Samstag, 24. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (182): Narzisstische Fallstricke idealisierender Übertragung


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Wenn ein Transformationsprozess beginnt, besteht der Balanceakt darin, die idealisierenden Übertragungen für die Stabilität und das Voranschreiten der Arbeitsbeziehung zu nutzen, ihnen jedoch gleichzeitig entgegenzuwirken, um ihre spätere Aufhebung nicht zu erschweren oder zu verhindern. Es empfiehlt sich also, bereits am Anfang und auf der gesamten Wegstrecke diese Aufgabe eines runden Abschlusses im Blickfeld zu halten.
 
Der Anteil des narzisstischen Egos des Therapeuten lässt sich gut daran messen, wie stark er die idealisierenden Übertragungen seines Klienten aktiv fördert oder durcharbeitet und nutzt, um sie schlussendlich aufzulösen. Die Versuchung ist groß, das Phänomen von Übertragungsprozessen auszublenden oder in seiner Bedeutung zu reduzieren.

Häufig findet sich der Therapeut in einem Dilemma, insbesondere, wenn er aufgrund seiner eigenen Schatten die Macht der Übertragungen marginalisiert oder ausblendet. Damit öffnet er dem unbewussten Bedürfnis nach narzisstischer Bestätigung Tür und Tor. Er bewegt sich auf einem Terrain, das der Entwicklung seines Klienten nicht nützt, sondern schadet.

Er fördert damit eine langwierige, bisweilen lebenslange neurotische Abhängigkeit und Infantilisierung seines Klienten und verhindert gesunde Bindungsimpulse, die anderen Menschen gelten könnten, ähnlich einem egozentrischen Elternteil, das die Liebe seines Kindes als Privateigentum betrachtet.

Die Ignoranz eines Therapeuten uferlosen idealisierenden Übertragungen gegenüber unterstützt die Reinszenierung neurotischer Muster der Herkunftsfamilie, ja, sie lässt den Klienten im Regen des Wiederholungszwangs stehen. Schärfer formuliert könnte man die Nichtbeachtung solcher Phänomene als subtile Form narzisstischen Missbrauchs betrachten.

Die Endphase beinhaltet also eine wichtige Zielsetzung: Die Transformation aller Übertragungen zum Therapeuten in primäre Liebe und eine differenzierte Wahrnehmung seiner Person als Mensch wie jeder andere, ohne jede Magie oder Überhöhung.

(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 20. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (181): Von der Übertragungsliebe zur primären Liebe

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 Die Metamorphose der Übertragungsbeziehung zur realen Beziehung bildet die zentrale Aufgabenstellung für die Abschlussphase. Ein Transformationsprozess gilt als nicht oder nur schlecht abgeschlossen, solange noch eindeutige Anzeichen idealisierender Übertragung die Beziehung bestimmen. Erst wenn der Klient die Wahrnehmung der Licht- und Schattenseiten seines Therapeuten integriert hat, darf der Gesamtprozess als abgerundet gelten.

Warum ist das so wichtig? Idealisierende Übertragungen repräsentieren neurotische Muster der Kindheit, denn sie erweisen sich als Umformung und Anpassung der Liebesgefühle des Kindes an die verzerrten Selbstbilder der Eltern. Eltern nehmen die Liebe ihrer Nachkommen selten als das wahr, was sie ist, an, sondern verknüpfen sie mit ihren eigenen Persönlichkeitsmustern, mit ihrem narzisstischen Ego. Häufig bieten sie anstatt eines präsenten und offenen Herzens den Teil ihrer Persönlichkeit an, den die Tiefenpsychologie Ich-Ideal nennt, also das, was und wie sie sich gern sehen möchten. Wie verführerisch erscheint die noch ungeformte und bedingungslose Liebe von Kindern den verletzten Seelen der Eltern?

Allerdings transformiert sich auf diese Weise die originäre Liebe des Kindes zur idealisierenden Übertragung, in der sich die offene oder versteckte Grandiosität des narzisstischen Egos der Eltern spiegelt und bildet eine verzerrte Beziehungsbasis.

Um ein paar markante Beispiel zu nennen: Papa kann alles, was mit Technik zu tun hat oder weiß alles, was mit seinen intellektuellen Fähigkeiten zu tun hat, Mama ist die liebevollste und perfekteste Mutter, sie ist die schönste und klügste Mama der Welt usw. Unschwer erkennt man die neurotischen Ich-Ideale der Eltern, die die Liebe des Kindes zu jenem Zerrbild von Liebe machen, das man Übertragung nennt.

Als Übertragungen verstehe ich also als Verzerrungen der »primären Liebe« (Balint), die im Kontakt mit dem narzisstischen Ego der Eltern entstanden sind. Sie definieren und formen die Liebe, welche Kinder in ihrer familiären Lebensumwelt lernen. Das gilt übrigens auch für die negativen Übertragungen, nur dass hier die totale Herz- und Bindungslosigkeit jede liebevolle Regung mit Hass und Misstrauen bis zur Unkenntlichkeit überdecken.

Diese Verzerrungen primärer Liebe bringt der Klient in die Beziehung zu seinem Therapeuten ein. Die Übertragungsmuster dramatisieren sich in dem Umfang, wie die Aktualisierungen von Kindheitsgefühlen im Laufe des Prozesses zunehmen. Ähnliches lässt sich bei den Partnerschaftskrisen beobachten, die ebenso heftige Regressionen und dramatische Übertragungsgefühle auslösen können.

Für den Umgang mit Übertragungen in Transformationsprozessen gilt also eine einfache Orientierung: Der Weg führt von den Verzerrungen der Liebe (= Übertragungsliebe), die dem narzisstischen Ego entspringen zurück zur »primären Liebe« eines präsenten und offenen Herzens.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 17. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (180): Das tiefe Ja der inneren Wahrheit

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Wenn ich von einem »tiefen Ja« spreche, geht es um Orientierungen, Wegweiser, nicht um die deckungsgleiche Umsetzung. Max Weber prägte den Begriff »Idealtypus«. Der zeugt die Richtung.

Mehr als 4.000 Jahre Patriarchat stecken in unseren kulturellen Knochen. Es wird hoffentlich weniger Zeit benötigen, bis der Mensch wieder deutlicher in Balance mit seinem Seins-Kern lebt. Die Reise hat begonnen, denn wir sind Reisende zur Wahrheit. Die Generationen nach uns können sie, so hoffe ich, leichtfüßigeren Schrittes bewältigen.

Dem Idealtypus dieses tiefen Ja begegnet der Mensch in manchen heilenden Augenblicken. Sei es angesichts eines Neugeborenen oder des Sterbens, sei es, wenn Amors Pfeil trifft. Das tiefe Ja vermag in all den Momenten aufzuscheinen, in denen das Leben seine Wahrheit schenkt, eine Wahrheit, die das Herz erkennt.

Auch das Phänomen der idealisierenden Übertragung im Transformationsprozess lässt sich hier einordnen. Im engeren Sinne, und noch auf der Meeresoberfläche der Übertragung, zeigen sich liebevolle Gefühle gegenüber seinem Therapeuten bereits in den Anfangsphasen. Sie unterscheiden sich jedoch fundamental von jenem Stadium der Entwicklung, in dem das Herz erwacht.

Ein wesentlicher Teil des Transformationsprozesses stellt die Arbeit mit all dem dar, was in der Klient-Therapeut-Interaktion aufscheint. Die Beziehung zum Therapeuten kann idealerweise zur ersten (angst- und widerstands-) freien Erfahrung von Bindung und Liebe erwachsen, zur erlebten Utopie eines Ja des liebenden Herzens, zum Tor einer korrigierenden Erfahrung. Ein entscheidender Einfluss liegt in der Unterstützung und Ermutigung, die ein Therapeut dem Klienten gibt, wenn es gilt, die Liebe auf andere Menschen zu übertragen. An diesem Punkt lauern Gefahren:

•    Die einer »malignen Regression« (M. Klein) des Klienten, der es vorzieht, an der sicheren Bindung zum Therapeuten festzuhalten und den Schritt in die Autonomie um jeden Preis zu vermeiden.
•    Die unbearbeiteten narzisstischen Anteile des Therapeuten, welche eine Ablösung des Klienten verhindern.
•    Eine Zusammenwirkung beider Anteile. Dies dürfte insbesondere bei ungewöhnlich lang andauernden Prozessen zu beachten sein.
    
Die Beziehung zum Therapeuten vermag nur idealerweise zur ersten freien Erfahrung von Bindung und Liebe erwachsen. Nicht jedes Arbeitsbündnis trägt Tiefe und Langfristigkeit ins sich. Nicht jeder Klient ist in der Lage, sich der Wahrheit weit zu öffnen. Nicht jeder Therapeut verfügt über die Voraussetzung, die Wahrheit eines Menschen, seine Widerstände, Haken und Ösen, wahrzunehmen und zu transformieren. Das mag zumindest teilweise mit den Persönlichkeitsstrukturen von Therapeut und Klient zusammenhängen, aber es treten noch andere Faktoren hinzu, die wir nicht kennen.

Wir wissen noch viel zu wenig über das Zusammenwirken und die Koinzidenzen, mit denen wir im Transformationsprozessen zu tun bekommen. So sind und bleiben wir Suchen und Lernende auf einem Gebiet, das in weiten Bereichen unbekanntes Land ist: die Wahrheit über den Menschen als (energetische) Verbindung und Einheit von Körper und Seele.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 9. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (179): Assoziationen zur Abschlussphase der Transformation

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Der gesamte Prozess der seinsorientierten Transformation kann als Reise zur inneren Wahrheit verstanden werden. Ihre Wurzeln liegen tief in der menschlichen Natur, in der seelischen und körperlich-energetischen Grundausstattung. Reich nannte es den »biologischen Kern«, einen Begriff, den ich gern übernehme, da er nicht nur das rein Physische, sondern auch das Terrain der Emotionen, der energetischen Struktur und damit der herzenergetischen Funktionen umfasst.

Dahin führt die Reise. Der neue Kontinent, den es zu entdecken gilt, enthüllt sich als der alte. Gelingt es, die bioenergetischen Wurzeln der Körperseele zu reintegrieren, so scheint Heimat nicht mehr als äußerliche Sehnsucht, sondern Seinszustand auf.

Der Verlust der Wurzeln macht den Menschen zum Fremden in sich selbst und seiner selbst. Kultur und Lebensumwelt formen früh und umfassend die Beziehung des Einzelnen zu seiner inneren Wahrheit. Diese Entfremdung bildet die Basis entfremdeter Selbstwahrnehmungen, die ich als »narzisstisches Ego« oder als »Dominanz des Ego-Verstandes« beschrieben habe.

Das Herz ist das Organ von Bindung, Verbindung und Liebe. Es ist der Kern des menschlichen Wesens. Die Reise, um die es hier geht, ist also eine Reise zum Herzen, ein Erwachen der Liebes- und Bindungspotentiale. Damit ein Halt im und eine Haltung zum Leben, die auf dieser gefühlten Wahrheit aufbaut und nicht mehr länger auf derjenigen abstrakter Ideale des Ego-Verstands.

Damit ist gleichzeitig angesprochen, was als Abschluss des Transformationsprozesses und als Ende dieser Reise betrachtet werden kann: Eine gewachsene, erwachsene, wiedererwachte Liebesfähigkeit.

Gründet die Identität eines Menschen nicht mehr in der patriarchalischen Präsentation, der Einsamkeit von sozialem Status und Macht, verschmelzen Reise und Ziel. Sie entspringen dem tief empfundenen Ja eines liebenden Herzens, das einfach nur seiner Natur, sich zu verbinden, folgt. Das eins wird im tiefen Ja zur Schöpfung, zum Sein an sich.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 3. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (178): Strukturen als Elemente väterlichen Halts

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An der Oberfläche ähnelt die verbale Arbeit am narzisstischen Ego der Widerstandsanalyse, wie sie Wilhelm Reich in seiner »Charakteranalyse« entwickelt und beschrieben hat. All jene Spuren von Versteifung in der Welt der Gedanken und des Verhaltens, die befremdlich wirken, all jene Widerstände, die Bewegung und Veränderung behindern, bilden das Material dieser Widerstandsanalyse.

Im Wesentlichen, und das gilt für jeden Transformationsprozess, steht die Überwindung all jener Starrheiten und narzisstischen Ego-Programme im Fokus, die den Fluss der Liebe und der Hingabe im und an das Leben vereiteln oder verhindern.

Irritationen, Widerstände und Abwehrimpulse, die diesem Zusammenhang entstammen, werden in einer haltgebenden und authentischen Beziehung umgehend sichtbar und lassen sich dialogisch durch physischen Halt und verbaler Arbeit entthronen. So wie das narzisstische Ego das Licht der Liebe in der Finsternis seiner Schatten ersticken kann, so kann das authentische Licht der Liebe diese wieder erhellen.

Der organisatorische Rahmen, in dem ein Transformationsprozess stattfindet, bildet ein Element väterlichen Halts und soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Hier subsumiere ich Regeln, die nicht jedem Klienten von Anbeginn an zur Verfügung stehen, z. B. Pünktlichkeit, rechtzeitige Absage in Notfällen, Akzeptanz der vorgegebenen Zeitstruktur (es sein denn, der Therapeut löst sie bewusst auf), Verbindlichkeit und Klarheit im organisatorischen Umfeld. Auf welche Ideen manche Klienten kommen, möge folgende Fallvignette erläutern.

Vor vielen Jahren begegnete mir ein Klient, der am Ende seiner ersten Sitzung, als es um die Bezahlung ging, seufzend einen kleinen Sisalbeutel aus dem Rucksack zog, in dem er lauter Münzen gesammelt hatte. Er erklärte mir, dass er in den letzten Tagen in der U-Bahn Musik gemacht hätte, um diese Einzelsitzung bei mir zu bezahlen.

In diesem Verhaltensmuster dürfte leicht erkennbar sein, was die unbewusste Botschaft dieser Inszenierung ist. Eigentlich wollte er mir sagen: »Ich bin so besonders, so einzigartig, dass ich die Therapie im Grunde bei dir kostenlos bekommen sollte. Niemand erkennt diese Besonderheit meiner Person. Ich muss ich mir die Mühe machen und in der U-Bahn betteln. Das ist ein schweres Opfer! Aber die Art und Weise, mit der ich bezahle, zeigt deutlich, wie einzigartig ich bin!«

Dass sich hier schlecht kaschierte Aggressionen und ein subtiles Machtspiel verbergen, liegt ebenso auf der Hand, wie die Tatsache, dass es sich um ein ausgesprochen grandioses Ego handelt, dem wir dabei begegnen.

Psychoanalytiker nennen derartige Verhaltensmuster im organisatorischen Umfeld »Agieren« und betrachten es als wertvolles Material für die therapeutische Arbeit. In diesem Details des Agierens findet sich somit ein eindrucksvoller Reichtum an Themen, die viele Stunden lang mit den Methoden der seinsorientierten Transformation bearbeitet werden können.

In den Regeln des väterlichen Haltesystems ist vor allem eine Botschaft enthalten: Der Therapeut ist der Kapitän auf dieser Reise, der den Kurs vorgibt. Diese klare Struktur auf dem Schiff der Transformation mag autoritär erscheinen. Ist sie nicht gleichzeitig eine Widerspiegelung von Sicherheit und Halt, derer es bedarf, wenn man sich auf die Reise in unbekannte Ländern macht?

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 27. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (177): Elemente einer Transformation des Egos

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 Aus dem Gesagten geht hervor, dass es nicht zielführend ist, durch direkte Konfrontation und Deutung das narzisstische Ego anzugehen. Es bedarf bestimmter Voraussetzungen, um sich den Abwehrbastionen des narzisstischen Egos zu nähern und diese zu transformieren. Die Desidentifizierung mit den Programmen des Egos erweist sich als Königsweg, erst hier beginnt der Weg in die innere Freiheit, die Voraussetzung jeder äußeren Freiheit.

Das Geheimnis liegt auf der Bindungs- und Beziehungsebene, körpertherapeutisch bereits als »Stimmigkeitseffekt« eingeführt (siehe S. 308): Die Resonanz der innerseelischen Vorstellung von »richtiger« Berührung, auf den Idealtypus der »guten Mutter« und des »guten Vaters« bilden wichtige Bausteine einer »haltgebenden Beziehung«.

Mit diesem  verbindet sich die Liebesfähigkeit des Therapeuten im Sinne seines Agape-Potentials, das wir bereits an anderer Stelle erörtert haben (siehe S. 356 ff.) Die auf Bindung gerichteten mütterlichen Haltangebote schaffen die Voraussetzung, um die konfrontative, väterliche Haltarbeit zu ermöglichen, welche die Panzerung und Ego-Programme in direkter Weise angehen.

Von dem Augenblick an, in dem der Klient eine tiefe Bindungsliebe verspürt, die zwischen ihm und seinem Therapeuten atmet, von dem Augenblick an, in dem der Klient sich innerlich gewiss ist, dass bei allem, auch bei kritischen Äußerungen, nicht sein Selbst oder seine Seele, sondern die Programme seines narzisstischen Egos angesprochen sind, von diesem Augenblick an öffnen sich die Räume einer neuen inneren Freiheit, beginnen die  Erstarrungen des Narzissmus sich zu bewegen. Die Hilfestellung des Therapeuten, die eigenen narzisstischen Muster zu erkennen und sich mit ihnen zu desidentifizieren, wird so nicht weiter als Angriff auf die eigene Psyche, sondern als Potential des Wachsens zu Freiheit erlebt.

Auf diesem Hintergrund liegt der zentrale Fokus der seinsorientierten Transformation stets auf der Kontakt- und Beziehungsebene, um die Basis für die Arbeit mit dem narzisstischen Ego zu schaffen. Ist es ja gerade eine der hervorstechendsten Eigenschaften des narzisstischen Egos, nicht in Beziehung zu treten und sich stattdessen in der eigenen und eigenwilligen persönlichen Geschichtsschreibung ein- und abzukapseln.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 22. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (176): Das narzisstische Ego und die Verwundung des Herzens

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 Diese Empfindung von Schmerzhaftigkeit angesichts des rigiden Ichs, der man in sich selbst oder in einem anderen Menschen begegnet, ist kein Zufall. Spüren wir dem nach, so lässt sich unschwer wahrnehmen, dass psychische Rigidität den inneren Schmerz, das innere Leid kaschiert und schützt, das in tieferen Schichten der Persönlichkeit verborgen bleibt.

So sind es Leid, und tiefe Wunden im Herzen, die hinter all diesen Erstarrungen verdeckt werden. Das narzisstische Ego hat nur eine einzelne, aber wesentliche Aufgabe: Alles zu unternehmen, damit der Mensch diesen tiefen Schmerz, diese tiefe Verwundung des Herzens niemals wieder fühlen muss. Seine Rigidität repräsentiert damit eine negative Identifikation mit dem inneren Leiden und wehrt alles ab, was dieses Arrangement aus der Balance bringen könnte.

Die Rigidität des narzisstischen Egos, dieses fast perfekten Schutzpanzers aus Urteilen, Widerständen und Identifizierungen, wird in der Gegenübertragung leicht spürbar als die Qualität des »Rühr mich-nicht-an«. Bei Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsanteilen lässt sich eine unbändige Aggression, ein Hass auf jeden, der sein Ego nicht kritiklos bejaht, wahrnehmen (die sog. »narzisstische Wut«). Diese wirkt wie ein Elektrozaun, dessen gefährlicher Ladung man sich nur ungern nähert.

Diese Aura des »Rühr-mich-nicht-an« kennzeichnet die Egostruktur im Allgemeinen, mit der wir in der Praxis zu tun haben. Ihre Gemeinsamkeit findet sich in ihrer grundlegenden Abwehrhaltung gegenüber allem, was sie in Form und Funktion beeinträchtigen könnte.

Attackiert man diese Ego-Strukturen ohne Vorbereitung und ohne tragende Beziehung, so besteht die Gefahr, lediglich Abwehrreaktionen auszulösen.

Manche gehen typischerweise in den Kopf, rationalisieren jede Deutung im Sinne ihres Ego-Konstrukts, lassen dieses selbst jedoch unangetastet. Andere flüchten sich in aufschäumendes Drama oder Leid, häufig gepaart mit eitlem Selbstmitleid, das ihnen nicht bewusst wird. Manche verbergen sich hinter Trotz und Überheblichkeit, in Verachtung, Stolz oder Rückzug. Wieder andere spreizen sich in Grandiosität und Omnipotenz, drohen mit dem Abbruch der Therapie.

Hochdramatische Entwicklungen stehen auf der Agenda. Allen gemeinsam ist die Haltung, ein missverstandenes Opfer eines Aggressors zu sein, in diesem Fall des Therapeuten. Unschwer lässt sich hier die Übertragungsqualität erkennen und die Funktion, etwas Bestimmtes in der Körperseele nicht zu spüren: die tiefe Verwundung des Herzens.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 20. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (175): Von der Charakteranalyse zur seinsorientierten Transformation


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Ad 4.: Charakteranalytische Therapie nach Wilhelm Reich
Der revolutionäre Ansatz Reichs fand sich bereits in seiner Charakterlehre, als er noch als Psychoanalytiker praktizierte. Zwar hatten Freud und vor allem die Analytiker Karl Abraham und Franz Alexander erste Elemente zu einer Charakterlehre geliefert. Aber erst Wilhelm Reich schuf eine systematische Theorie des Charakters und ein darauf basierendes Modell ihrer therapeutischen Anwendung.
Diese Charakterlehre basiert auf dem psychosexuellen Entwicklungsmodell und begreift die Persönlichkeit des Einzelnen als persönlichkeitsbildende Programmierung in der jeweiligen Phase.
Die Radikalität seines Ansatzes liegt darin, dass hier nicht mehr zwischen neurotisch und nicht-neurotisch (also »gesund« oder »normal«) unterschieden wird. Jeder Charakter, jede Persönlichkeit weist demnach grundlegende neurotische Muster auf. Folgerichtig will eine charakteranalytische Behandlung die Persönlichkeit als Ganzes transformieren, nicht nur ein bestimmtes und begrenztes Symptom. Diesen »transformierten« Charakter bezeichnete Reich später als »genitalen Charakter« und definierte damit sein Modell seelischer Gesundheit.

Ad 5.: Seinsorientierte Transformation
Diese geht einen essentiellen Schritt über Reich hinaus, indem sie das Modell des Egos, das sich in spirituellen Persönlichkeitslehren findet, in den Prozess miteinbezieht. Sie verbindet die Traditionen der Charakteranalyse Reichs mit der Essenz des spirituellen Wissens um die Macht des Egos.
Diese dominiert überall, das Individuum, seine Beziehungen, Kultur und Gesellschaft, erscheint im winzigsten Detail des Alltags. Die Dominanz des narzisstischen Egos gebärdet sich total und totalitär. Jede Freiheit beginnt erst dort, wo es möglich wird, diese Allmacht zu transzendieren. Diesen Prozess beim Einzelnen in Gang zu setzen, das ist der Ansatz der seinsorientierten Transformation.

Die Macht des narzisstischen Egos
Eine besondere Eigenschaft des narzisstischen Egos besteht darin, dass es sich im Laufe des Lebens mit einer persönlichen Geschichtsschreibung identifiziert hat. Dieses Drama inszeniert sich mit wachsendem Lebensalter immer rigider, unbeweglicher. Wie der Körper in Prozess des Älterwerdens sukzessive versteift, so erstarren auch Selbst- und Weltwahrnehmungen. Das Gewicht der Erfahrungen im seelischen Erleben erzeugt eine Schwere, die unerträglich anmutet. Was hat es mit dieser »persönlichen Geschichtsschreibung« und der damit verbundenen Schwere auf sich?

Auf der oberflächlichen Ebene findet man sich zunächst mit dem Ich konfrontiert. Es ist das Ich, das jene Geschichte erzählt, wer ich bin und weshalb ich so und nicht anders geworden bin und nur so und nicht anders mich selbst präsentiere. Das Ego repräsentiert die absolute Identifizierung mit dieser Geschichte, die ICH mir selbst und anderen präsentiere.

Begriffe wie Image, Prestige, Renommee, Ehre, Leumund, Ruf, Respekt (vor der verlogenen Ego-Story), das grundlegende Beziehungsmuster des »Rühr-mich-nicht-an« repräsentieren einige Aspekte dieser Selbstpräsentation. Die Rigidität, die hier aufscheint, kann, begegnen wir dem Menschen offenen Herzens, als schmerzhaft, ja wahnwitzig wahrgenommen werden, doch sie ist bitterer, bisweilen auch tödlicher Ernst. Wie viele Leben werden geopfert im Namen von Image und Ehre?

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 17. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (174): Über die unterschiedlichen Zielsetzungen von Therapie

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Körpertherapeutische Herangehensweisen und andere Methoden bieten wirkungsvolle Möglichkeiten, um Rigiditäten, Blockierungen und Kontaktstörungen in der Beziehung zum inneren und zum äußeren Sein zu transformieren. Sie versagt allerdings bei der Aufgabe, die Dominanz des narzisstischen Egos in den Denk- und Verhaltensmustern signifikant zu vermindern.

Damit verknüpft ist die Frage nach den unterschiedlichen Zielsetzungen einer Therapie oder eines Transformationsprozesses, die es vorab zu klären gilt. Hier lassen sich verschiedene Modelle und Zielsetzungen unterscheiden:

1.    Coaching, Beratung und Lebensberatung
2.    Symptomorientierte Psychotherapie
3.    Wachstumorientierte humanistische Psychologie und Psychotherapien
4.    Charakteranalytische Therapie nach Reich
5.    Seinsorientierte Transformation der Persönlichkeit

Ad 1.: Coaching und Beratung
In diesem Fall gibt es eine eng umrissene Fragestellung, für die der Klient einen Coach oder Berater aufsucht. Meist steht die Optimierung der Leistungsfähigkeit oder die verbesserte Umsetzung von konkreten Zielsetzungen im Beruf, Beziehung und Alltag im Fokus. Wie die Zielsetzung selbst, so zeigt auch der Weg effizienzgeprägt. Coaching oder Beratung bieten kurzfristig angelegte Prozesse von wenigen Wochen oder Monaten.

Ad 2.: Psychotherapie
Hier subsumiere ich das weite Feld der Psychotherapie, von der Verhaltenstherapie über Tiefenpsychologie, Psychoanalyse bis hin zu den systemischen Ansätzen, um nur einige zu nennen. Auch die moderne Körperpsychotherapie lässt sich hier einordnen.
Die Gemeinsamkeit dieser Methoden besteht darin, dass sie sich auf dasjenige Symptom, welches Patient und Therapeut im Arbeitsbündnis definierten, konzentrieren. Der Psychotherapeut richtet seine Tätigkeit darauf aus, das Symptom zu mildern oder idealerweise zum Verschwinden zu bringen und damit die allgemeine Lebensqualität zu verbessern.

Ad 3.: Humanistische Psychologie und Psychotherapie
Der radikale Ansatz, welcher der ersten Generation der sog. humanistischen Psychologen in den 60er und 70er Jahren noch kennzeichnete, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Übrig geblieben aus dieser Bewegung des sog. »3. Weges der Psychologie« sind Methoden wie die klientenzentrierte Gesprächstherapie und die Gestalttherapie.
Der revolutionäre Ansatz der »Humanistischen Psychologie« fand sich in einem radikalen Bekenntnis zu Ganzheitlichkeit und Wachstum. Die traditionellen Rollenmuster von Arzt und Patient wurden ebenso infrage gestellt wie die Trennung von Körper und Seele (der heute häufig verwendete Begriff »Klient« statt »Patient« stammt daher).
Einer der Protagonisten, Abraham Maslow, betrachtete Selbstverwirklichung und Transformation als fundamentale menschliche Bedürfnisse. Ihm erschienen die Werkzeuge der Psychotherapie als viel zu wertvoll, um sie nur effienzorientiert oder zur Beseitigung von Symptomen zu nutzen. Vielmehr sollten sie als Gemeingut für die Selbstverwirklichung jedes Menschen angewendet werden.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 15. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (173): Pränataler Ganzkörperkontakt in der Seitenlage

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Das Bedürfnis nach ganzköperlicher Halterfahrung tritt im weiteren Verlaufe der Prozessphase deutlicher in Erscheinung. Es gibt in der seinsorientierte Transformation eine Anzahl von Arrangements, die sich auf diese Entwicklungsphase beziehen.

Beim pränatalen Ganzkörperkontakt in Seitenlage liegt der Klient in Embryonalhaltung auf der Seite, über sich eine Decke, dazu ein Kissen im Arm. Der Therapeut nutzt seinen Körper, um eine gebärmutterähnliche Erfahrung nachzubilden.

Dazu positioniert er sich über den mit der Decke verhüllten Klienten, achtet darauf, dass dieser weder in seinem Atmungs- noch in seinem Bewegungsspielraum eingeschränkt wird. Decke und Kissen haben sowohl eine symbolische Bedeutung (als zum Fötus gehörige Plazenta), als auch eine Abgrenzungsfunktion (als Kontaktgrenze).

Es geht hierbei nicht um eine ganzkörperliche Verschmelzungserfahrung unter Auflösung von Körpergrenzen, wie man vermuten könnte, sondern um eine organismisch-energetische Verankerung in einer Halterfahrung. Analog zur Dauer dieser Übung werden sich Effekte einer energetischen Überlagerung zeigen, z. B. Pulsationen und Rhythmen (wie Atmung, Herzschlag usw.) spontan angleichen

Das Körperselbst erlebt sich in einem sicheren und intimen, jedoch nicht überwältigendem Kontakt mit einem anderen Organismus. Die eigenen Körpergrenzen und die physische Identität werden auf diese Weise auf der uteralen Ebene bejaht, energetisch genährt und liebevoll gestärkt.

Bei einer Ganzkörperkontaktübung folgende Faktoren elementar:
•    Ein an der inneren Uhr des Klienten ausgerichteter Zeitrahmen,
•    Die Kontaktpotentiale des Therapeuten (Einstimmung, Zuwendung, Gefühlsanklang),
•    Das Zulassen von Trance- oder Bewegungsimpulsen.

Auf diese Weise lassen sich körpertherapeutisch vorhandene Disbalancen zwischen Autonomie und Bindung in der uteralen Phase sanft korrigieren.

Ich denke, dass diese Beispiele ausreichen, um eine Vorstellung von der Praxis der seinsorientierten Therapie zu bekommen. Manche Elemente mögen dem Leser, der nicht über eigene körpertherapeutische Erfahrungen verfügt, eigenartig vorkommen. Das «Eigenartige« solcher Arrangements und Übungen besteht darin, dass sie nichts anderes darstellen als die symbolisch-energetische Nachbildung eines Geschehens, das in frühester Kindheit stattfand und sich tief im zellulären Gedächtnis des Organismus eingegraben hat. Das Erstaunliche, das Wunder enthüllt sich darin, dass solche Ur-Erfahrungen ein Leben lang abrufbar bleiben. Das zelluläre Gedächtnis des Körpers scheint also ebenso zeitlos zu sein wie das Unbewusste.

Eine seinsorientierte körpertherapeutische Herangehensweise wird u. a. Bemutterungserfahrungen auf der energetisch-symbolischen Ebene nachbilden und zellulär sensibilisieren. Damit lassen sich manche jener Kreise schließen, die aufgrund unzureichender Halt- und Bindungserfahrungen offen blieben.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 13. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (172): Pränatale Halterfahrung und Berührung

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 Wie bereits mehrfach erwähnt, bildet für den Fötus die Gebärmutterwand die prägende Ur-Erfahrung von Halt und Gehaltensein. Im nächtlichen Schlaf regredieren die meisten Menschen zurück in die Ur-Erfahrung des Halts, indem sie in der sog. Embryohaltung schlafen.

Die Halterfahrung in der Gebärmutter unterscheidet sich von einer mechanischen Halterfahrung (z. B. derjenigen der Rückenlehne eines Stuhls) dadurch, dass sie, eine positive Haltung zur Schwangerschaft vorausgesetzt, in mehrfacher Hinsicht lebendig ist: Sie ist warm, beweglich, pulsiert und reagiert intuitiv-liebevoll auf fötale Impulse.

Die vitalen Qualitäten Gebärmutter können jedoch eingeschränkt sein. Dies geschieht dort, wo eine negative Grundeinstellung zur Schwangerschaft besteht. Das kann eine Verleugnung oder starke Ablehnung der Schwangerschaft selbst sein. Solche Grundhaltungen führen dazu, dass die Gebärmutter emotional erstarrt, kalt, gefühllos und unbeweglich wird. Ein Lebensraum, der gekennzeichnet ist durch eine unzureichende Halterfahrung, also eingeschränkte Einstimmung, Zuwendung und Gefühlsanklang.

Der körpertherapeutische Ansatz besteht naheliegenderweise darin, die lebendige Gebärmutterqualität symbolisch und energetisch nachzubilden. Dies wird erfahrbar in der Art und Weise, wie wir den Rücken des Klienten mit unseren Händen berühren, während dieser in embryonaler Haltung seitlich auf der Matratze liegt. Die berührenden Hände sind dabei warm, beweglich, sie pulsieren und reagieren. Der Energiefluss zwischen dem Herzen und den Händen des Therapeuten ist geöffnet, so dass der Fluss der Liebe aus dem Herzen in die Hände fließt. Sie »atmen« Herzenergie.

Wir beginnen damit, dass die linke, dem Kopf nähere Hand (»Kopfhand«) den Bereich des Nackens, die den Füßen benachbarte Hand (»Fußhand«) das Becken in Steißbandhöhe abdeckt. Beide Hände verharren dort und treten in »dialogische Berührung« (siehe S. 345). Nach einigen Minuten gehen beide Hände ein Stück weiter, Schritt für Schritt, bis sie sich in der Mitte des Rückens, etwa im Zwerchfellsegment, treffen. Dieser Abschnitt, von den Polaritäten Nacken und Becken ausgehend bis zu der Vereinigung im Zwerchfellbereich sollte mindestens 12–15 Minuten andauern.

Anschließend geht es in die andere Richtung zurück, um den Zyklus zu vervollständigen. Ein solcher Zyklus sollte mehrmals wiederholt werden.

Es ist zu erwarten, dass der Klient während dessen in einen tranceartigen Zustand gleitet. Dies ist durchaus erwünscht, denn es ist ein Zeichen dafür, dass sich auf einer subtilen energetischen Ebene die Energieströme reorganisieren. Im Grunde bildet sich hier die Situation ab, den der Fötus im Mutterleib erfahren hat. Es handelt sich bei diesen tranceartigen Zuständen um tiefe Regressionen, die allerdings körpertherapeutisch wenig spektakulär sind, weil sie sich tief in Inneren abspielen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 7. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (171): Beispiele mütterlichen Halts - die Herz-Stirn-Verbindung


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 "Du hast nur meine Stirn berührt, da schmolz er auch schon hin, der harte Mann ..." (Francois Villon)

Das Phänomen des »inneren Polizisten« haben wir bereits an anderer Stelle erörtert. Wir erinnern uns, dass die Instanz des »inneren Polizisten« dazu dient, zwei fundamentale organismische Prozesse zu kontrollieren: die genitale Hingabe und die Öffnung des Herzens. Ihre Einheit und Vereinigung entfaltet die Wahrhaftigkeit von Liebe. Ihr Getrenntsein von eineinander und ihre Spaltung inszenieren den Schein, die Illusion, die leere Form.

Der innere Polizist hat also die vornehmste Aufgabe, Impulse der wahrhaftigen Liebe zu kontrollieren. Er ermittelt, stellt Strafzettel aus oder sorgt im unerträglichsten Fall dafür, dass das wahre Selbst eingesperrt und verbannt wird.

Sobald sich im Bereich der genitalen Hingabe und der Öffnung des Herzens deutliche Impulse zeigen, tritt dieser «innere Polizist« in Erscheinung. Körperlich geht damit eine sichtbare Anspannung im Stirnbereich einher, in den Denk- und Verhaltensmustern werden all jene charaktertypischen Abwehr- und Widerstandsmuster in Gang gesetzt, welche die Hingabeimpulse verhindern.( In diesem Sinne kann jeder einzelne Charaktertypus als spezifisches Abwehrmuster gegen die genitale Hingabe und die Öffnung des Herzens interpretiert werden.)

Auf diesem Hintergrund interpretieren wir die körpertherapeutische Herz-Stirn-Verbindung als energetische Reorganisierung der Energieströme zwischen Herz und Stirn, zwischen Herz- und Augensegment. Dabei wird eine Hand auf das Herz des Klienten, der dabei auf dem Rücken liegt, die andere Hand auf der Stirn des Klienten in unmittelbarer Nähe der Augenbrauen platziert.

So banal diese Beschreibung auf den ersten Blick anmutet, so intim kann sie vom Klienten erlebt werden, wenn eine solche Berührung über einen längeren Zeitraum beibehalten wird. Widerstands- und Abwehrmuster, die hier spontan auftreten, sind willkommen und werden mit Vorrang bearbeitet.

All das, was Hingabe und (Ver)Bindung zwischen diesen Polaritäten verhindert, wird so bearbeitet, körpertherapeutisch und verbal. Am Ende steht idealtypischerweise der Friedensschluss im »innerseelischen Bürgerkrieg« (siehe meine früheren Ausführungen zu diesem Thema), der einhergeht mit einem tiefen Gefühl von Frieden, Heimat und Stille.

Entscheidend auf Seiten des Therapeuten sind dabei seine Kontaktfähigkeit und die Qualität seines Kontakts. Wie bereits ausgeführt, basiert dieser auf den Prinzipien von Zuwendung, Einstimmung und Gefühlsanklang und auf der dialogischen Qualität der Berührung. So entstehen Voraussetzungen für eine wachsende (Ver)Bindung von Gehirn und Herz, Ich und Selbst, Ego und Liebe.

(Fortsetzung folgt)