Samstag, 19. August 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (191): Wie die Funktion des Orgasmus im Abfallkorb landete ...

Taschenbuchausgabe der Erstveröffentlichung 1969
 Ein solch reges Interesse an den vergriffenen Werken von Wilhelm Reich blieb dem kommerziellen Buchmarkt nicht verborgen. 1969 erschien die erste in einem regulären publizierte Veröffentlichung von Reich, nämlich sein Buch »Die Funktion des Orgasmus – die Entdeckung des Orgon I«

Das Buch stellte eine Rückübersetzung aus dem Englischen dar, nämlich Reichs 1942 in den USA erschienene wissenschaftliche Autobiografie. Damit stellte er sich dem US-amerikanischen Publikum vor, nachdem er sich 1939 mit dem letzten Schiff aus Norwegen vor der Besetzung durch die Nazis in die USA flüchten konnte.

Die Funktion des Orgasmus – die Entdeckung des Orgon I präsentierte sich als das erste Buch von Reich, das dessen Arbeiten nach 1935, also dem Zeitpunkt des Ausbruchs seiner angeblichen Schizophrenie, in Deutschland bekannt machte.

Meine eigene Beziehungsgeschichte mit Reich begann mit diesem Buch. Sie startete stürmisch. Kaum erhältlich, konnte ich es nicht erwarten, das Buch zu lesen. Erste Gelegenheit bot eine lange Zugfahrt, die ich damals, gerade 18-jährig, unternahm.

Hier las ich erstmals über den von Reich entwickelten körpertherapeutischen Ansatz, den er »charakteranalytische Vegetotherapie« nannte. Seine Behauptung, dass im Körper Emotionen chronisch festgehalten werden, dass es einen »Körperpanzer« gäbe, dass in der biologischen Tiefe unseres Organismus reflexartige Wellenbewegungen in einen sog. »Orgasmusreflex« mündeten und seine Blockierung den Nährboden jeder Neurose darstellte, entsetzte mein Denken und faszinierte meine Seele.

Reich provozierte und beeindruckte mich von diesem Augenblick an. Da sprach jemand, direkt und klar, der die Macht der Sexualität und des Gefühlslebens kannte und mit radikaler Offenheit darüber schrieb, eine Macht, die ich als Achtzehnjähriger mit jedem Atemzug intensiv wahrnahm.

Reichs Vorstellungen allerdings, dass Emotionen in den Muskeln festgehalten und körpertherapeutisch behandelt werden könnten, provozierten mein rational-wissenschaftliches, an Freud orientiertes Weltbild und meine frühreife Kopflastigkeit. Ich fand es unverschämt, welches abgedrehte und verrückte Zeug der Autor in seinem Buch verbreitete. Wie konnte er nur den genialen Übervater Freud so missverstehen?

Heute vermute ich, dass das Gerücht von Reichs Schizophrenie auch in mir seine Spuren hinterlassen hatte. Ich hatte sein Buch fast ausgelesen, als ich am Zielbahnhof ankam. Voller intellektueller Abscheu warf ich die Funktion des Orgasmus – die Entdeckung des Orgon I in den erstbesten Abfallkorb. Mit solch theatralischer Geste glaubte ich, das Thema Reich abgeschlossen zu haben.

Der Triumph meines Ego-Verstands über diese Entscheidung währte allerdings nicht lange. Als ich den Bahnhofsvorplatz erreichte, machte ich spontan kehrt, rannte die Stufen zum Bahnsteig hoch, um das Buch aus dem Abfall zu fischen. Doch ich hatte Pech, es war verschwunden! Offensichtlich gab es 1969 außer mir noch andere Interessenten an der Funktion des Orgasmus.

Am gleichen Tag kaufte ich mir ein neues Exemplar in der nächsten Buchhandlung und beschloss, in Zukunft achtsamer und sorgfältiger mit Reichs Veröffentlichungen umzugehen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 13. August 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (190): Die sexuelle Revolution und der verrückte Reich

Wilhelm Reich (links) mit Alexander Neill, dem Gründer von Summerhill
Insbesondere die Beschäftigung mit dem Thema Sexualität bewegte, es stellte ein zentrales Motiv des sozialpolitischen Bewusstseins jener Tage dar. Die emotionalen Blockierungen der älteren Generation gingen einher mit ihrer völlig verklemmten Sexualität, einer Prüderie, die sich in den 60er Jahren zunächst in kleinen, dann immer größeren Schritten lockerte.

Auf diesem Hintergrund griff ein Teil dieser Jugend auf den »frühen« Reich zurück, der den Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität und gesellschaftlicher Repression in seinen Veröffentlichungen thematisiert hatte. Die Diskussion von Reichs Vorstellungen gehörte zur Pflichtlektüre jeder Wohngemeinschaft, einer Wohnform, die damals entstand. Ein paar Beispiele von Buchtiteln illustrieren dies: Die Sexualität im Kulturkampf, Die sexuelle Revolution, Die Funktion des Orgasmus (1927), Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral.

Reich tat sich darin als Psychoanalytiker, Marxist, als radikaler Kritiker der Unterdrückung in Familie und Gesellschaft hervor. Seine Thesen von der sexuellen Revolution faszinierten die Jugend. Er interpretierte die Unterdrückung der Sexualität als Herrschaftsinstrument, das es zu beseitigen galt, seine Terminologien beeinflussten den studentischen Jargon jener Tage.

Gleichzeitig herrschte in der Reich-Rezeption eine eigenartige Spaltung. Der »frühe«, radikale, gesellschaftskritische sexuelle Revolutionär wurde sorgfältig getrennt vom »späten« Reich, also dem der Emigrationsphase ab 1933.

In linken Kreisen kursierte der Mythos, Reich sei in seiner Emigrationsphase, von der ansonsten kaum etwas bekannt war, schizophren geworden. Er habe sich mit völlig verrückten Dingen wie einer »kosmischen Lebensenergie« befasst und eigenartige Kästen gebaut.

Im Grunde wusste man nichts. Es existieren bis heute keine Anhaltspunkte für die Behauptung, dass Reich geisteskrank war. Es trifft allerdings zu, dass seine wissenschaftlichen Themen weit vom Mainstream »verrückten«. Offenbar handelt es sich bei diesem Psychose-Mythos um die frühe Erscheinungsform einer »urban legend«.

Bis Ende der 60er Jahre existierte in Deutschland kein einziges Buch von Wilhelm Reich auf dem öffentlichen Buchmarkt.

Die Antiautoritären machten sich deshalb an die Arbeit, die vergriffenen Bücher aus den 20er und 30er Jahren auf einfachen Vervielfältigungsmaschinen zu sog. »Raubdrucken« zusammen zu fügen. Auf dem Campus und in Studentenkneipen brachte man diese an den Mann und die Frau. Oft wuchsen diese Raubdrucke zu heimlichen Bestsellern heran.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 11. August 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (189): Zur Entwicklung der seinsorientierten Körpertherapie

Nachdem ich in den bisherigen Teilen die theoretischen und praktischen Aspekte der seinsorientierten Körpertherapie dargestellt habe, wird es in den folgenden Teilen um die biografischen Hintergründe gehen, die zur Entwicklung dieser Methode geführt haben. Dabei geht es um die geistigen und persönlichen Einflüsse, um meine Lehrer, die Fragen und Antworten, die sich in den vielen Jahren meiner körpertherapeutischen Arbeit stellten und fanden. Neben anderen Einflüssen war es meine Begegnung mit dem Werk von Wilhelm Reich.

Die Sehnsucht nach dem "guten Vater"

Wenn es eine prägende geistige Begegnung gab, dann fällt mir sofort das Werk von Wilhelm Reich (1897–1957) ein. Die Lektüre von Freud als Heranwachsender hatte bereits mein Interesse für die triebhaften Qualitäten der menschlichen Seele wachgerufen. In Wilhelm Reich entdeckte ich den Kolumbus, der einen neuen Kontinent für mich beschritten hatte.

Wilhelm Reich 1944
 Da ich davon ausgehe, dass Wilhelm Reichs Werk heute kaum bekannt ist, ebenso wenig wie die Rolle, die er in der Nachkriegsära spielte, möchte ich ein wenig ausholen, um die Hintergründe dieser geistig-prägenden Einflüsse zu illustrieren.

Ich gehöre jener Generation von Nachkriegskindern an, die auf Familien und Erzieher stießen, die die Gräuel des Nationalsozialismus und des Krieges entscheidend prägten. Aufgrund schwerster Traumatisierungen zeigten sich Eltern und Lehrer in ihrem Gefühlsleben nicht nur gehemmt: Sie erwiesen sich als verstummt. Die Verdrängung der Schrecken des 3. Reiches erwies sich als programmatisch für die Atmosphäre in der Phase des »Wirtschaftswunders« der 50er und 60er Jahre. Ein Nebel des Schweigens hatte sich über die geistige Erziehung gelegt, in den Familien, den Kindergärten, den Schulen und Universitäten. »Wirtschaftswunder« bedeutete, dass »Wunder« nur im Äußeren, in der Wirtschaft und 1954 im Fussball stattfanden, innen, in den Seelen, herrschten Wüste und Verwüstung.

Das Aufbegehren der Jugend in den 60-er Jahren, die sog. »antiautoritäre Bewegung«, repräsentierte, unbesehen ihrer politischen Inhalte, eine Rebellion gegen die Väter als Repräsentanten von gesellschaftlichen Werten und Strukturen. Väter, verstrickt in Faschismus und Krieg, hatten diese natürliche Vorbildfunktion, jede Autorität verloren; angesichts eines Europas in Asche, von Auschwitz und der Standardausrede des »Nichts-Gewusst-Habens«. Nicht zufällig sprach man damals von der »antiautoritären Bewegung«.

Diese Verleugnung der eigenen, der realen Väter, begründete in den Heranwachsenden die Sehnsucht nach geistigen Ersatzvätern, nach den »guten Vätern«. Man fand sie in den Emigranten, denen, die von den Nazis verfolgt und deren Bücher verbrannt worden waren. In ureigenster Logik erkor man die überlebenden Verfolgten und Vertriebenen des Nazi-Regimes zu diesen positiven Autoritäten.
Diese Altersgruppe, welche Freiheit und Unabhängigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte wie keine Generation zuvor, sie sehnte sich nach Vätern, die sie unverhohlen bewundern konnte!

Die positiven Identifikationsfiguren, die »guten Väter« fanden sich u. a. in den Protagonisten der Frankfurter Schule für Sozialpsychologie und deren Umfeld, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse. Man fand sie in den wiederbeatmeten Galionsfiguren des Kommunismus, bei Karl Marx, Friedrich Engels und ihren Nachfolgern. Man fand sie in den Psychoanalytikern der Emigrationszeit, vor allem in deren marxistischem Flügel, Otto Fenichel, Siegfried Bernfeld und Wilhelm Reich.( 1970 erschien im Fischer Verlag eine zweibändige Ausgabe mit dem Titel Marxismus, Psychoanalyse, Sexpol, herausgegeben von Peter Gente, welche die Debatten zwischen Marxismus und Psychoanalyse Anfang der 30er Jahre eindrucksvoll dokumentierten.)

(Fortsetzung folgt)


Samstag, 5. August 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (188): Wenn sich der Kreis des Mangels schließt ...

foto: vkd
Die Vignette illustriert, wie die körperlich-seeelische Wechselwirkung in der seinsorientierten Transformation funktioniert. Zunächst wird durch die reale Halterfahrung das kompensatorische Haltesystem der Charakter- und Körperpanzerung desorganisiert. Dies ermöglicht eine Reorganisierung der organismischen Selbststeuerungsfunktionen auf der Seinsebene. Die informelle Lebensenergie kann sich dort und von sich aus neu formieren. Die Herzcode-Informationen des Therapeuten verbinden sich mit der zellulären Ebene des Körpers des Klienten. Sie schließen damit einen aus der Kontinuitätserwartung der frühkindlichen Entwicklungen stammenden Kreis, der bis dahin offengeblieben ist.

Gleichzeitig verändern sich Körper- und Selbstbewusstsein. Dies ermöglichte bei Herrn A. den Abruf der organismisch-zellulären Information des väterlichen Rückhalts. Eine liebevollere Beziehung zu sich selbst zeigte sich als Spiegelung dieses Prozesses auf der Bewusstseinsebene.

Eine solche Veränderung der Selbstbeziehung erweist sich als funktionell identisch mit einer Veränderung der Objektbeziehungen. Sie repräsentiert einen Baustein der Persönlichkeitstransformation.

Herr A. der seit frühester Kindheit vaterlos aufgewachsen ist, zeigte sich geprägt durch deutliche Defizite väterlicher Halterfahrung. Dies zeigte sich in seiner Neigung, sich permanent zu überfordern, unrealistische Ansprüche an sich selbst zu richten, also im »innerseelischen Bürgerkrieg« (siehe dort) zu (über)leben. Durch die organismisch-energetische Erfahrung väterlichen Halts in unseren Sitzungen schloss sich dieser Kreis des Mangels, veränderte zunächst die Selbstwahrnehmung und dann die Selbstbeziehung. Der autoaggressive Charakterzug des Perfektionsanspruchs verblasste mehr und mehr. Stattdessen entwickelte er allmählich einen liebe- und verständnisvoller Umgang mit sich selbst.

Es ist kein Zufall, dass Begriffe wie »Versöhnung«, »Frieden« und »Heimat« in der seinsorientierte Transformation eine größere Rolle spielen als martialische Termini, wie sie sich in der Ausdrucksweise der Vegetotherapie als Urform der Körpertherapie andeuten. Die Sprache Wilhelm Reichs, der einer Generation angehörte, welche die Erfahrungen des Weltkriegs prägte, und diejenige, die sich mit dem Machen und den Machern auch im therapeutischen Kontext idenfiiziert, präsentiert sich martialisch («Widerstand durchbrechen«, «Panzer durchdringen«).

Die Stimme des Seins offenbart sich als Ausdruck von Bindung, Verbindung, als Intonation des Kernselbst. Die (Körper-)Sprache des Seins enthüllt sich in Schönheit und Klarheit als Sprache des Herzens. Sie weist auf einen Weg, der zu den Wurzeln unserer Existenz zurückführt: Zum Wunder jenes Augenblicks der Liebe aus dem Herzcode zweier Menschen, aus dem wir, was auch immer dann geschah, am Anfang entstanden und den wir ein Leben lang in uns tragen.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 2. August 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (187): Transformation in Selbstbeziehung und Körperbeziehung

foto: vkd
Die seinsorientierte Selbstbeziehung, die sich aus solchen Erfahrungen herausschält, unterscheidet sich von den durch Leistung, Anspruch und Erwartung geprägten Selbstbildern des Menschen, dem »narzisstischen Ego«. In diesem Transformationsprozess lässt sich beobachten, wie die inneren Ressourcen einer Selbstbemutterung und Selbstbevaterung nicht nur eine neue Haltung zur eigenen Person, sondern auch zu anderen Menschen auslösen.

An die Stelle des »innerseelischen Bürgerkriegs« (ISB) tritt die Versöhnung mit diesen Teilaspekten der Persönlichkeit und ihren bioenergetischen Repräsentatanten. Diese Versöhnung bedeutet Frieden in der eigenen körperseelischen Existenz des Menschen, d. h. die Fähigkeit einer Selbstversöhnung. Damit wird das Fundament einer Selbststruktur geboren, die sich mit Begriffen wie »Heimat« oder »Heimat in sich selbst« beschreiben lässt. Die Bindung an und die Verbindung mit dieser Selbststruktur korrigiert und ergänzt die Ichstruktur als Träger der Selbst- und der Objektbeziehungen.

Das »Ich« wächst zum Protagonisten der Körperseele und des Kernselbst, der Stimme des Herzens, heran. Es korrigiert das narzisstische Konstrukt aus den phantasierten Blicken der Anderen. Eine Gestalt, das auf verzerrte Weise nach Liebe und Anerkennung lechzt, weil es nur zu dieser Art des Liebens fähig ist.

Selbstregulierungsmechanismen, die ihre Quelle in Herzcode-Informationen, Gefühlsleben und »innerem Kind« besitzen, steuern und erweitern die Aufgaben des Ich-Bewusstseins. Das Seelenleben kann sich in anderer Weise mit der äußeren Realität verbinden.

Die Beziehung zur inneren Wahrheit der Körperseele verändert das Verhältnis zu Körper, Körperlichkeit und ihren energetischen Vorgängen. Bio-emotionale Informationen, Intuition, Instinkt und die Stimme des Herzens lassen sich ergänzend und als Korrektiv in die Realitätswahrnehmung einbeziehen. Zellinformationen, die, wie wir sahen, den Herzcode-Informationen entsprechen, werden zur Quelle veränderter Selbst- und Weltwahrnehmung.

Herr A., ein Student in der Abschlussphase seines Psychologiestudiums, litt unter frei flottierender Prüfungsangst und entwickelte tiefgehende Zweifel, ob er der Herausforderung gewachsen sein würde. Dazu litt er unter ausgeprägten Schlafstörungen, verbunden mit dem Hang zu zwanghaften Grübeleien.
Eine lange Sequenz väterlicher Haltearbeit ermöglichte es schrittweise, die Halterfahrung auf organismisch-zellulärer Ebene zu verankern und schließlich abrufbar zu machen. Es versetzte ihn in die Lage, in angstauslösenden Situationen die »haltenden Hände« des Therapeuten als Symbol des Gehaltenwerdens durch den »guten Vater« organismisch und seelisch in seinem Rücken abzurufen. Also sie auch dann zu spüren, wenn sie real nicht vorhanden waren. Dies ermöglichte ihm, mit verändertem Körperbewusstsein und einer neuen Haltung zu sich selbst und gegenüber der Welt den Herausforderungen der Prüfungen erfolgreich zu stellen.


(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 26. Juli 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (186): Abschied


foto: vkd

Am Ende des Transformationsprozesses stehen nicht mehr die Dramen der Vergangenheit und die Perspektive erlittenen Leids, sondern die Gegenwart der authentischen Gefühle aus der Tiefe des Herzens.

Die authentischen Gefühle aus der Tiefe des Herzens berühren. Sie berühren auch emotionale Muster und Erfahrungen von Abschied.

Ein guter Abschied einer Jahre andauernden therapeutischen Beziehung verstehen wir als einen Prozess, der sich über mehrere Sitzungen hinzieht und verschieden Phasen durchläuft.

Zunächst erscheint es hilfreich, die familiären und biografischen Programme zu kennen, welche durch diese Konstellation tangiert werden. Wie ging man in der Herkunftsfamilie mit Abschied um? Schob man Sachlichkeit, Rationalität oder Zwänge des Organisatorischen vor, um eine herzliche Umarmung zu vermeiden? Vermied man den Gefühlsausdruck von Trauer, indem Distanz oder gar Streit heraufbeschworen wurde?

Eine gute Vorbereitung des Abschieds kann ein Rückblick auf die Geschichte der gemeinsamen Zeit darstellen. Dabei rücken zwei Blickfelder in den Vordergrund: Wie habe ich als Klient und als Mensch die verbundene Erfahrungsgeschichte von heute aus betrachtet, erlebt? Was waren für mich therapeutisch und menschlich die eindrucksvollen Augenblicke?

Diese Blickwinkel bilden die Vorbereitung, um all das zu besprechen und zu beantworten, was ggf. noch unausgesprochen geblieben ist, noch gesagt werden will. Der Hinweis, dass es die letzte Möglichkeit darstellt, noch unerledigte Themen und offene Kreise zu schließen, richtet die Aufmerksamkeit stärker nach innen, auf die innere Wahrheit.

Damit nähert sich der Abschiedsprozess deutlich der Gefühlsebene. Wenn zwei Herzen, die eine intensive und langandauernde Bindung eingegangen sind, sich voneinander lösen, dann rührt dies viele Gefühle an: vor allem Liebe, Vertrautheit, Traurigkeit, Abschiedsschmerz. Tränen, die in einer Umarmung fließen, spiegeln die Bindung und den Fluss der Liebe zwischen zwei Menschen.
 
Authentisch und achtsam mit allem zu sein, was an Gefühlen in diesem Moment zum Ausdruck drängt, bildet den roten Faden eines Abschieds jenseits der Funktionen und sozialen Rollen. Ist das Vergangene kommuniziert, bleiben nur wenige Augenblicke, denn es gibt kein gemeinsames Morgen mehr. Die volle Gegenwärtigkeit des letzten Augenblicks beglückt als heilende Erfahrung eines Abschieds, in dem die Fäden der Liebe auseinandergehen mögen, doch nicht zerreißen.

DER LETZTE ABSCHIED

Bald ist alles gesagt.
In einer Umarmung,
die Worte erstickt.

Ein letztes Mal, das
Licht deiner Augen.
Der Blick verweht.

Ein Stein sinkt in die
Tiefe. Still stehen
wir in wunder Zeit.

Stehen einen ewigen,
unwiderruflichen
Augenblick in Fluten,

im Mahlstrom von Trauer
und Liebe. Da ist so viel,
überwältigend viel davon.

Ich zittere. Trete den ersten
Schritt, fort von dir, vor den
Vorhang unserer Tränen.

Das letzte Bild von dir gräbt
sich ins Stakkato der Gefühle:
Ein Mal des Augenblicks.

Nach Ewigkeiten hebt sich
mein Blick. Ein Vogel
flattert auf, zum Himmel.


(Fortsetzung folgt)

Samstag, 22. Juli 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (185): Der letzte Satz in der Symphonie des Herzens

foto: vkd
Einen anderen Menschen nah und durchgängig physisch an sein Herz »heranzulassen«, kann eine beunruhigende Vorstellung sein. Als ob der andere Mensch etwas wahrnehmen könnte, das man selbst nicht wahrhaben will. Die tiefen Geheimnis der Seele?

Abwehrimpulse und Ängste bilden ein Hinweis darauf, wie intimitätsblockiert der Mensch ist. Intimität, ist sie wahrhaftig, bleibt nah mit dem Herzen verbunden, im Allgemeinen intimer als mit der der Sexualität, sowohl in der Begegnung mit sich selbst als auch mit einem anderen Menschen.

Eines wird in der seinsorientierten Transformation deutlich: Wir begegnen in der Tiefe stets einem gebrochenen Herzen. Das gebrochene Herz bildet den Nährboden für die Entwicklung des Egos, und zwar bereits in den ersten Lebensmonaten.

Forschungen der letzten Jahre weisen darauf hin, dass bereits Babys über ein ausgeprägtes Mitgefühl verfügen. Einfühlungsvermögen, Kontaktfähigkeit und die Bereitschaft zur Hilfe gehören, wie bei allen sozialen Tieren, zur anthropologischen Grundausstattung. Die Forscher deuten dies als essentielle Überlebensstrategie, hilfsbereite und kooperative von bedrohlichen Individuen zu unterscheiden.

Diese natürliche Grundausstattung, das zeigen die Experimente, verändern sich, wenn die Babys älter werden. Vor dem 6 Monaten finden sich soziales Einfühlungsvermögen und Mitgefühl bei allen Babys, später, unter modellierenden Einflüssen der Umwelt, breitet sich mehr und mehr eine egozentrische Weltsicht aus, in der diese natürliche Sozialität verloren gehen kann (vgl. Hamlin, J. Kiley, Wynn, Karen, Bloom, Paul, 2007).

Diese Forschungen bestätigen unsere Prämisse, dass der »biologische Kern« (W. Reich) oder »Kernselbst« durch die Lebensumwelt geformt wird. Natur wird zur Kultur. Die Globalisierung findet sich auch in der kulturellen Gleichschaltung der Seelen, in der globalen Identifizierung mit dem narzisstischen Ego, die bereits in den Formungen der allerfrühesten Kindheit ihren Anfang nimmt. Den Nährboden dafür bilden Kontakt- und Bindungsstörungen, das früh gebrochene Herz und die verzerrte Wahrnehmung davon, was das Wesen eines Kindes ist (die sich erfreulicherweise zumindest im Bereich der Forschung in den letzten Jahren zu korrigieren beginnt).
 
Das narzisstische Ego, die Identifizierung mit dem Ego-Verstand lassen sich zunächst als Heftpflaster, dann als Wundverband und schließlich als fest verwachsenen Schutzpanzer interpretieren, der den Schmerz eines gebrochenes Herzens einstmals lindern sollte.

Herz und Schmerz, bei aller Banalität, bilden zwei Seiten derselben Medaille. Wenn wir das Herz authentisch fühlen, dann kontaktieren wir die tiefe Verwundung im Kern unserer Persönlichkeit. Dieser Schmerz ist es, der Abwehr, Angst und Schrecken auslöst, aber ebenso verhindert, das Herz in uns für uns selbst und andere Menschen zu öffnen und offen zu halten. Dieser Schutzpanzer bzw. die Identifizierungen mit dem narzisstischen Ego bringen eine Liebesunfähigkeit hervor, welche viel Leid auf der Seinsebene nach sich zieht.

Doch zurück zu den praktischen Konsequenzen. Der oben beschriebene »durchgängige Herzhalt« empfiehlt sich erst in der letzten Phase des Transformationsprozesses. Er bedarf der Durcharbeitung all dieser Abwehr- und Vermeidungsmuster, die noch wirken bzw. sich in der Endphase dramatisieren. Die gute Nachricht ist, dass sie bedeutend schneller und effektiver überwunden werden als in der Prozessphase. Es erklingt hier der letzte Satz der Symphonie des Herzens.

Wie auch immer er verläuft, spektakulär, ekstatisch oder in genussvoller Stille, der »durchgängige Herzhalt« wird zur tiefen Erfahrung zwischen zwei Herzen, die sich begegnen und verbinden. Er wird zur Matrix von Bindung und Liebe, die der Klient in sein Leben nimmt.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 13. Juli 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (184): Körpertherapeutische Erfahrungsdimensionen der Abschlussphase

Foto: vkd
 Die Endphase stellt sich als Phase der Herzöffnung dar. Das Kernselbst, die liebende Natur der Persönlichkeit, die in der Regel verzerrt in der Selbstwahrnehmung gespiegelt ist, klärt sich. Das Wasser des Bewusstseins, zuvor getrübt durch die Identifizierungen mit demLeid der Vergangenheit, klart sich auf.

Dieser Klärungsprozess beinhaltet im Grunde die Wiedergeburt der authentischen Stimme des Herzens. Die Wahrheit des Herzens bleibt nicht länger eine sentimentale Marginale des Seelenlebens. Sie entwickelt sich zur gefühlten Heimat. Eine solcher Prozess geht einher mit dem Gefühl inneren Friedens, ja, dieser Status inwendigen Friedens und der Friedfertigkeit erweisen sich als Gradmesser für den Stand der Transformation. Was als innerseelischer Bürgerkrieg und Heimatlosigkeit auf dem Schlachtfeld der Seele begann, endet idealerweise in einem Zustand tief empfundenen Friedens und seelischer Heimat.

Auf der energetischen Ebene entspricht dem die Reorganisierung der »basalen Energieströme« zwischen Herz und Augen, Herz und oralem Segment, Herz und Bauch und Herz und Becken.

Bei den »basalen Energieströme« handelt es sich um jene energetischen Phänomene, die mit dem Kontakt zu anderen Menschen in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Wie frei oder gehemmt/blockiert ist der jeweilige Energiestrom? Der Energiestrom Herz-Augen ermöglicht den Ausdruck von Authentizität, Präsenz, Empathie und allen anderen Qualitäten »emotionaler Kompetenz«. Der Energiestrom Herz-Mund betrifft alles, was mit der Präsenz des gesprochenen Wortes, aber auch mit der Stimme im allgemeinen zu tun hat. Der Energiestrom Herz-Bauch beschreibt die Balance zwischen Empfindung, Gefühl und Emotion. Der Energiestrom Herz-Becken beschreibt die Verbindung von Herzgefühlen zur Sexualität.

Eine ebenso profane wie fundmentale Körpererfahrung ist der »durchgängige Herzhalt«, den ich hier exemplarisch vorstellen möchte. Profan deshalb, weil er im Grunde nichts anderes darstellt als eine Umarmung im direkten Brust-Brust-Kontakt zwischen Klient und Therapeut. Eine Umarmung, die jedoch einige Besonderheiten aufweist:
  • Es gibt keine Zeitbegrenzung für diesen Kontakt; d. h. sie kann ggf. eine halbe Stunde oder länger andauern.
  • Phasen der Umarmung im Augenkontakt wechseln organisch mit Phasen ohne Augenkontakt.
  • Der Selbstkontakt des Therapeuten und seines Klienten ist auf das eigene Herz und seine Reaktionen auf die Herzverbindung gerichtet.
  • Alles, was wahrgenommen wird, liefert Hinweise auf noch vorhandene Blockaden und damit verbundene Ängste und Phantasien, die anschließend thematisiert werden.
(Fortsetzung folgt)

Samstag, 8. Juli 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (183): Das Tauschgeschäft in der therapeutischen Beziehung

Foto: vkd
Erst dann, wenn Licht- und Schattenseiten des Therapeuten in der Wahrnehmung des Klienten nebeneinander existieren, können wir die wesentlichen Übertragungsanteile als aufgelöst betrachten.

Hier steht der Therapeut vor der Herausforderung, jene aus der Psychoanalyse stammende Abstinenzregel nicht nur zu kündigen, sondern ihr entgegenzuwirken, indem er sich offen und ehrlich auch mit seinen Schattenseiten und authentischen Persönlichkeitsanteilen zeigt. Auf diese Weise wird die Übertragungsbeziehung auf einer menschlichen Ebene geerdet und die Dominanz ihrer Regressionsanteile entscheidend gemindert.

Analog zu den idealisierenden Übertragungen nehmen also die Regressionen ab. Die Realitätsanteile von Beziehung überwiegen. Denn ein Aspekt der uferlos idealisierenden Übertragungen findet sich in dem Phänomen, dass der Klient den Therapeuten in erster Linie als Projektionsfläche seiner Ich-Ideale und Allmachtsphantasien inszeniert, als reine Kunstfigur. Auf einer subtilen Ebene findet sich in der grandiosen narzisstischen Übertragung auf den Therapeuten ein entscheidender Anteil von egozentrischer Selbstaufwertung. Indem ein Klient seinen Helfer großartig phantasiert, setzt er sich selbst als besonders und einzigartig.

In diesem Vorgang verbirgt sich eine Falle, nämlich dass es zu einem stillschweigenden Arbeitsbündnis zwischen dem narzisstischen Ego des Klienten und dem des Therapeuten kommt. Ein fataler Pakt, denn der Deal zweier Egos läuft darauf hinaus: »Ich, der Klient, idealisiere und verehre dich in deiner Großartigkeit und Genialität und dafür erwarte ich von dir, dass du mein Ego mit Samthandschuhen bzw. am besten überhaupt nicht anfasst.«

Man erkennt hier unschwer die Reinszenierung jenes Tauschgeschäfts, den man gemeinhin für »Liebe« hält, den jedes Kind mit den Eltern eingegangen ist: Es lernte, sich auf Mutter und Vater in einer Weise zu beziehen, die ihren Erwartungen und falschen Selbstbilder entsprach. Dafür verleugnete das Kind seine innere Wahrheit und bekam jene Dosis von Zuwendung, welche der Liebesfähigkeit der Eltern entsprach.

Für die Reinszenierung dieses Vorgangs in der Therapeut-Klient-Beziehung sprechen manche Hinweise:
•    Der Klient blendet egozentrisch alles aus, was den Menschen hinter der Funktion Therapeut betrifft.
•    Er empfindet es als störend und unangenehm, mit Faktoren in Berührung zu kommen, die an der glanzvollen Aura der Therapeuten-Kunstfigur kratzen könnten.
•    Der Therapeut unternimmt alles, um die Aura seiner Grandiosität und Vollkommenheit zu pflegen. Er inszeniert sich z. B. als Seher, der die Zukunft erkennt oder als brillanter Analytiker, der die Vergangenheit durchschaut. Dass sich in diesem Verhalten ein narzisstisches Ego spiegelt, ist unschwer zu erkennen.
•    Der Klient erhebt den Therapeuten zum Hollywood-Helden, zur unberührbaren Ikone, die er besitzt. Sein narzisstisches Ego bläht sich auf, statt zu schrumpfen. Ein Klient, der darin gefangen bleibt, verharrt in seiner Unfähigkeit zu lieben und im innerseelischen Bürgerkrieg.

Daraus ergibt sich die Aufgabe für den Therapeuten, die narzisstischen Ego-Programme im Auge zu behalten, um die neurotischen Anteile im Beziehungsverhalten des Klienten zu bearbeiten. Dessen regressiver Druck stellt die Indikation dafür dar, ob es Entwicklung gibt oder nicht.

Denn am Ende des Prozesses stehen nicht mehr die Dramen der Vergangenheit und die Perspektive erlittenen Leids, sondern die Gegenwart der authentischen Gefühle aus der Tiefe des Herzens.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 24. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (182): Narzisstische Fallstricke idealisierender Übertragung


Foto: pixabay
Wenn ein Transformationsprozess beginnt, besteht der Balanceakt darin, die idealisierenden Übertragungen für die Stabilität und das Voranschreiten der Arbeitsbeziehung zu nutzen, ihnen jedoch gleichzeitig entgegenzuwirken, um ihre spätere Aufhebung nicht zu erschweren oder zu verhindern. Es empfiehlt sich also, bereits am Anfang und auf der gesamten Wegstrecke diese Aufgabe eines runden Abschlusses im Blickfeld zu halten.
 
Der Anteil des narzisstischen Egos des Therapeuten lässt sich gut daran messen, wie stark er die idealisierenden Übertragungen seines Klienten aktiv fördert oder durcharbeitet und nutzt, um sie schlussendlich aufzulösen. Die Versuchung ist groß, das Phänomen von Übertragungsprozessen auszublenden oder in seiner Bedeutung zu reduzieren.

Häufig findet sich der Therapeut in einem Dilemma, insbesondere, wenn er aufgrund seiner eigenen Schatten die Macht der Übertragungen marginalisiert oder ausblendet. Damit öffnet er dem unbewussten Bedürfnis nach narzisstischer Bestätigung Tür und Tor. Er bewegt sich auf einem Terrain, das der Entwicklung seines Klienten nicht nützt, sondern schadet.

Er fördert damit eine langwierige, bisweilen lebenslange neurotische Abhängigkeit und Infantilisierung seines Klienten und verhindert gesunde Bindungsimpulse, die anderen Menschen gelten könnten, ähnlich einem egozentrischen Elternteil, das die Liebe seines Kindes als Privateigentum betrachtet.

Die Ignoranz eines Therapeuten uferlosen idealisierenden Übertragungen gegenüber unterstützt die Reinszenierung neurotischer Muster der Herkunftsfamilie, ja, sie lässt den Klienten im Regen des Wiederholungszwangs stehen. Schärfer formuliert könnte man die Nichtbeachtung solcher Phänomene als subtile Form narzisstischen Missbrauchs betrachten.

Die Endphase beinhaltet also eine wichtige Zielsetzung: Die Transformation aller Übertragungen zum Therapeuten in primäre Liebe und eine differenzierte Wahrnehmung seiner Person als Mensch wie jeder andere, ohne jede Magie oder Überhöhung.

(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 20. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (181): Von der Übertragungsliebe zur primären Liebe

foto: vkd
 Die Metamorphose der Übertragungsbeziehung zur realen Beziehung bildet die zentrale Aufgabenstellung für die Abschlussphase. Ein Transformationsprozess gilt als nicht oder nur schlecht abgeschlossen, solange noch eindeutige Anzeichen idealisierender Übertragung die Beziehung bestimmen. Erst wenn der Klient die Wahrnehmung der Licht- und Schattenseiten seines Therapeuten integriert hat, darf der Gesamtprozess als abgerundet gelten.

Warum ist das so wichtig? Idealisierende Übertragungen repräsentieren neurotische Muster der Kindheit, denn sie erweisen sich als Umformung und Anpassung der Liebesgefühle des Kindes an die verzerrten Selbstbilder der Eltern. Eltern nehmen die Liebe ihrer Nachkommen selten als das wahr, was sie ist, an, sondern verknüpfen sie mit ihren eigenen Persönlichkeitsmustern, mit ihrem narzisstischen Ego. Häufig bieten sie anstatt eines präsenten und offenen Herzens den Teil ihrer Persönlichkeit an, den die Tiefenpsychologie Ich-Ideal nennt, also das, was und wie sie sich gern sehen möchten. Wie verführerisch erscheint die noch ungeformte und bedingungslose Liebe von Kindern den verletzten Seelen der Eltern?

Allerdings transformiert sich auf diese Weise die originäre Liebe des Kindes zur idealisierenden Übertragung, in der sich die offene oder versteckte Grandiosität des narzisstischen Egos der Eltern spiegelt und bildet eine verzerrte Beziehungsbasis.

Um ein paar markante Beispiel zu nennen: Papa kann alles, was mit Technik zu tun hat oder weiß alles, was mit seinen intellektuellen Fähigkeiten zu tun hat, Mama ist die liebevollste und perfekteste Mutter, sie ist die schönste und klügste Mama der Welt usw. Unschwer erkennt man die neurotischen Ich-Ideale der Eltern, die die Liebe des Kindes zu jenem Zerrbild von Liebe machen, das man Übertragung nennt.

Als Übertragungen verstehe ich also als Verzerrungen der »primären Liebe« (Balint), die im Kontakt mit dem narzisstischen Ego der Eltern entstanden sind. Sie definieren und formen die Liebe, welche Kinder in ihrer familiären Lebensumwelt lernen. Das gilt übrigens auch für die negativen Übertragungen, nur dass hier die totale Herz- und Bindungslosigkeit jede liebevolle Regung mit Hass und Misstrauen bis zur Unkenntlichkeit überdecken.

Diese Verzerrungen primärer Liebe bringt der Klient in die Beziehung zu seinem Therapeuten ein. Die Übertragungsmuster dramatisieren sich in dem Umfang, wie die Aktualisierungen von Kindheitsgefühlen im Laufe des Prozesses zunehmen. Ähnliches lässt sich bei den Partnerschaftskrisen beobachten, die ebenso heftige Regressionen und dramatische Übertragungsgefühle auslösen können.

Für den Umgang mit Übertragungen in Transformationsprozessen gilt also eine einfache Orientierung: Der Weg führt von den Verzerrungen der Liebe (= Übertragungsliebe), die dem narzisstischen Ego entspringen zurück zur »primären Liebe« eines präsenten und offenen Herzens.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 17. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (180): Das tiefe Ja der inneren Wahrheit

Foto: vkd
Wenn ich von einem »tiefen Ja« spreche, geht es um Orientierungen, Wegweiser, nicht um die deckungsgleiche Umsetzung. Max Weber prägte den Begriff »Idealtypus«. Der zeugt die Richtung.

Mehr als 4.000 Jahre Patriarchat stecken in unseren kulturellen Knochen. Es wird hoffentlich weniger Zeit benötigen, bis der Mensch wieder deutlicher in Balance mit seinem Seins-Kern lebt. Die Reise hat begonnen, denn wir sind Reisende zur Wahrheit. Die Generationen nach uns können sie, so hoffe ich, leichtfüßigeren Schrittes bewältigen.

Dem Idealtypus dieses tiefen Ja begegnet der Mensch in manchen heilenden Augenblicken. Sei es angesichts eines Neugeborenen oder des Sterbens, sei es, wenn Amors Pfeil trifft. Das tiefe Ja vermag in all den Momenten aufzuscheinen, in denen das Leben seine Wahrheit schenkt, eine Wahrheit, die das Herz erkennt.

Auch das Phänomen der idealisierenden Übertragung im Transformationsprozess lässt sich hier einordnen. Im engeren Sinne, und noch auf der Meeresoberfläche der Übertragung, zeigen sich liebevolle Gefühle gegenüber seinem Therapeuten bereits in den Anfangsphasen. Sie unterscheiden sich jedoch fundamental von jenem Stadium der Entwicklung, in dem das Herz erwacht.

Ein wesentlicher Teil des Transformationsprozesses stellt die Arbeit mit all dem dar, was in der Klient-Therapeut-Interaktion aufscheint. Die Beziehung zum Therapeuten kann idealerweise zur ersten (angst- und widerstands-) freien Erfahrung von Bindung und Liebe erwachsen, zur erlebten Utopie eines Ja des liebenden Herzens, zum Tor einer korrigierenden Erfahrung. Ein entscheidender Einfluss liegt in der Unterstützung und Ermutigung, die ein Therapeut dem Klienten gibt, wenn es gilt, die Liebe auf andere Menschen zu übertragen. An diesem Punkt lauern Gefahren:

•    Die einer »malignen Regression« (M. Klein) des Klienten, der es vorzieht, an der sicheren Bindung zum Therapeuten festzuhalten und den Schritt in die Autonomie um jeden Preis zu vermeiden.
•    Die unbearbeiteten narzisstischen Anteile des Therapeuten, welche eine Ablösung des Klienten verhindern.
•    Eine Zusammenwirkung beider Anteile. Dies dürfte insbesondere bei ungewöhnlich lang andauernden Prozessen zu beachten sein.
    
Die Beziehung zum Therapeuten vermag nur idealerweise zur ersten freien Erfahrung von Bindung und Liebe erwachsen. Nicht jedes Arbeitsbündnis trägt Tiefe und Langfristigkeit ins sich. Nicht jeder Klient ist in der Lage, sich der Wahrheit weit zu öffnen. Nicht jeder Therapeut verfügt über die Voraussetzung, die Wahrheit eines Menschen, seine Widerstände, Haken und Ösen, wahrzunehmen und zu transformieren. Das mag zumindest teilweise mit den Persönlichkeitsstrukturen von Therapeut und Klient zusammenhängen, aber es treten noch andere Faktoren hinzu, die wir nicht kennen.

Wir wissen noch viel zu wenig über das Zusammenwirken und die Koinzidenzen, mit denen wir im Transformationsprozessen zu tun bekommen. So sind und bleiben wir Suchen und Lernende auf einem Gebiet, das in weiten Bereichen unbekanntes Land ist: die Wahrheit über den Menschen als (energetische) Verbindung und Einheit von Körper und Seele.

(Fortsetzung folgt)