Donnerstag, 28. Juli 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (102): Bindung und der Fluss der Liebe


Aus dem Dargelegten können wir ableiten: Wenn wir von Halt sprechen, geht es hierbei nicht allein um die körperliche Aktivität des Haltens, sondern gleichzeitig um die energetische Verbindung, den Kontakt, den identischen Schwingungszustand, in dem sich zwei Körperseelen befinden.

Ein Gedankenexperiment illustriert dies: Stellen Sie sich eine Mutter oder einen Vater vor, welche den Säugling in den Armen hält, dabei aber ungeduldig und mit unruhigem Blick im Raum umher wandert, innerlich damit beschäftigt, was alles noch zu tun sein wird, wenn das Kind erstmal schläft.

Die Gedanken dieses Elternteils sind also auf die Zukunft gerichtet, nicht im Hier und Jetzt präsent. Die organismischen Wahrnehmungen sind eingeschränkt, da der Fokus des Bewusstseins sich in den Gedanken über die noch zu tätigenden Absichten und Aufgaben richtet und die eigenen Körpersignale und die des Babys in seinen Armen demgegenüber verblassen und zwangläufig in den Hintergrund treten.

Ein solcher Elternteil wird also andere organismisch-energetische Informationen an das Kind weitergeben als ein Elternteil, der seinen Säugling liebevoll anschaut und in seinen Äußerungen ebenso wie in seinem So-Sein bejaht, sich einfühlt und präsent begleitet.

Der Säugling in dem ersten Beispiel wird zwar gehalten im physischen Sinne. Aber er wird nicht die Erfahrung des Gehaltenwerdens in sich verankern können, da die wesentlichen Faktoren einer auch energetischen Verbindung und Bindung fehlen, den ich als „orgontischen Halt“ bezeichnen möchte.

Orgontischer Halt ist also weit mehr als der rein mechanischer Vorgang von Pflichterfüllung. Das, was wir oben als „Einstimmung“ bezeichnet haben, bildet die Voraussetzung für eine kontaktvolle Präsenz, in der auf der tiefsten Ebene Liebe fließt und phänomenologisch Bindung und Verbindung die Beziehung prägt.

Diese Details werden hier so ausführlich dargestellt, da sie wichtige Grundlagen der Praxis der seinsorientierten Körpererfahrung bilden. Ein wichtiges Fundament dieser körpertherapeutischen Arbeit basiert also auf einem biologisch-energetischen Modell, in dem die Bindungsqualitäten der frühen Mutter-Kind-Beziehung sich im freien Fluss der Liebe und ihrer Hingabepotentiale definieren.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 22. Juli 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (102): Mutter, Baby und Trance illustriert


Foto 1
Ich habe aus der Plattform PIXABAY (eine Webseite mit Werken, die unter Creative Commons CC0  Lizenz stehen, also frei verfügbar sind) ein paar Fotos unter dem Stichwort „Mutter und Kind“ heruntergeladen. An diesen Fotos möchte ich meine Thesen einmal illustrieren. Anregen möchte ich, dass Sie zunächst die Fotos betrachten und  gefühlsmäßig auf sich wirken lassen, bevor Sie meine Kommentare dazu lesen.

Betrachten Sie in Foto 1 einmal die Augen der Mutter und ihres Babys. Beide blicken offensichtlich auf den Fotografen. Die Mutter schaut liebevoll auf den Fotografen, ihre Augen sind wach und präsent, ganz im Gegensatz zu denen des Babys. Dieses scheint noch in einer anderen Welt zu sein, in einem Zustand zwischen Wachen und Trance, vielleicht hat es gerade erst die Augen geöffnet. Die Mutter hingegen zeigt sich deutlich im Beta-Zustand, das Baby eher im Alpha-Zustand.


Foto 2
Auf Foto 2 ist zu erkennen, dass der Bewusstseinszustand zwischen Mutter und Kind noch weiter auseinandergeht als beim vorhergehenden Bild. Der Augenkontakt der Mutter ist deutlich zum Fotografen gerichtet. Sie präsentiert dem Fotografen (vemutlich dem stolzen Papa) ihr Baby wie ein Geschenk, wie einen Gegenstand. In dieser Haltung gibt es für das Baby keine Möglichkeit eines Augentakts und auch ein Loslassen im Halt ist in dieser Position nicht vorstellbar. Die Mutter präsentiert sich hier im Alpha-Zustand, der Kontakt zum Fotografen wirkt dominant und etwas gekünstelt. Das Kind zeigt deutliche Anzeichen des Unwohlseins und des Rückzugs nach innen.

Foto 3
Foto 3 zeigt Mutter und Kind in tiefer energetischer Verbindung und Bindung, körperlich und seelisch. Das Neugeborene liegt entspannt und hingegeben in den Armen und am Herzen der Mutter, die Mutter selbst hat ebenfalls die Augen geschlossen und wirkt ebenso entspannt und hingegeben. Wir können davon ausgehen, dass beide, Mutter und Kind, im Alpha-Status, also in einem gemeinsamer Trancezustand und sich in tiefer Verbindung miteinander fühlen.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 20. Juli 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (101): Halterfahrung, Instinkt und Bindung

Trifft die Natur des Kindes auf positive Resonanz und liebevollen Kontakt, tritt der programmierte Verstand gegenüber dem mütterlichen Instinkt in der Hintergrund, so kann Bindung und damit verbunden eine prägende Halterfahrung geschehen.

Organismisch bedeutet dies, dass ein vollständiges Loslassen, ein Sich-Hingeben im Kontakt mit der Mutter möglich ist, ohne dass diese aus dem Kontakt oder dieser intimen Situation entflieht. Es bedeutet, dass die Mutter in Kontakt mit ihrem Baby loslassen und sich tief entspannen kann. Die Natur, die natürlichen Impulse dürfen sein, was sie sind, ohne verurteilt, gebremst oder ganz verhindert zu werden. Die Mutter begegnet ihrem eigenen und dem Sein ihres Kindes in liebevoller Akzeptanz.

Das Gegenteil davon tritt ein, wenn die Hingabefähigkeit an die natürlichen Impulse bei der Mutter beeinträchtigt ist. Dies ist z. B. in der Stillzeit der Fall mit jenen Phänomenen, die mit Lust und verströmender Liebe einhergehen, wie dem - seltenen - Phänomen des oralen Orgasmus des Säuglings, oder den Phasen tiefer Entspannung und Trance, die dem Stillprozess folgen.

Unterbricht die Mutter z. B. diese lustvolle Trance, indem sie z. B. in den Kopf geht, sich zu kontrollieren beginnt und körperlich anspannt, und geschieht dies in wiederholtem Umfang, so wird diese Zurückhaltung im Organismus der Mutter sich auf die Hingabefähigkeit des Babys auswirken. Man könnte es mit einem sich andauernd wiederholenden „Coitus interruptus“ vergleichen, der am Ende die Fähigkeit des Sich-Fallenlassens entscheidend einschränkt und die chronisch alarmierte Selbstkontrolle forciert.

Der sich hingebende, energetisch in Liebe verströmende Organismus des Babys begegnet dem Resonanzkörper der Persönlichkeit seiner Mutter auf die eine oder andere Weise. Diese Begegnung zeigt sich geprägt durch die gehirndominierten Vorstellungen und Erwartungen der jeweils herrschenden Kultur. Es ist bekannt, dass bei Naturvölkern die mütterlichen Instinkte weiter entwickelt sind als in unserer eigenen Kultur. Der Urgegensatz von Natur und Kultur prallt aufeinander, prägt und programmiert die Körperseele des Menschenkindes.

Manches spricht dafür, dass die Ursache der Fallangst eine reale defizitäre Erfahrung darstellt, nämlich die eines unzureichenden oder unsicheren Gehaltenwerdens. Das Baby in seinem Sein und seinem biologischen natürlichen Wesen erfährt häufig nicht den Halt, die Sicherheit und Geborgenheit, die seiner Natur entsprechen.

Das kulturelle Bild dessen, was ein Baby ist bzw. sein sollte, geprägt von Experten, Ratgebern und Schwiegermüttern, verhindert häufig, dass sich Mütter an ihren Instinkten und instinktiven Impulsen orientieren. Stattdessen neigen sie dazu, den Erwartungen und Bildern zu folgen, die nichts oder nur wenig mit der Natur des Kindes zu tun haben. Die sich daraus ergebenden Irritationen im Kontakt vertiefen diese Kluft zwischen der Natur des Kindes und der gehirndominierten Wahrnehmung der Erwachsenen, bis hin zu den typischen Bindungsstörungen und deren Folgen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 17. Juli 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (100): Eins mit dem Sein und bioenergetische Wahrheit



Wenn allerdings solche Verschmelzungserfahrungen, die hingebungsvolle Verbindung mit der Körperseele eines anderen Menschen, in diesem Fall mit der Mutter, immer wieder abrupt unterbrochen werden, dann speichert sich dies als Zellerinnerung in der Körperseele des Babys ab und schränkt die ursprüngliche Hingabefähigkeit mehr und mehr ein. Die Körperseele des Babys fühlt sich in seiner Hingabe unzureichend gehalten, mehr und mehr haltlos.
Genau diese Erfahrung ist es, was dann die Fallangst auslöst: das Defizit an Halt, an Sicherheit, an Geborgenheit. An die Stelle der körperlich-seelischen, also ganzheitlichen Hingabe, tritt Fallangst, die energetische Urangst, die in den Zellen verankerte Alarmierung, welche sich mit dem Gefühl des Hingabeimpulses verbindet.
Wenn in dieser frühen Prägungsphase des Menschenkindes, in der Strukturlosigkeit, Weichheit und damit verbunden die noch vollständig ausgeprägte Hingabefähigkeit vorherrschen, diese Natur keine Resonanz und keinen angemessenen Halt findet, beginnt die Körperseele den Halt in sich selbst zu bilden, energetisch, physiologisch, seelisch. Die bio-emotionale Panzerung des Systems Mensch ist geboren.
Lassen Sie uns ein wenig näher betrachten, was genau hier passiert.
Ein Baby befindet sich in seinen ersten Lebensmonaten in einem Zustand des „No-Mind“, gehirnphysiologisch dominieren die Alpha-Wellen und der Parasympathikus. Dies alles deutet auf einen Zustand hingegebener, tiefer, sich verströmender Entspannung. Die energetische Wahrheit des Herzens und des Gefühlslebens dominieren noch weitgehend über die Programmatik des Gehirns und des Ego-Verstandes. Letztere sind in dieser Entwicklungsphase noch nicht entwickelt, deswegen sind alle Botschaften von Eltern, die aus ihrem eigene Ego-Verstand entstammen, völlig kontaktlos und Lichtjahre von der seelischen Realität eines Babys entfernt.
Wie die Babys im Alpha-Zustand sind, so sind die Erwachsenen typischerweise im Beta-Zustand. Beta-Wellen sind die Gehirnwellenmuster des reflektierenden, sich in seinen Gedankenströmen ordnenden Mind, des kontrollierenden Verstandes und des zwanghaften Denkens. Dies ist ein Zustand, der dem Baby von seiner Natur her fremd ist. Ein Baby ist völlig eins mit seinem Sein und seiner bio-energetischen Wahrheit. Das Herz als Quelle jeder liebenden Verbindung und Bindung strebt nach der liebevollen Verschmelzung mit der Lebensumwelt, welche in dieser Lebensphase die Mutter repräsentiert.
Beide Polaritäten, das nach Verbindung strebende, liebende Herz und der nach Kontrolle, Ordnung und der Macht der Vorstellung strebende Ego-Verstand treten allerdings in unserer gehirndominierten Kultur in Konflikt. Dies ist der eigentliche Urkonflikt, die Quelle von Fallangst, Lebensangst und Selbstentfremdung.
(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 13. Juli 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (99): Energetischer Rückzug und das Energiefeld des Körpers

Wir verstehen nun, dass „Banana“-Haltung bzw. „hysterischer Bogen“ eine umfassende Abwehr gegen eine lustvolle Hingabe darstellen, eine Alarmierung des Körpers in absoluter Zurückhaltung, Verkrampfung und Rückzug von der Welt.

Diese richten sich nicht nur gegen die Hingabe und das Loslassen des eigenen Körper und der eigenen Seele, sondern auch gegenüber jedwedem Kontakt zur Außenwelt und zu anderen Menschen. Es ist ein regressiver energetischer Rückzug vom Kontakt mit der Außenwelt in einem totalen Erstarrungskrampf.

Das Schreibaby ist in diesem Zustand vollständig aus dem Kontakt mit der Mutter und seiner Umwelt getreten, von der „großen Hysterie“ dürfte ähnliches zu vermuten sein. Allein die Tatsache, dass diese Hysterikerinnen von Charcot einem ärztlichen Publikum vorgeführt werden konnten, ohne dabei irgendwelche sozialen Reaktionsmuster wie z. B. Scham zu zeigen, spricht für eine weitgehende Isolation von der äußeren Welt.

Wie kommt es nun zu derartigen Reaktionsmustern und wieso betrachten wir sie in Zusammenhang mit dem Phänomen der Fallangst?

Zur Fallangst selbst existieren nur wenige Hinweise in der Literatur. Reich, der diese als grundlegendes Symptom einer Störung des Lebendigen ansah, verstand die Fallangst als Urform der Orgasmusangst, der orgastischen Impotenz und von Angst überhaupt. Reichs rudimentäre Fallgeschichte „Armoring in a newborn infant“ gilt als Standardwerk in Reichs später Theoriebildung zur Angstentstehung im Säuglingsalter und schlägt eine theoretische Brücke zwischen Fallangst und Somatisierung beim Säugling. Für Reich bildet die Fallangst im Säuglingsalter die Urform und die Basis jeder neurotischen Angstbildung.

Um zu einem tieferen Verständnis dieses Phänomens zu kommen, ist es hilfreich, sich den Säugling energetisch zu vergegenwärtigen. Seine Körpergrenzen sind weich und fließend, seine energetische Präsenz von starker Anziehung. Bei allen Babys und Jungtieren ist das Phänomen zu beobachten, dass sich andere Menschen wie magnetisch zu ihnen hingezogen fühlen. Normalerweise wird dies mit dem sog. „Kindchenschema“ erklärt.

Wenn wir jedoch die Vorstellung eines den Körper umgebenden Energiefeldes, einer Aura oder energetischen Ausstrahlung zur Hilfe nehmen, können wir zu dem Schluss kommen, dass gesunde Babys und Jungtiere ein starkes, magnetisches Energiefeld besitzen, in dem sich die Lebendigkeit von Körper und Seele in einem einheitlichen Schwingungszustand sich befinden. Man könnte auch von einem Zustand eines energetischen Einsseins sprechen, in dem die Differenzierung zwischen einem abgegrenzten Körper-Ich und der unmittelbaren Lebensumwelt noch nicht existiert. Die Psychoanalyse beschrieb dies früher als „symbiotische Phase“, die Säuglingsforschung zieht den Terminus „Verschmelzungserfahrung“ in diesem Zusammenhang vor.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 10. Juli 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (98): Die Körpersprache der Fallangst


Mesmer-Skulptur in Meersburg am Bodensee

Wie fundamental „Fallangst“ als organismische Grunderfahrung von Angst ist, darüber gibt es noch wenig gesichertes Wissen. Auffällig ist, dass Fallangst bereits in der Säuglingsphase auftreten kann und entsprechende körpersprachliche Reaktionsmuster einer vollständigen Verkrampfung des Körpers zeitigt.

Es gibt ein einfaches Spiel, das Papas gerne mit Babys machen: Der Erwachsene hält das Baby unter den Ärmchen an der Brust fest, hebt es hoch und bewegt dann seine Arme schnell nach unten, so dass, ohne natürlich den Halt zu lockern, eine Art Fall-Sensation geschieht. Ein gesundes Baby ohne Fallangst wird diese Erfahrung als lustvoll erleben und juchzt entsprechend vor Freude. Ein Baby, das Fallangst hat, wird hingegen verkrampfen und mit Angst und Weinen reagieren.

Ein typisches Muster für Babys mit Fallangst ist die sog. „Banana-Haltung“, die typischerweise bei sog. Schreibabys auftritt. Hier verkrampft sich der gesamte Körper des Babys in einer bogenförmigen Anspannungshaltung, die an den sog. „hysterischen Bogen“ der „großen Hysterie“ Charcots erinnert.
 
 Was bedeutet diese Körperhaltung, was ist ihre Funktion?

Zunächst fällt auf, dass sie eine Anspannung alle wesentlicher Körpermuskeln darstellt, der Körper als solcher sich in vollständiger muskulärer Hypertonie befindet. Bei Schreibabys sind typischerweise die Händchen zu Fäusten geballt und die Ärmchen weisen nach  oben. Körpersprachlich könnte man diese Haltung als die der „vollständigen Zurückhaltung“ interpretieren.

Sie bildet den funktionalen Gegensatz zur Hingabehaltung. Wilhelm Reich sah in der Funktion der orgastischen Potenz und in der Ausdrucksbewegung des Orgasmusreflexes die organismische Entsprechung Hingabefähigkeit. Wir haben uns weiter oben mit diesen Zusammenhängen beschäftigt. Im Orgasmusreflex bildet sich demnach ein Bewegungsausdruck ab, in der sich in einer weichen hingebungsvollen Ausdrucksbewegung die Körperöffnungen von Mund und Genitalien wellenförmig aufeinander zubewegen.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 23. Juni 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (97): Halt und Haltlosigkeit


Wenn wir Halt sprechen, dann ist die Dualität von mütterlichem und väterlichem Halt gemeint. „Halt zu haben“, „Halt zu bekommen“, „sich gehalten zu fühlen“, all das sind Formulierungen eines grundlegenden menschlichen Bedürfnisses, für das es viele Synonyme gibt: Geborgenheit, Heimat, innerer und äußerer Frieden, Bindung, Sicherheit; und für das unsere Kultur eine Vielzahl von kompensatorischen Angeboten zur Verfügung hält, die darauf hindeuten, wie fundamental Mangelerfahrungen auf diesem Gebiet sind.

Die milliardenschwere Versicherungsbranche stellt hier nur ein frappantes Beispiel dar, indem sie der massenhaften Sehnsucht nach Halt und Sicherheit ein erfolgreiches Geschäftsmodell darreicht. Als ob es irgendeine berechenbare Sicherheit im Leben geben kann! Wie lautet noch ein so treffender Satz: „Das einzig sichere  im Leben ist der Tod!“

Das Gegenteil von „Halt“ stellt „Haltlosigkeit“ dar. Ein haltloser Mensch wirkt verloren, hat als soziales Wesen seine Lebensgrundlage verloren. Er bewegt sich in existentiellen und seelischen Räumen, die zwischen Leben und Tod angesiedelt sind. Ein haltloser Mensch weist auf eine tiefgehende Bindungsstörung und Asozialität.

Es ist niemand und nichts in seinem Leben, was ihn hält, es gibt keine Hand, keinen Arm, kein Lächeln, keine Geste, die ihn hält, die ihn im und für das Leben (er)hält. Der haltlose Mensch kann in jedem Augenblick fallen, stürzen, abstürzen, verschwinden. Oder aus seiner Haltlosigkeit heraus sein eigenes oder das Leben anderer Menschen zerstören.

Innerseelisch fehlt ihm jede Sicherheit, Stetigkeit und Bindung innerhalb seiner Selbstbeziehung. Jede Form von Bindung nach außen oder nach innen erweist sich als brüchig, unstet, gespalten, bodenlos – wir können von einer Art „intrapsychische Fallangst“ sprechen. Wer nicht gehalten wird, fällt. Wer niemanden wahrnimmt, der ihn hält, bewegt sich versteift und voller Angst, voller Angst vor dem Fallen.

Es ist die chronische Angst vor dem Fallen ins Nichts, die sich in Körper und Seele ausdrückt. In einem Körper, in der die Fall- und Todesangst chronisch eingefroren ist, in einer Seele, die sich verzweifelt an alles klammert, was Sicherheit und Halt verspricht, sei es in noch so martialischer und irrationaler Weise.

Da die eingefrorene Todesangst jede Art Seelenleben überlagert und erstickt, ist das Urteilsvermögen des haltlosen Menschen gefährlich eingeschränkt, er funktioniert wie eine gefühllose Maschine. Wenn es so etwas wie eine faschistoide Persönlichkeit gibt, dann findet sich in diesem Muster der Haltlosigkeit sein markanter Sozialcharakter.

(Fortsetzung folgt)