Samstag, 22. Juli 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (185): Der letzte Satz in der Symphonie des Herzens

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Einen anderen Menschen nah und durchgängig physisch an sein Herz »heranzulassen«, kann eine beunruhigende Vorstellung sein. Als ob der andere Mensch etwas wahrnehmen könnte, das man selbst nicht wahrhaben will. Die tiefen Geheimnis der Seele?

Abwehrimpulse und Ängste bilden ein Hinweis darauf, wie intimitätsblockiert der Mensch ist. Intimität, ist sie wahrhaftig, bleibt nah mit dem Herzen verbunden, im Allgemeinen intimer als mit der der Sexualität, sowohl in der Begegnung mit sich selbst als auch mit einem anderen Menschen.

Eines wird in der seinsorientierten Transformation deutlich: Wir begegnen in der Tiefe stets einem gebrochenen Herzen. Das gebrochene Herz bildet den Nährboden für die Entwicklung des Egos, und zwar bereits in den ersten Lebensmonaten.

Forschungen der letzten Jahre weisen darauf hin, dass bereits Babys über ein ausgeprägtes Mitgefühl verfügen. Einfühlungsvermögen, Kontaktfähigkeit und die Bereitschaft zur Hilfe gehören, wie bei allen sozialen Tieren, zur anthropologischen Grundausstattung. Die Forscher deuten dies als essentielle Überlebensstrategie, hilfsbereite und kooperative von bedrohlichen Individuen zu unterscheiden.

Diese natürliche Grundausstattung, das zeigen die Experimente, verändern sich, wenn die Babys älter werden. Vor dem 6 Monaten finden sich soziales Einfühlungsvermögen und Mitgefühl bei allen Babys, später, unter modellierenden Einflüssen der Umwelt, breitet sich mehr und mehr eine egozentrische Weltsicht aus, in der diese natürliche Sozialität verloren gehen kann (vgl. Hamlin, J. Kiley, Wynn, Karen, Bloom, Paul, 2007).

Diese Forschungen bestätigen unsere Prämisse, dass der »biologische Kern« (W. Reich) oder »Kernselbst« durch die Lebensumwelt geformt wird. Natur wird zur Kultur. Die Globalisierung findet sich auch in der kulturellen Gleichschaltung der Seelen, in der globalen Identifizierung mit dem narzisstischen Ego, die bereits in den Formungen der allerfrühesten Kindheit ihren Anfang nimmt. Den Nährboden dafür bilden Kontakt- und Bindungsstörungen, das früh gebrochene Herz und die verzerrte Wahrnehmung davon, was das Wesen eines Kindes ist (die sich erfreulicherweise zumindest im Bereich der Forschung in den letzten Jahren zu korrigieren beginnt).
 
Das narzisstische Ego, die Identifizierung mit dem Ego-Verstand lassen sich zunächst als Heftpflaster, dann als Wundverband und schließlich als fest verwachsenen Schutzpanzer interpretieren, der den Schmerz eines gebrochenes Herzens einstmals lindern sollte.

Herz und Schmerz, bei aller Banalität, bilden zwei Seiten derselben Medaille. Wenn wir das Herz authentisch fühlen, dann kontaktieren wir die tiefe Verwundung im Kern unserer Persönlichkeit. Dieser Schmerz ist es, der Abwehr, Angst und Schrecken auslöst, aber ebenso verhindert, das Herz in uns für uns selbst und andere Menschen zu öffnen und offen zu halten. Dieser Schutzpanzer bzw. die Identifizierungen mit dem narzisstischen Ego bringen eine Liebesunfähigkeit hervor, welche viel Leid auf der Seinsebene nach sich zieht.

Doch zurück zu den praktischen Konsequenzen. Der oben beschriebene »durchgängige Herzhalt« empfiehlt sich erst in der letzten Phase des Transformationsprozesses. Er bedarf der Durcharbeitung all dieser Abwehr- und Vermeidungsmuster, die noch wirken bzw. sich in der Endphase dramatisieren. Die gute Nachricht ist, dass sie bedeutend schneller und effektiver überwunden werden als in der Prozessphase. Es erklingt hier der letzte Satz der Symphonie des Herzens.

Wie auch immer er verläuft, spektakulär, ekstatisch oder in genussvoller Stille, der »durchgängige Herzhalt« wird zur tiefen Erfahrung zwischen zwei Herzen, die sich begegnen und verbinden. Er wird zur Matrix von Bindung und Liebe, die der Klient in sein Leben nimmt.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 13. Juli 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (184): Körpertherapeutische Erfahrungsdimensionen der Abschlussphase

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 Die Endphase stellt sich als Phase der Herzöffnung dar. Das Kernselbst, die liebende Natur der Persönlichkeit, die in der Regel verzerrt in der Selbstwahrnehmung gespiegelt ist, klärt sich. Das Wasser des Bewusstseins, zuvor getrübt durch die Identifizierungen mit demLeid der Vergangenheit, klart sich auf.

Dieser Klärungsprozess beinhaltet im Grunde die Wiedergeburt der authentischen Stimme des Herzens. Die Wahrheit des Herzens bleibt nicht länger eine sentimentale Marginale des Seelenlebens. Sie entwickelt sich zur gefühlten Heimat. Eine solcher Prozess geht einher mit dem Gefühl inneren Friedens, ja, dieser Status inwendigen Friedens und der Friedfertigkeit erweisen sich als Gradmesser für den Stand der Transformation. Was als innerseelischer Bürgerkrieg und Heimatlosigkeit auf dem Schlachtfeld der Seele begann, endet idealerweise in einem Zustand tief empfundenen Friedens und seelischer Heimat.

Auf der energetischen Ebene entspricht dem die Reorganisierung der »basalen Energieströme« zwischen Herz und Augen, Herz und oralem Segment, Herz und Bauch und Herz und Becken.

Bei den »basalen Energieströme« handelt es sich um jene energetischen Phänomene, die mit dem Kontakt zu anderen Menschen in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Wie frei oder gehemmt/blockiert ist der jeweilige Energiestrom? Der Energiestrom Herz-Augen ermöglicht den Ausdruck von Authentizität, Präsenz, Empathie und allen anderen Qualitäten »emotionaler Kompetenz«. Der Energiestrom Herz-Mund betrifft alles, was mit der Präsenz des gesprochenen Wortes, aber auch mit der Stimme im allgemeinen zu tun hat. Der Energiestrom Herz-Bauch beschreibt die Balance zwischen Empfindung, Gefühl und Emotion. Der Energiestrom Herz-Becken beschreibt die Verbindung von Herzgefühlen zur Sexualität.

Eine ebenso profane wie fundmentale Körpererfahrung ist der »durchgängige Herzhalt«, den ich hier exemplarisch vorstellen möchte. Profan deshalb, weil er im Grunde nichts anderes darstellt als eine Umarmung im direkten Brust-Brust-Kontakt zwischen Klient und Therapeut. Eine Umarmung, die jedoch einige Besonderheiten aufweist:
  • Es gibt keine Zeitbegrenzung für diesen Kontakt; d. h. sie kann ggf. eine halbe Stunde oder länger andauern.
  • Phasen der Umarmung im Augenkontakt wechseln organisch mit Phasen ohne Augenkontakt.
  • Der Selbstkontakt des Therapeuten und seines Klienten ist auf das eigene Herz und seine Reaktionen auf die Herzverbindung gerichtet.
  • Alles, was wahrgenommen wird, liefert Hinweise auf noch vorhandene Blockaden und damit verbundene Ängste und Phantasien, die anschließend thematisiert werden.
(Fortsetzung folgt)

Samstag, 8. Juli 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (183): Das Tauschgeschäft in der therapeutischen Beziehung

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Erst dann, wenn Licht- und Schattenseiten des Therapeuten in der Wahrnehmung des Klienten nebeneinander existieren, können wir die wesentlichen Übertragungsanteile als aufgelöst betrachten.

Hier steht der Therapeut vor der Herausforderung, jene aus der Psychoanalyse stammende Abstinenzregel nicht nur zu kündigen, sondern ihr entgegenzuwirken, indem er sich offen und ehrlich auch mit seinen Schattenseiten und authentischen Persönlichkeitsanteilen zeigt. Auf diese Weise wird die Übertragungsbeziehung auf einer menschlichen Ebene geerdet und die Dominanz ihrer Regressionsanteile entscheidend gemindert.

Analog zu den idealisierenden Übertragungen nehmen also die Regressionen ab. Die Realitätsanteile von Beziehung überwiegen. Denn ein Aspekt der uferlos idealisierenden Übertragungen findet sich in dem Phänomen, dass der Klient den Therapeuten in erster Linie als Projektionsfläche seiner Ich-Ideale und Allmachtsphantasien inszeniert, als reine Kunstfigur. Auf einer subtilen Ebene findet sich in der grandiosen narzisstischen Übertragung auf den Therapeuten ein entscheidender Anteil von egozentrischer Selbstaufwertung. Indem ein Klient seinen Helfer großartig phantasiert, setzt er sich selbst als besonders und einzigartig.

In diesem Vorgang verbirgt sich eine Falle, nämlich dass es zu einem stillschweigenden Arbeitsbündnis zwischen dem narzisstischen Ego des Klienten und dem des Therapeuten kommt. Ein fataler Pakt, denn der Deal zweier Egos läuft darauf hinaus: »Ich, der Klient, idealisiere und verehre dich in deiner Großartigkeit und Genialität und dafür erwarte ich von dir, dass du mein Ego mit Samthandschuhen bzw. am besten überhaupt nicht anfasst.«

Man erkennt hier unschwer die Reinszenierung jenes Tauschgeschäfts, den man gemeinhin für »Liebe« hält, den jedes Kind mit den Eltern eingegangen ist: Es lernte, sich auf Mutter und Vater in einer Weise zu beziehen, die ihren Erwartungen und falschen Selbstbilder entsprach. Dafür verleugnete das Kind seine innere Wahrheit und bekam jene Dosis von Zuwendung, welche der Liebesfähigkeit der Eltern entsprach.

Für die Reinszenierung dieses Vorgangs in der Therapeut-Klient-Beziehung sprechen manche Hinweise:
•    Der Klient blendet egozentrisch alles aus, was den Menschen hinter der Funktion Therapeut betrifft.
•    Er empfindet es als störend und unangenehm, mit Faktoren in Berührung zu kommen, die an der glanzvollen Aura der Therapeuten-Kunstfigur kratzen könnten.
•    Der Therapeut unternimmt alles, um die Aura seiner Grandiosität und Vollkommenheit zu pflegen. Er inszeniert sich z. B. als Seher, der die Zukunft erkennt oder als brillanter Analytiker, der die Vergangenheit durchschaut. Dass sich in diesem Verhalten ein narzisstisches Ego spiegelt, ist unschwer zu erkennen.
•    Der Klient erhebt den Therapeuten zum Hollywood-Helden, zur unberührbaren Ikone, die er besitzt. Sein narzisstisches Ego bläht sich auf, statt zu schrumpfen. Ein Klient, der darin gefangen bleibt, verharrt in seiner Unfähigkeit zu lieben und im innerseelischen Bürgerkrieg.

Daraus ergibt sich die Aufgabe für den Therapeuten, die narzisstischen Ego-Programme im Auge zu behalten, um die neurotischen Anteile im Beziehungsverhalten des Klienten zu bearbeiten. Dessen regressiver Druck stellt die Indikation dafür dar, ob es Entwicklung gibt oder nicht.

Denn am Ende des Prozesses stehen nicht mehr die Dramen der Vergangenheit und die Perspektive erlittenen Leids, sondern die Gegenwart der authentischen Gefühle aus der Tiefe des Herzens.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 24. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (182): Narzisstische Fallstricke idealisierender Übertragung


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Wenn ein Transformationsprozess beginnt, besteht der Balanceakt darin, die idealisierenden Übertragungen für die Stabilität und das Voranschreiten der Arbeitsbeziehung zu nutzen, ihnen jedoch gleichzeitig entgegenzuwirken, um ihre spätere Aufhebung nicht zu erschweren oder zu verhindern. Es empfiehlt sich also, bereits am Anfang und auf der gesamten Wegstrecke diese Aufgabe eines runden Abschlusses im Blickfeld zu halten.
 
Der Anteil des narzisstischen Egos des Therapeuten lässt sich gut daran messen, wie stark er die idealisierenden Übertragungen seines Klienten aktiv fördert oder durcharbeitet und nutzt, um sie schlussendlich aufzulösen. Die Versuchung ist groß, das Phänomen von Übertragungsprozessen auszublenden oder in seiner Bedeutung zu reduzieren.

Häufig findet sich der Therapeut in einem Dilemma, insbesondere, wenn er aufgrund seiner eigenen Schatten die Macht der Übertragungen marginalisiert oder ausblendet. Damit öffnet er dem unbewussten Bedürfnis nach narzisstischer Bestätigung Tür und Tor. Er bewegt sich auf einem Terrain, das der Entwicklung seines Klienten nicht nützt, sondern schadet.

Er fördert damit eine langwierige, bisweilen lebenslange neurotische Abhängigkeit und Infantilisierung seines Klienten und verhindert gesunde Bindungsimpulse, die anderen Menschen gelten könnten, ähnlich einem egozentrischen Elternteil, das die Liebe seines Kindes als Privateigentum betrachtet.

Die Ignoranz eines Therapeuten uferlosen idealisierenden Übertragungen gegenüber unterstützt die Reinszenierung neurotischer Muster der Herkunftsfamilie, ja, sie lässt den Klienten im Regen des Wiederholungszwangs stehen. Schärfer formuliert könnte man die Nichtbeachtung solcher Phänomene als subtile Form narzisstischen Missbrauchs betrachten.

Die Endphase beinhaltet also eine wichtige Zielsetzung: Die Transformation aller Übertragungen zum Therapeuten in primäre Liebe und eine differenzierte Wahrnehmung seiner Person als Mensch wie jeder andere, ohne jede Magie oder Überhöhung.

(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 20. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (181): Von der Übertragungsliebe zur primären Liebe

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 Die Metamorphose der Übertragungsbeziehung zur realen Beziehung bildet die zentrale Aufgabenstellung für die Abschlussphase. Ein Transformationsprozess gilt als nicht oder nur schlecht abgeschlossen, solange noch eindeutige Anzeichen idealisierender Übertragung die Beziehung bestimmen. Erst wenn der Klient die Wahrnehmung der Licht- und Schattenseiten seines Therapeuten integriert hat, darf der Gesamtprozess als abgerundet gelten.

Warum ist das so wichtig? Idealisierende Übertragungen repräsentieren neurotische Muster der Kindheit, denn sie erweisen sich als Umformung und Anpassung der Liebesgefühle des Kindes an die verzerrten Selbstbilder der Eltern. Eltern nehmen die Liebe ihrer Nachkommen selten als das wahr, was sie ist, an, sondern verknüpfen sie mit ihren eigenen Persönlichkeitsmustern, mit ihrem narzisstischen Ego. Häufig bieten sie anstatt eines präsenten und offenen Herzens den Teil ihrer Persönlichkeit an, den die Tiefenpsychologie Ich-Ideal nennt, also das, was und wie sie sich gern sehen möchten. Wie verführerisch erscheint die noch ungeformte und bedingungslose Liebe von Kindern den verletzten Seelen der Eltern?

Allerdings transformiert sich auf diese Weise die originäre Liebe des Kindes zur idealisierenden Übertragung, in der sich die offene oder versteckte Grandiosität des narzisstischen Egos der Eltern spiegelt und bildet eine verzerrte Beziehungsbasis.

Um ein paar markante Beispiel zu nennen: Papa kann alles, was mit Technik zu tun hat oder weiß alles, was mit seinen intellektuellen Fähigkeiten zu tun hat, Mama ist die liebevollste und perfekteste Mutter, sie ist die schönste und klügste Mama der Welt usw. Unschwer erkennt man die neurotischen Ich-Ideale der Eltern, die die Liebe des Kindes zu jenem Zerrbild von Liebe machen, das man Übertragung nennt.

Als Übertragungen verstehe ich also als Verzerrungen der »primären Liebe« (Balint), die im Kontakt mit dem narzisstischen Ego der Eltern entstanden sind. Sie definieren und formen die Liebe, welche Kinder in ihrer familiären Lebensumwelt lernen. Das gilt übrigens auch für die negativen Übertragungen, nur dass hier die totale Herz- und Bindungslosigkeit jede liebevolle Regung mit Hass und Misstrauen bis zur Unkenntlichkeit überdecken.

Diese Verzerrungen primärer Liebe bringt der Klient in die Beziehung zu seinem Therapeuten ein. Die Übertragungsmuster dramatisieren sich in dem Umfang, wie die Aktualisierungen von Kindheitsgefühlen im Laufe des Prozesses zunehmen. Ähnliches lässt sich bei den Partnerschaftskrisen beobachten, die ebenso heftige Regressionen und dramatische Übertragungsgefühle auslösen können.

Für den Umgang mit Übertragungen in Transformationsprozessen gilt also eine einfache Orientierung: Der Weg führt von den Verzerrungen der Liebe (= Übertragungsliebe), die dem narzisstischen Ego entspringen zurück zur »primären Liebe« eines präsenten und offenen Herzens.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 17. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (180): Das tiefe Ja der inneren Wahrheit

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Wenn ich von einem »tiefen Ja« spreche, geht es um Orientierungen, Wegweiser, nicht um die deckungsgleiche Umsetzung. Max Weber prägte den Begriff »Idealtypus«. Der zeugt die Richtung.

Mehr als 4.000 Jahre Patriarchat stecken in unseren kulturellen Knochen. Es wird hoffentlich weniger Zeit benötigen, bis der Mensch wieder deutlicher in Balance mit seinem Seins-Kern lebt. Die Reise hat begonnen, denn wir sind Reisende zur Wahrheit. Die Generationen nach uns können sie, so hoffe ich, leichtfüßigeren Schrittes bewältigen.

Dem Idealtypus dieses tiefen Ja begegnet der Mensch in manchen heilenden Augenblicken. Sei es angesichts eines Neugeborenen oder des Sterbens, sei es, wenn Amors Pfeil trifft. Das tiefe Ja vermag in all den Momenten aufzuscheinen, in denen das Leben seine Wahrheit schenkt, eine Wahrheit, die das Herz erkennt.

Auch das Phänomen der idealisierenden Übertragung im Transformationsprozess lässt sich hier einordnen. Im engeren Sinne, und noch auf der Meeresoberfläche der Übertragung, zeigen sich liebevolle Gefühle gegenüber seinem Therapeuten bereits in den Anfangsphasen. Sie unterscheiden sich jedoch fundamental von jenem Stadium der Entwicklung, in dem das Herz erwacht.

Ein wesentlicher Teil des Transformationsprozesses stellt die Arbeit mit all dem dar, was in der Klient-Therapeut-Interaktion aufscheint. Die Beziehung zum Therapeuten kann idealerweise zur ersten (angst- und widerstands-) freien Erfahrung von Bindung und Liebe erwachsen, zur erlebten Utopie eines Ja des liebenden Herzens, zum Tor einer korrigierenden Erfahrung. Ein entscheidender Einfluss liegt in der Unterstützung und Ermutigung, die ein Therapeut dem Klienten gibt, wenn es gilt, die Liebe auf andere Menschen zu übertragen. An diesem Punkt lauern Gefahren:

•    Die einer »malignen Regression« (M. Klein) des Klienten, der es vorzieht, an der sicheren Bindung zum Therapeuten festzuhalten und den Schritt in die Autonomie um jeden Preis zu vermeiden.
•    Die unbearbeiteten narzisstischen Anteile des Therapeuten, welche eine Ablösung des Klienten verhindern.
•    Eine Zusammenwirkung beider Anteile. Dies dürfte insbesondere bei ungewöhnlich lang andauernden Prozessen zu beachten sein.
    
Die Beziehung zum Therapeuten vermag nur idealerweise zur ersten freien Erfahrung von Bindung und Liebe erwachsen. Nicht jedes Arbeitsbündnis trägt Tiefe und Langfristigkeit ins sich. Nicht jeder Klient ist in der Lage, sich der Wahrheit weit zu öffnen. Nicht jeder Therapeut verfügt über die Voraussetzung, die Wahrheit eines Menschen, seine Widerstände, Haken und Ösen, wahrzunehmen und zu transformieren. Das mag zumindest teilweise mit den Persönlichkeitsstrukturen von Therapeut und Klient zusammenhängen, aber es treten noch andere Faktoren hinzu, die wir nicht kennen.

Wir wissen noch viel zu wenig über das Zusammenwirken und die Koinzidenzen, mit denen wir im Transformationsprozessen zu tun bekommen. So sind und bleiben wir Suchen und Lernende auf einem Gebiet, das in weiten Bereichen unbekanntes Land ist: die Wahrheit über den Menschen als (energetische) Verbindung und Einheit von Körper und Seele.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 9. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (179): Assoziationen zur Abschlussphase der Transformation

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Der gesamte Prozess der seinsorientierten Transformation kann als Reise zur inneren Wahrheit verstanden werden. Ihre Wurzeln liegen tief in der menschlichen Natur, in der seelischen und körperlich-energetischen Grundausstattung. Reich nannte es den »biologischen Kern«, einen Begriff, den ich gern übernehme, da er nicht nur das rein Physische, sondern auch das Terrain der Emotionen, der energetischen Struktur und damit der herzenergetischen Funktionen umfasst.

Dahin führt die Reise. Der neue Kontinent, den es zu entdecken gilt, enthüllt sich als der alte. Gelingt es, die bioenergetischen Wurzeln der Körperseele zu reintegrieren, so scheint Heimat nicht mehr als äußerliche Sehnsucht, sondern Seinszustand auf.

Der Verlust der Wurzeln macht den Menschen zum Fremden in sich selbst und seiner selbst. Kultur und Lebensumwelt formen früh und umfassend die Beziehung des Einzelnen zu seiner inneren Wahrheit. Diese Entfremdung bildet die Basis entfremdeter Selbstwahrnehmungen, die ich als »narzisstisches Ego« oder als »Dominanz des Ego-Verstandes« beschrieben habe.

Das Herz ist das Organ von Bindung, Verbindung und Liebe. Es ist der Kern des menschlichen Wesens. Die Reise, um die es hier geht, ist also eine Reise zum Herzen, ein Erwachen der Liebes- und Bindungspotentiale. Damit ein Halt im und eine Haltung zum Leben, die auf dieser gefühlten Wahrheit aufbaut und nicht mehr länger auf derjenigen abstrakter Ideale des Ego-Verstands.

Damit ist gleichzeitig angesprochen, was als Abschluss des Transformationsprozesses und als Ende dieser Reise betrachtet werden kann: Eine gewachsene, erwachsene, wiedererwachte Liebesfähigkeit.

Gründet die Identität eines Menschen nicht mehr in der patriarchalischen Präsentation, der Einsamkeit von sozialem Status und Macht, verschmelzen Reise und Ziel. Sie entspringen dem tief empfundenen Ja eines liebenden Herzens, das einfach nur seiner Natur, sich zu verbinden, folgt. Das eins wird im tiefen Ja zur Schöpfung, zum Sein an sich.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 3. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (178): Strukturen als Elemente väterlichen Halts

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An der Oberfläche ähnelt die verbale Arbeit am narzisstischen Ego der Widerstandsanalyse, wie sie Wilhelm Reich in seiner »Charakteranalyse« entwickelt und beschrieben hat. All jene Spuren von Versteifung in der Welt der Gedanken und des Verhaltens, die befremdlich wirken, all jene Widerstände, die Bewegung und Veränderung behindern, bilden das Material dieser Widerstandsanalyse.

Im Wesentlichen, und das gilt für jeden Transformationsprozess, steht die Überwindung all jener Starrheiten und narzisstischen Ego-Programme im Fokus, die den Fluss der Liebe und der Hingabe im und an das Leben vereiteln oder verhindern.

Irritationen, Widerstände und Abwehrimpulse, die diesem Zusammenhang entstammen, werden in einer haltgebenden und authentischen Beziehung umgehend sichtbar und lassen sich dialogisch durch physischen Halt und verbaler Arbeit entthronen. So wie das narzisstische Ego das Licht der Liebe in der Finsternis seiner Schatten ersticken kann, so kann das authentische Licht der Liebe diese wieder erhellen.

Der organisatorische Rahmen, in dem ein Transformationsprozess stattfindet, bildet ein Element väterlichen Halts und soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Hier subsumiere ich Regeln, die nicht jedem Klienten von Anbeginn an zur Verfügung stehen, z. B. Pünktlichkeit, rechtzeitige Absage in Notfällen, Akzeptanz der vorgegebenen Zeitstruktur (es sein denn, der Therapeut löst sie bewusst auf), Verbindlichkeit und Klarheit im organisatorischen Umfeld. Auf welche Ideen manche Klienten kommen, möge folgende Fallvignette erläutern.

Vor vielen Jahren begegnete mir ein Klient, der am Ende seiner ersten Sitzung, als es um die Bezahlung ging, seufzend einen kleinen Sisalbeutel aus dem Rucksack zog, in dem er lauter Münzen gesammelt hatte. Er erklärte mir, dass er in den letzten Tagen in der U-Bahn Musik gemacht hätte, um diese Einzelsitzung bei mir zu bezahlen.

In diesem Verhaltensmuster dürfte leicht erkennbar sein, was die unbewusste Botschaft dieser Inszenierung ist. Eigentlich wollte er mir sagen: »Ich bin so besonders, so einzigartig, dass ich die Therapie im Grunde bei dir kostenlos bekommen sollte. Niemand erkennt diese Besonderheit meiner Person. Ich muss ich mir die Mühe machen und in der U-Bahn betteln. Das ist ein schweres Opfer! Aber die Art und Weise, mit der ich bezahle, zeigt deutlich, wie einzigartig ich bin!«

Dass sich hier schlecht kaschierte Aggressionen und ein subtiles Machtspiel verbergen, liegt ebenso auf der Hand, wie die Tatsache, dass es sich um ein ausgesprochen grandioses Ego handelt, dem wir dabei begegnen.

Psychoanalytiker nennen derartige Verhaltensmuster im organisatorischen Umfeld »Agieren« und betrachten es als wertvolles Material für die therapeutische Arbeit. In diesem Details des Agierens findet sich somit ein eindrucksvoller Reichtum an Themen, die viele Stunden lang mit den Methoden der seinsorientierten Transformation bearbeitet werden können.

In den Regeln des väterlichen Haltesystems ist vor allem eine Botschaft enthalten: Der Therapeut ist der Kapitän auf dieser Reise, der den Kurs vorgibt. Diese klare Struktur auf dem Schiff der Transformation mag autoritär erscheinen. Ist sie nicht gleichzeitig eine Widerspiegelung von Sicherheit und Halt, derer es bedarf, wenn man sich auf die Reise in unbekannte Ländern macht?

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 27. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (177): Elemente einer Transformation des Egos

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 Aus dem Gesagten geht hervor, dass es nicht zielführend ist, durch direkte Konfrontation und Deutung das narzisstische Ego anzugehen. Es bedarf bestimmter Voraussetzungen, um sich den Abwehrbastionen des narzisstischen Egos zu nähern und diese zu transformieren. Die Desidentifizierung mit den Programmen des Egos erweist sich als Königsweg, erst hier beginnt der Weg in die innere Freiheit, die Voraussetzung jeder äußeren Freiheit.

Das Geheimnis liegt auf der Bindungs- und Beziehungsebene, körpertherapeutisch bereits als »Stimmigkeitseffekt« eingeführt (siehe S. 308): Die Resonanz der innerseelischen Vorstellung von »richtiger« Berührung, auf den Idealtypus der »guten Mutter« und des »guten Vaters« bilden wichtige Bausteine einer »haltgebenden Beziehung«.

Mit diesem  verbindet sich die Liebesfähigkeit des Therapeuten im Sinne seines Agape-Potentials, das wir bereits an anderer Stelle erörtert haben (siehe S. 356 ff.) Die auf Bindung gerichteten mütterlichen Haltangebote schaffen die Voraussetzung, um die konfrontative, väterliche Haltarbeit zu ermöglichen, welche die Panzerung und Ego-Programme in direkter Weise angehen.

Von dem Augenblick an, in dem der Klient eine tiefe Bindungsliebe verspürt, die zwischen ihm und seinem Therapeuten atmet, von dem Augenblick an, in dem der Klient sich innerlich gewiss ist, dass bei allem, auch bei kritischen Äußerungen, nicht sein Selbst oder seine Seele, sondern die Programme seines narzisstischen Egos angesprochen sind, von diesem Augenblick an öffnen sich die Räume einer neuen inneren Freiheit, beginnen die  Erstarrungen des Narzissmus sich zu bewegen. Die Hilfestellung des Therapeuten, die eigenen narzisstischen Muster zu erkennen und sich mit ihnen zu desidentifizieren, wird so nicht weiter als Angriff auf die eigene Psyche, sondern als Potential des Wachsens zu Freiheit erlebt.

Auf diesem Hintergrund liegt der zentrale Fokus der seinsorientierten Transformation stets auf der Kontakt- und Beziehungsebene, um die Basis für die Arbeit mit dem narzisstischen Ego zu schaffen. Ist es ja gerade eine der hervorstechendsten Eigenschaften des narzisstischen Egos, nicht in Beziehung zu treten und sich stattdessen in der eigenen und eigenwilligen persönlichen Geschichtsschreibung ein- und abzukapseln.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 22. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (176): Das narzisstische Ego und die Verwundung des Herzens

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 Diese Empfindung von Schmerzhaftigkeit angesichts des rigiden Ichs, der man in sich selbst oder in einem anderen Menschen begegnet, ist kein Zufall. Spüren wir dem nach, so lässt sich unschwer wahrnehmen, dass psychische Rigidität den inneren Schmerz, das innere Leid kaschiert und schützt, das in tieferen Schichten der Persönlichkeit verborgen bleibt.

So sind es Leid, und tiefe Wunden im Herzen, die hinter all diesen Erstarrungen verdeckt werden. Das narzisstische Ego hat nur eine einzelne, aber wesentliche Aufgabe: Alles zu unternehmen, damit der Mensch diesen tiefen Schmerz, diese tiefe Verwundung des Herzens niemals wieder fühlen muss. Seine Rigidität repräsentiert damit eine negative Identifikation mit dem inneren Leiden und wehrt alles ab, was dieses Arrangement aus der Balance bringen könnte.

Die Rigidität des narzisstischen Egos, dieses fast perfekten Schutzpanzers aus Urteilen, Widerständen und Identifizierungen, wird in der Gegenübertragung leicht spürbar als die Qualität des »Rühr mich-nicht-an«. Bei Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsanteilen lässt sich eine unbändige Aggression, ein Hass auf jeden, der sein Ego nicht kritiklos bejaht, wahrnehmen (die sog. »narzisstische Wut«). Diese wirkt wie ein Elektrozaun, dessen gefährlicher Ladung man sich nur ungern nähert.

Diese Aura des »Rühr-mich-nicht-an« kennzeichnet die Egostruktur im Allgemeinen, mit der wir in der Praxis zu tun haben. Ihre Gemeinsamkeit findet sich in ihrer grundlegenden Abwehrhaltung gegenüber allem, was sie in Form und Funktion beeinträchtigen könnte.

Attackiert man diese Ego-Strukturen ohne Vorbereitung und ohne tragende Beziehung, so besteht die Gefahr, lediglich Abwehrreaktionen auszulösen.

Manche gehen typischerweise in den Kopf, rationalisieren jede Deutung im Sinne ihres Ego-Konstrukts, lassen dieses selbst jedoch unangetastet. Andere flüchten sich in aufschäumendes Drama oder Leid, häufig gepaart mit eitlem Selbstmitleid, das ihnen nicht bewusst wird. Manche verbergen sich hinter Trotz und Überheblichkeit, in Verachtung, Stolz oder Rückzug. Wieder andere spreizen sich in Grandiosität und Omnipotenz, drohen mit dem Abbruch der Therapie.

Hochdramatische Entwicklungen stehen auf der Agenda. Allen gemeinsam ist die Haltung, ein missverstandenes Opfer eines Aggressors zu sein, in diesem Fall des Therapeuten. Unschwer lässt sich hier die Übertragungsqualität erkennen und die Funktion, etwas Bestimmtes in der Körperseele nicht zu spüren: die tiefe Verwundung des Herzens.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 20. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (175): Von der Charakteranalyse zur seinsorientierten Transformation


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Ad 4.: Charakteranalytische Therapie nach Wilhelm Reich
Der revolutionäre Ansatz Reichs fand sich bereits in seiner Charakterlehre, als er noch als Psychoanalytiker praktizierte. Zwar hatten Freud und vor allem die Analytiker Karl Abraham und Franz Alexander erste Elemente zu einer Charakterlehre geliefert. Aber erst Wilhelm Reich schuf eine systematische Theorie des Charakters und ein darauf basierendes Modell ihrer therapeutischen Anwendung.
Diese Charakterlehre basiert auf dem psychosexuellen Entwicklungsmodell und begreift die Persönlichkeit des Einzelnen als persönlichkeitsbildende Programmierung in der jeweiligen Phase.
Die Radikalität seines Ansatzes liegt darin, dass hier nicht mehr zwischen neurotisch und nicht-neurotisch (also »gesund« oder »normal«) unterschieden wird. Jeder Charakter, jede Persönlichkeit weist demnach grundlegende neurotische Muster auf. Folgerichtig will eine charakteranalytische Behandlung die Persönlichkeit als Ganzes transformieren, nicht nur ein bestimmtes und begrenztes Symptom. Diesen »transformierten« Charakter bezeichnete Reich später als »genitalen Charakter« und definierte damit sein Modell seelischer Gesundheit.

Ad 5.: Seinsorientierte Transformation
Diese geht einen essentiellen Schritt über Reich hinaus, indem sie das Modell des Egos, das sich in spirituellen Persönlichkeitslehren findet, in den Prozess miteinbezieht. Sie verbindet die Traditionen der Charakteranalyse Reichs mit der Essenz des spirituellen Wissens um die Macht des Egos.
Diese dominiert überall, das Individuum, seine Beziehungen, Kultur und Gesellschaft, erscheint im winzigsten Detail des Alltags. Die Dominanz des narzisstischen Egos gebärdet sich total und totalitär. Jede Freiheit beginnt erst dort, wo es möglich wird, diese Allmacht zu transzendieren. Diesen Prozess beim Einzelnen in Gang zu setzen, das ist der Ansatz der seinsorientierten Transformation.

Die Macht des narzisstischen Egos
Eine besondere Eigenschaft des narzisstischen Egos besteht darin, dass es sich im Laufe des Lebens mit einer persönlichen Geschichtsschreibung identifiziert hat. Dieses Drama inszeniert sich mit wachsendem Lebensalter immer rigider, unbeweglicher. Wie der Körper in Prozess des Älterwerdens sukzessive versteift, so erstarren auch Selbst- und Weltwahrnehmungen. Das Gewicht der Erfahrungen im seelischen Erleben erzeugt eine Schwere, die unerträglich anmutet. Was hat es mit dieser »persönlichen Geschichtsschreibung« und der damit verbundenen Schwere auf sich?

Auf der oberflächlichen Ebene findet man sich zunächst mit dem Ich konfrontiert. Es ist das Ich, das jene Geschichte erzählt, wer ich bin und weshalb ich so und nicht anders geworden bin und nur so und nicht anders mich selbst präsentiere. Das Ego repräsentiert die absolute Identifizierung mit dieser Geschichte, die ICH mir selbst und anderen präsentiere.

Begriffe wie Image, Prestige, Renommee, Ehre, Leumund, Ruf, Respekt (vor der verlogenen Ego-Story), das grundlegende Beziehungsmuster des »Rühr-mich-nicht-an« repräsentieren einige Aspekte dieser Selbstpräsentation. Die Rigidität, die hier aufscheint, kann, begegnen wir dem Menschen offenen Herzens, als schmerzhaft, ja wahnwitzig wahrgenommen werden, doch sie ist bitterer, bisweilen auch tödlicher Ernst. Wie viele Leben werden geopfert im Namen von Image und Ehre?

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 17. Mai 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (174): Über die unterschiedlichen Zielsetzungen von Therapie

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Körpertherapeutische Herangehensweisen und andere Methoden bieten wirkungsvolle Möglichkeiten, um Rigiditäten, Blockierungen und Kontaktstörungen in der Beziehung zum inneren und zum äußeren Sein zu transformieren. Sie versagt allerdings bei der Aufgabe, die Dominanz des narzisstischen Egos in den Denk- und Verhaltensmustern signifikant zu vermindern.

Damit verknüpft ist die Frage nach den unterschiedlichen Zielsetzungen einer Therapie oder eines Transformationsprozesses, die es vorab zu klären gilt. Hier lassen sich verschiedene Modelle und Zielsetzungen unterscheiden:

1.    Coaching, Beratung und Lebensberatung
2.    Symptomorientierte Psychotherapie
3.    Wachstumorientierte humanistische Psychologie und Psychotherapien
4.    Charakteranalytische Therapie nach Reich
5.    Seinsorientierte Transformation der Persönlichkeit

Ad 1.: Coaching und Beratung
In diesem Fall gibt es eine eng umrissene Fragestellung, für die der Klient einen Coach oder Berater aufsucht. Meist steht die Optimierung der Leistungsfähigkeit oder die verbesserte Umsetzung von konkreten Zielsetzungen im Beruf, Beziehung und Alltag im Fokus. Wie die Zielsetzung selbst, so zeigt auch der Weg effizienzgeprägt. Coaching oder Beratung bieten kurzfristig angelegte Prozesse von wenigen Wochen oder Monaten.

Ad 2.: Psychotherapie
Hier subsumiere ich das weite Feld der Psychotherapie, von der Verhaltenstherapie über Tiefenpsychologie, Psychoanalyse bis hin zu den systemischen Ansätzen, um nur einige zu nennen. Auch die moderne Körperpsychotherapie lässt sich hier einordnen.
Die Gemeinsamkeit dieser Methoden besteht darin, dass sie sich auf dasjenige Symptom, welches Patient und Therapeut im Arbeitsbündnis definierten, konzentrieren. Der Psychotherapeut richtet seine Tätigkeit darauf aus, das Symptom zu mildern oder idealerweise zum Verschwinden zu bringen und damit die allgemeine Lebensqualität zu verbessern.

Ad 3.: Humanistische Psychologie und Psychotherapie
Der radikale Ansatz, welcher der ersten Generation der sog. humanistischen Psychologen in den 60er und 70er Jahren noch kennzeichnete, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Übrig geblieben aus dieser Bewegung des sog. »3. Weges der Psychologie« sind Methoden wie die klientenzentrierte Gesprächstherapie und die Gestalttherapie.
Der revolutionäre Ansatz der »Humanistischen Psychologie« fand sich in einem radikalen Bekenntnis zu Ganzheitlichkeit und Wachstum. Die traditionellen Rollenmuster von Arzt und Patient wurden ebenso infrage gestellt wie die Trennung von Körper und Seele (der heute häufig verwendete Begriff »Klient« statt »Patient« stammt daher).
Einer der Protagonisten, Abraham Maslow, betrachtete Selbstverwirklichung und Transformation als fundamentale menschliche Bedürfnisse. Ihm erschienen die Werkzeuge der Psychotherapie als viel zu wertvoll, um sie nur effienzorientiert oder zur Beseitigung von Symptomen zu nutzen. Vielmehr sollten sie als Gemeingut für die Selbstverwirklichung jedes Menschen angewendet werden.

(Fortsetzung folgt)