötus schenkt.

(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 30. August 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (110): Halt und Entschleunigung


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Wenn wir uns vor Augen führen, dass Klienten in der Regel in ihrer frühkindlichen und späteren Entwicklung derartige Erfahrungen von Halt nicht ausreichend machen konnten, dann wird klar, wie wirkungsvoll eine positive oder negative Halterfahrung für Entwicklungen im Transformationsprozess sein dürfte.

Diese Mangelerfahrung stellt sich nicht nur als Mangel an Körperlichkeit, Kontakt und Zuwendung dar, sondern enthält auch defizitäre Erfahrungen von Entschleunigung, um einen Modebegriff zu verwenden. Im Halten und Gehaltenwerden betreten wir eine Insel der Präsenz und der Beruhigung inmitten des Sturms eines von Daueraktivität und Hektik bestimmten Lebens.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Defizite von Halt, Ruhe und Entspannung in der Mutter-Kind-Dyade Spuren in Körper und Seele hinterlassen und die Körperseele prägen. Dass Halt- und Ruhelosigkeit längst den Bereich der Säuglingsphase und frühen Kindheit erreicht haben, lässt sich an manchen modernen Symptomen ablesen, wie z. B. das Schreibaby-Syndrom, das ADHS-Syndroms und dir eklatante Zunahme der sog. frühen Störungen.

Es ist naheliegend, dass in vielen Fällen Menschen mit unterschiedlichen Themen den transformatorischen Weg (hiermit sind sowohl psychotherapeutische als auch spirituelle Pfade der Selbstveränderung gemeint) gerade deshalb beschreiten, weil sie unbewusst nach Halt, Ruhe und Sicherheit suchen, die sie in ihrer frühkindlichen Entwicklung nur unzureichend machen konnten.

Defizite an Halt zeigen sich in unterschiedlichen Ausprägungen von Haltlosigkeit. Diese manifestieren sich typischer Weise in Unsicherheit und Orientierungslosigkeit: im Bereich Liebe und Sexualität, in sozialen Beziehungen, in Beruf und Lebensperspektive.

Zentrales Anliegen der seinsorientierten Körpertherapie ist es, diese nicht geschlossen Kreise mangelnder Halterfahrung auf der energetischen und symbolischen Ebene zu schließen. Neben dem Aspekt des „haltenden Halts“ spielt in der körpertherapeutischen Arbeit die Dualität von Energie und Berührung, von energetischer Information und der haltenden Berührung selbst, eine zentrale Rolle. Wie dies in der praktischen körpertherapeutischen Arbeit aussieht, davon soll im Folgenden die Rede sein.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 27. August 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (109): Die haltende Haltung

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Führen wir nun einige Fäden zusammen, die in den letzten Abschnitten erörtert wurden: Die instinktiv-biologischen Erwartungen, insbesondere das frühkindliche Bedürfnis nach Halt, Geborgenheit und liebevollem Kontakt, bleiben, unabhängig von realen Erfahrungen, ein -- meist verborgener -- Selbstanteil, der ein Leben lang bleibt. Sie bleiben die Grundlage instinktiven Verhaltens des Erwachsenen gegenüber seinen Kindern, aber auch die Grundlage jedweder seelisch-psychischer und seelisch-spiritueller Transformation.

Die instinktiv-biologischen Erwartungen manifestieren sich, wie wir gesehen haben, gleichzeitig in der inneren Vorstellung einer „guten Mutter“ oder eines „guten Vaters“, welche in der seinsorientierten Körpertherapie ebenso mobilisiert wird und allgemein eine Grundlage positiver Übertragungen repräsentiert.

In der Körpertherapie kann dieser verborgene Selbstanteil zum Leben erweckt werden, indem der Klient darin aktiv unterstützt wird, die für ihn stimmige und wahre Berührung in sich abzurufen. In diesem Zusammenhang ist die Erfahrung des „richtigen“ Halts und Gehaltenwerdens von entscheidender Bedeutung. Eine haltende Berührung ist nämlich keine technische Intervention des Machens und Veränderns, sondern eine des Seins und der kontaktvollen Präsenz. Halt verstehen wir nicht nur als eine körpertherapeutische Herangehensweise, sondern als eine ganzheitliche, seelisch-energetische Kontaktqualität (siehe hierzu unsere Ausführungen 74 ff.). Nennen wir es die „haltenden Haltung“.

Wie lässt sich diese „haltende Haltung“ des Therapeuten bzw. der Therapeutin beschreiben? Beginnen wir beim Offensichtlichen. Dazu sind einige Stichworte sind bereits gefallen. Wir können von Begleitung sprechen, von „Bejahung des So-Seins“, also von einer Grundhaltung, die bestimmt ist von unmittelbarer, liebevoller Akzeptanz dessen, was ist – und eben nicht durch ungeduldigen und ruhelosen Aktivitäts- und Arbeitsdrang zur Herstellung dessen, was (noch) nicht ist – und möglicherweise nie sein wird.

Liebevolle, bejahende Akzeptanz, Halt und haltende Haltung werden naheliegender Weise besonders dort angebracht sein, wo sich im Verlaufe des Prozesses Situationen oder Phasen zeigen, in denen der Klient „schwierig“ wird, nicht mehr das pflegeleichte, brave Kind, sondern das rebellische, aggressive oder stoisch am Symptom festhaltende, also negative Übertragungsanteile an die Oberfläche dringen.

Dies sind entscheidende Phasen, in denen sich zeigt, ob Halt wahrhaftig, fühlbar vorhanden ist oder nur eine hohle Phrase, die verstummt, sobald der Donner grollt.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 24. August 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (108): Spuren in Körper und Seele

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In der vorsprachlichen Entwicklungsphase des Menschen sind neben der Körpersprache Laute, insbesondere das Schreien des Babys, Signale an seine Umwelt. Ein Baby drückt sein Bedürfnis nach Zuwendung und Halt instinktiv auf diese Weise aus.

Doch was geschieht, wenn es keine Reaktion auf seine Signale auslöst? Weil niemand da ist, weil die Eltern fernsehgucken oder statt ihrem Instinkt irgendwelchen Ratgebern folgen oder befürchten, ihr Baby zu „verwöhnen“, wenn sie es bei auf den Arm nehmen … was passiert dann eigentlich mit dem Baby?

Wiederholen sich solche Erfahrungen, ist zu erwarten, dass diese zu einem Erfahrungsmuster werden und sich in bestimmten Erwartungen verfestigen: z. B. „es kommt ja doch niemand und nimmt mich auf den Arm“. Wahrscheinlich verstummt dann das Baby nach einiger Zeit, resigniert, zieht sich zurück und hat eine Lektion für sein Leben gelernt: „Ich bin isoliert, niemand ist für mich da, ich bin nicht wichtig für andere usw.“

Ein solcher Rückzug findet gleichzeitig auf einer körperlichen und einer seelischen Ebene statt.

Körperlich ist zu erwarten, dass sich die Lebensenergie und Lebendigkeit aus den Gliedmaßen und den für den stimmlichen Selbstausdruck verantwortlichen Bereichen (Mund- und Halssegment) zurückzieht. Arme, Hände, Beine und Füße erschlaffen, was z. B. an einer niedrigeren Grundtemperatur in diesen Bereichen erkennbar wird. Chronisch kalte Hände und chronisch kalte Füße beim größeren Kind oder beim Erwachsenen, sowie ein leise, nach innen gerichtete Stimme bilden einen Hinweis auf derartige Erfahrungen und energetischen Rückzug in frühester Kindheit.

Auf der seelischen Ebene bilden sich parallel Entsprechungen im innerseelischen Universum und im äußeren Verhalten des Kindes. Es wird eher dazu neigen, sich von der Welt und seinen Objekten eher zurück zu ziehen, sich in der weiteren Entwicklung als Kind und später als Erwachsener brav und pflegeleicht zu präsentieren. Im innerseelischen Universum und in der Selbstbeziehung sind hingegen autoaggressive und depressive Weltwahrnehmungen und Haltungen zu erwarten.

Noch ein anderer Aspekt: In der Regel hat ein Mensch keine eigenen Erinnerungen an das erste Lebensjahr, aber dürfen wir ernsthaft annehmen, dass solche Erfahrungen der frühesten Kindheit spurlos an einem Menschen vorüber gehen? Das Baby mag zwar sein Schreien eingestellt haben, aber ist deshalb das Bedürfnis nach Zuwendung und Halt verschwunden?

Man wird kein Schreien mehr hören, aber es ist vorstellbar, dass dieser Mensch sein Leben lang Schwierigkeiten damit hat, seine eigenen Bedürfnisse deutlich zu artikulieren und für sie zu einzutreten. Ein Verhaltensmuster, das insbesondere für die oralen Charakterprozessen typisch ist.

Wir gehen also davon aus, dass frühkindliche Erfahrungen persönlichkeitsbildend sind. Je stärker sie den instinktiven Erwartungen des Menschen zuwiderlaufen und je früher sie sich ereignen, desto tiefer sind die Spuren, die sie in Körper und Seele hinterlassen.

(Fortsetzung folgt)