Freitag, 2. Dezember 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (135): Entregungsprozesse im therapeutischen Setting

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Das Entregungsphänomen weist einen Weg in das innere Universum der Körperseele. Es ähnelt in mancherlei Hinsicht der Meditation, allerdings mit dem Unterscheidungsmerkmal, dass die durchgängige geistige Zentrierung, die bei der Meditation eine zentrale Rolle spielt, bei Entregungsprozessen keine Bedeutung hat.

Dennoch gibt es, wie wir sehen werden, Übereinstimmungen, vor allem auf der Ebene dessen, was äußerlich sichtbar wird. In dieser Hinsicht könnte man also durchaus bei den Entregungsprozessen  als »Meditieren in Kontakt« oder »Meditation zu zweit« sprechen.

Das, was wir bis zu diesem Punkt als Anwendungpraxis von Körpertherapie beschrieben haben, bewegt sich noch »irgendwie« in dem traditionellen Modell  der Interaktionen von Therapeut und Klient. Der Therapeut bietet eine bestimmte Herangehensweise an, die den Klienten in seiner Entwicklung fördert. Das Setting, das daraus resultiert, reflektiert nicht nur definierte soziale Rollen, nicht nur eine subtile Machtstruktur. Auch die Prämisse einer definierten Ordnung des Bewusstseins und der Bewusstheit ist hier enthalten.

Diese Prämisse trägt nämlich in sich, dass der Therapeut derjenige ist, der die bewusste Führung und Kontrolle über alle Vorgänge im Rahmen des therapeutischen Settings besitzt. Der Klient hingegen darf im Rahmen dieses Arbeitsbündnisses, natürlich innerhalb bestimmter, bisweilen weit gefasster Grenzen; regredieren, agieren, übertragen, was das Zeug hält. Denn der Therapeut bleibt stets derjenige, der das Steuerrad des Fahrzeugs in den Händen hält.

Ein Regredieren oder Agieren des Therapeuten wäre kontraindiziert und arg unprofessionell, oder?

Das heißt aber auch, dass es hier um die Kontrolle dessen geht, was in einer Sitzung geschieht. Der unausgesprochene Konsens besteht also darin, dass der Therapeut nicht nur die professionelle Verantwortung, sondern auch die kognitive Kontrolle darüber besitzen sollte, was vor sich geht.

Was muss da eigentlich durch den Therapeuten kontrolliert werden? Wie stellt er das an?  Kontrolliert er den Klienten, sich selbst, oder beide?

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 30. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (134): Dialogischer Halt, das Tor zur Tiefenentspannung

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Dieser gemeinsame absichtslose Rhythmus, der Tanz des Lebens, dieser pulsatorische Kontakt in der Berührung bewirkt zwei erstaunliche Effekte:
  • Einerseits wird die Starre der Muskulatur verändert durch die Verlebendigung und erhöhte Pulsationsfähigkeit.
  • Andererseits öffnet sich eine Tür zur Erfahrungsebene von Trance und Tiefenentspannung. Die dialogische Berührung wirkt als Tranceinduktion.
Die Wirkkräfte des dialogischen Halts erschließen neue Perspektiven für die therapeutische Arbeit, lassen Trancezustände in diesen Bereichen in anderem Licht erscheinen. Was vorher als Widerstand, Abwehr oder Kontaktvermeidung interpretiert wurde, stellt sich jetzt als ein Weg in prä- und perinatale Erfahrungswelten dar. Ein Weg, der transformatorische Prozesse und Veränderungen auszulösen in der Lage ist.

Im dialogischen Halt wirken die Selbstheilungskräfte offenbar nicht nur auf der muskulären Ebene, auf der Rigiditäten sich spontan lösen. Es deutet vieles darauf hin, dass in dem Entregungsprozess, der durch den dialogischen Halt ausgelöst wird, sich die energetische Struktur neu formiert.

Dies hat nicht nur Auswirkungen auf Körperbewusstsein des Klienten, sondern auch auf sein Seelenleben.

Ein Loslassen auf der energetischen Ebene erscheint daher funktionell identisch mit der Fähigkeit, im Leben loszulassen, mehr »Gelassenheit« in jene Bereiche zu bringen, in denen sich die physische Erstarrung in der Versteifung des Seelenlebens und der Persönlichkeit spiegelt.

Die Trancezustände, die im Kontext des dialogischen Halts spontan auftreten, sind Hinweise auf die Tiefe der Entregung/Entspannung. Wir können davon ausgehen, dass parallel zu den parasympathischen Reaktionsmustern des Vegetativums auch die Gehirntätigkeit von den Beta- zu den Alphawellen wechseln. Das bedeutet, dass es sich bei derartigen Trancezuständen um ganzheitliche Erfahrungen im Wortsinne handelt, die wir nun genauer betrachten wollen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 27. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (133): Die Zwiesprache der Berührung

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Wie wir gesehen haben, findet sich in der dialogischen Berührung die Grundhaltung der Absichtlosigkeit, des rezeptiven Kontakts und der Herzcode-Verbindung. Spräche diese Berührung, so würde sie sagen: »Ich bin da, einfach da, mit dir, was auch immer geschieht. Ich halte dich mit liebevollen Händen, ich bin offen für deine Wahrheit.« In diesen Worten dürfte unschwer erkennbar sein, dass hier die uterale Matrix angesprochen ist, sowie die Grundzüge des mütterlichen und väterlichen Halts, die wir bereits an anderer Stelle erörtert haben.

Die berührenden Hände reagieren auf die subtilen Pulsationen in der Muskulatur des Berührten, und zwar in dem (Atem-)Rhythmus, der ihnen zueigen ist:
  • Der Kontakt folgt – weiterhin haltend – der pulsatorischen Bewegung dieser „Muskelatmung“, geht mit, verharrt jedoch an der »Kontaktgrenze« (damit bezeichnen wir jene Muskelschicht, in der die muskuläre Rigidität am deutlichsten wahrnehmbar ist).
  • Die Pulsation vertieft sich, die Berührung der Hände folgt ihren Endpunkten bis an die Grenze, geht aber nicht über sie hinaus.
  • So entsteht ein Zwiegespräch, ein »Tanz«, eine Begegnung zwischen der Pulsation der Muskeln und der Berührung der Hände. Wechselseitige, spielerische Dialoge zwischen Muskulatur und den berührenden Händen entwickeln sich.
Nun mag der aufmerksame Leser sich fragen, ob nicht hier die Haltung der Absichtslosigkeit verloren geht, denn diese Zwiesprache in der Berührung klingt durchaus nach etwas Intentionalem. Lassen Sie uns diesen Einwand kurz näher betrachten.

Wir hatten festgestellt, dass eine Intention, eine Absicht bei einer Intervention in der Regel der Gedankenwelt und seiner Konstrukte entstammt. Die Zwiesprache zwischen der Muskelatmung und den berührenden Händen des Körpertherapeuten besitzt jedoch eine Kontaktqualität des offenen Endes, der Ziellosigkeit, der Wahrnehmung, sowie der Neugier und Offenheit des Herzens.

Führen wir uns die Lebensfreude eines Krabbelkindes vor Augen, das seine Umgebung erforscht, dabei die Dinge »begreift«, in den Mund steckt, sich spielerisch aneignet. Dem Ego-Verstand erscheint ein solches Handeln wenig »zielführend«, um ein beliebtes Modewort hier anzuführen.

Die Berührung des seinsorientierten Körpertherapeuten ist eben nicht »zielführend«, sondern ein offenes Geschehen im Hier und Jetzt. Es ähnelt der Art und Weise, wie ein Kind sich die Lebensumwelt aneignet, wenn es denn gelassen wird. Wenn es den liebevollen Halt und den Rückhalt spürt, frei seinen Impulsen zur Kontaktaufnahme mit der Lebensumwelt zu folgen.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 25. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (132): Absichtlosigkeit in der Berührung

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Eine weitere Eigenschaft der dialogischen Berührung möchte ich hervorheben: die Grundhaltung der Absichtslosigkeit.

Absichtslos zu berühren beschreibt jene Berührungsqualität, die aus der Intuition, der organismischen Wahrheit, dem Herzen entspringt und nicht aus den Modellen, Konzepten und Konstruktionen der Gedankenwelt. Es ist nämlich stets der Verstand, der dazu neigt, Absichten, Bedeutungen, Konzepte in Handlungen einfließen zu lassen. Diese Intentionalität stellt jedoch das genau Gegenteil dessen dar, was in einer dialogischen Berührung den Raum dafür schafft, dass sich organismische Informationen frei bewegen, in Kontakt treten und austauschen können.

Wenn ich mit einer Absicht, einer Intention handele, so mag das zwar die Vorstellung unterstützen, ein definiertes Ziel »effizient« realisieren zu können. Intentionales Handeln eignet sich hervorragend für alle Arten von Tätigkeiten, die einer berechenbaren Logik entsprechen. Mit intentionalem Handeln kann man Software programmieren oder auch bedienen, Maschinen als Verlängerung der analytischen Logik des Gehirns in Gang setzen, usw. Die Welt, in der wir hier leben, ist unfassbar hoch entwickelt auf diesen Gebieten.

Wenn es allerdings um all die feinstofflichen energetischen Prozesse in der Körperseele des Menschen geht, wenn es um Beziehung und Bindung, um Gefühlsleben und Liebe, um Intimität geht, dann bilden die gedanklichen Konstrukte des Ego-Verstands eine verhängnisvolle Barriere.

Denn sie stellen eine narzisstische Abwehr dar. In diesem entscheidenden Moment von Begegnung tritt ein Mensch mit sich selbst  und seinen Gedanken und Konzepten in Kontakt, bewegt sich im eigenen kognitiven Universum, aber nicht mit dem des Anderen. Er ist identifiziert mit seinem Denken, aber nicht mit all den Empfindungen, Gefühlen und anderen intuitiven und instinktiven Ressourcen, die in jedem  Augenblick reichlich vorhanden sind. Ist ein Mensch nicht viel, viel mehr als die Gedanken, die er denkt?

Dazu tritt ein Phänomen, das in der Körpertherapie eine besondere Bedeutung besitzt: Der Zugang zu den organismisch-energetischen Informationen eines anderen Menschen liegt allein auf der organismisch-energetischen Ebene. Dieser Zugang bedarf einer rezeptiven Einstellung, nicht einer intentionalen. Nur mit einer energetischen Empfänglichkeit lassen sich authentische Inhalte wahrnehmen.

Gedankliche Konstrukte hingegen neigen dazu, wie ein Filter zu wirken. Es kommt nur das an, was dem jeweiligen Konstrukt entspricht. Die vielfältigen organismischen Informationen aus seinem eigenen Energiesystem und dem des anderen Menschen bleiben auf diese Weise unzugänglich, verschlossen, liegen brach.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 23. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (131): Entspannung in der dialogischen Berührung

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 Betrachen wir also zunächst, was während der körpertherapeutischen Arbeit in der  Einstimmungsphase geschieht.

Halten wir z. B. über einen längeren Zeitraum (ca. 15–30 Minuten lang) die verhärtete, starre Nackenmuskulatur eines Klienten, so lassen sich in der Einstimmungsphase folgende Phänomene beobachten:

  • Die Muskelpartie fühlt sich in der Regel zunächst kühl, starr, unbeweglich und leblos an.
  • Die Temperatur an der Oberfläche erwärmt sich während der Berührung, die ungefähr 10-15 Minuten an der gleichen Stelle ansetzt und beibehalten wird.
  • Die Muskelspannung beginnt allmählich in der oberflächlichen Schicht nachzugeben. Es entsteht der Eindruck, als ob die Rigidität der Muskulatur zu "schmilzen" beginnt.
  • Es ereignet sich eine sog. "Lumination", die energetische Erstrahlung dort, wo die Berührung erfolgt. Wahrnehmbar wird dies durch eine plötzliche Erwärmung der Haut und eine deutliche Intensivierung der Pulsation an der berührten Stelle.
  • Die Starre und die Unbeweglichkeit der Muskulatur verändern sich prinzipiell in Richtung Pulsation (die Muskeln scheinen in einem eigenen Rhythmus zu atmen, sich sehr subtil zu bewegen).
Sobald Lumination und Pulsation in den Händen des Körpertherapeuten spürbar werden, entsteht ein energetischer »Dialog«, die Dialogphase beginnt.

In dieser Zwiegesprächsphase tritt eine subtile Veränderung der Berührungsqualität ein. Diese ist zwar immer noch gekennzeichnet durch die haltende Präsenz, jedoch tritt ein neues Element hinzu: Das dialogische Prinzip, das pulsatorische Gespräch zwischen den berührenden Händen und den berührten Stellen des Körpers. Es handelt sich um eine direkte Form des physischen Kontakts zwischen den berührenden Händen und den berührten Haut-Muskel-Partien.

Die innere Haltung des seinsorientierten Körpertherapeuten dabei lässt sich charakterisieren als präsent, rezeptiv, liebevoll zugewandt und dialogisch. Diese Dialogphase ließe sich auch als eine Art Tanz des Lebendigen beschreiben, ein Tanz, der spontan, authentisch und völlig autonom, entwickelt über die Jahrtausende der Phylogenese, erfahrbar wird.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 20. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (130): Die stille Zwiesprache in der Berührung

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Die seinsorientierte Körpertherapie nimmt eine grundlegend andere Haltung ein als diejenige eines "Aufbrechens" des Panzers.. Die Haltung, mit und in der die seinsorientierte Körpertherapie dem Körperpanzer begegnet, basiert auf dem Modell der muskulären Panzerung als Selbsthalt und auf der Dualität von Halt und energetischer Information.

Der körperliche Halt, den die seinsorientierte Körpertherapie in der Berührung vermittelt, ist gekennzeichnet durch einfaches Nur-Da-Sein, durch einfache Präsenz (dies im Gegensatz zu Aktivitätszwang, Machen, Intervenieren): Die berührenden Hände des Körpertherapeuten sind präsent in ihrem Sein. Sie sind präsent jenseits diagnostischer Prämissen, sie attackieren keinen Panzer, sie invadieren keine Panzerungssegmente, sie manipulieren keine Abwehr. Sie sind einfach da, und sie sind im Kontakt. Sie begleiten das, was ist, ohne die Intention, etwas im Körper manipulieren zu wollen. Sie sind da, sind da aus sich heraus, in offener, herz- und zellcode-dialogischer, überhaupt dialogischer Art und Weise.

In der Berührung zeigt sich die seinsorientierte »vollständige Zuwendung«, Kontakt und Präsenz, in dem sich die Herzcode-Informationen der Beteiligten begegnen und austauschen, werden erfahrbar. Berührung ermöglicht Dialog auf subtiler Ebene, stille Zwiesprache zwischen berührendem und antwortendem Organismus, zwischen dem, der spricht und dem, der lauscht.

Die überraschende Erfahrung, die in Verbindung mit dieser Art Berührung ermöglicht wird, besteht darin, dass eine rigide Muskelpartie sich nach einiger Zeit wundersam verändert. Dies gilt für alle Bereiche des Körpers. Dabei unterscheide ich zwei Phasen, die Einstimmungsphase und die Dialogphase, die funktionell identisch ist mit der Desorganisierungs- und Reorgansierungsphase. Sie bilden in der Praxis einen fließenden Übergang. Zum besseren Verständnis will  ich im folgenden detaillierter beschreiben, was genau in diesem Halte-Dialog geschieht.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 16. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (129): Traditionelle Körpertherapie mit chronischen Muskelspannungen

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Die traditionelle, auf Wilhelm Reich zurückgehende körpertherapeutische Herangehensweise bei der Arbeit mit chronischen Muskelspannungen richtet sich auf eine Verstärkung dieser Spannungen. Mithilfe einer vertieften Atmung wird das organismische Ladungsniveau und die körperliche Spannung so weit erhöht, so dass durch gezielten Druck auf die hypertonischen Muskelansätze sich die Rigiditäten spontan lösen. Es kommt zu einer bio-energetischen „Entladung“.

Als Resultat dieser Entladung verändert sich der Muskeltonus spürbar in Richtung Entspannung, gewinnt an Pulsationsfähigkeit, die u. a. in Zittern, Strömungsempfindungen und klonischen Zuckungen sichtbar wird.

Reich fasste diese Phänomene in seiner »Spannungs-Ladungs-Formel« zusammen: Mechanische Spannung – energetische Ladung –  energetische Entladung – mechanische Entspannung.

Bei dieser klassischen vegetotherapeutischen Herangehensweisen in der Tradition von Wilhelm Reich ergeben sich folgende strukturelle Probleme: Der gezielte Druck auf den Muskelansatz kann, reziprok zur Intensivität dieser Intervention, den muskulären Widerstand verlagern, auf eine tiefere Ebene verschieben oder an anderer Stelle wieder aufbauen. Das bedeutet, dass derartige Interventionen einer wiederholten, manchmal jahrelangen Anwendung bedürfen, um diesen Tendenzen entgegenzuarbeiten.

Zudem gewinnt und verstärkt der gesamte Vorgang, deutlich auch in seiner punktuell martialischen Terminologie (»Durchbruch«, »Panzer« etc.), seine therapeutenzentrierten und invasiven Eigenschaften, die bereits in der schulmedizinischen Tradition und dem darauf basierenden Setting begründet sind.

Desorganisierung und Reorganisierung des organismischen Haltesystems (der „Panzerung“) geschieht im Geiste einer Interventionsstrategie, die am Machen, am Arbeiten, an technischen Herangehensweisen angelehnt ist. Der Körpertherapeut in der Traditionslienie von Wilhelm Reich »entpanzert« die Körper. Er »macht« Panzer weg. Er ist Macher. Verfügt über die Macht, welche die Macht des Machers ist, Macht über Körper und Seele des Klienten auszuüben. Dass sich hieraus eine ganze Reihe von übertragungsspezifischen Problemen ableitet, dürfte naheliegen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 13. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (128): Selbsthalt, Schmerz und Lust


Diese frühen Erfahrungen von Haltlosigkeit können wir uns als durchaus schmerzhafte Erlebnisse vorstellen. Der biologische Impuls des Säuglings, sich lustvoll und in Liebe mit dem Energiesystem der Mutter zu verbinden, mit dem er 9 Monate lang verbunden war, wird gehemmt und frustriert. Wiederholt sich diese Erfahrung wieder und wieder, entstehen Reaktionsmuster, welche die Basis der Neurosenbildung darstellen.

Wir bewegen uns hier an der Schnittstelle von Natur und Kultur. Das natürliche, instinktiv-biologische Programm, das in Säuglingen angelegt ist, haben wir charakterisiert als Bedürfnis nach Halt und Hingabe. Dort, wo dies nicht oder nur unzureichend beantwortet wird, beginnt die kulturelle Prägung, die Veränderung der Natur zur Kultur.

Um mangelnde Halt- und Hingabeerfahrungen zu kompensieren, bleibt dem Säugling nichts anderes, als sich an die gegebenen Realitäten anzupassen. Dieser Anpassungsprozess geht einher mit der fortschreitenden Verleugnung seiner natürlichen, instinktiven und bio-emotionalen Bedürfnisse. Auf diese Weise versucht der Säugling, sich selbst den Halt selbst zu geben, der in seiner Lebensumwelt nicht oder nur beschränkt zur Verfügung steht.

Dieser Selbsthalt, dessen Funktion es ist, das Innere und seine wahre Natur zu schützen, erfüllt gleichzeitig schmerzvermeidende und lustverhindernde Funktionen. Denn Schmerz und Lust werden durch diesen (Selbst-)Halt, die "Panzerung" gleichermaßen blockiert. Möglicher weise enthält dieser Prozess des „Selbst-Halts“ wesentliche Elemente dessen, was wir auf der psychischen Ebene als Ich- Entwicklung bezeichnen würden.

Die weiche, sich hingebene, lustvoll schmelzende Natur des Säuglings wird so allmählich umgeben von einer harten Schale körperlicher und seelischer Abwehr- und Kontaktvermeidungsmuster. Eine Berührung, ein Kontakt kann schmerzhaft sein, wenn die ungestillte Sehnsucht nach Liebe unmittelbar mit dem Angst und Schmerz verbunden erlebt wird. Um diesen Schmerz zu vermeiden, muss auch die Sehnsucht nach Liebe vermieden werden.

Diese Prägungen entwickelt sich bis zu dem Punkt, wo die weichen und hingebungsvollen bio-energetischen Qualitäten, mit denen der Mensch in seiner frühkindlichen Natur ausgestattet ist, nur noch als ferne schemenhafte Gestalten oder überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden können.

Dies wird deutlich in der Umkehrung dieses Prozesses innerhalb der seinsorientierte Körpertherapie. Entsteht ein erster Kontakt zur inneren bio-emotionalen Wahrheit, so werden gleichzeitig Sehnsucht nach Liebe und dieser Urschmerz des Herzens spürbar, beide untrennbar miteinander verbunden, wie zwei Seiten einer Medaille.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 10. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (127): Desorganisierung und Reorganisierung der Körperseele

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Die seinsorientierte Körpertherapie interpretiert Blockaden, Rigidisierungen, Versteifungen des Körpers und der Seele als Funktionen des Selbst-Halts.

Die Rigiditäten und die energetische Erstarrung des Körpers auf der muskulären Ebene fasste bekanntlich der Begründer der ganzheitlichen Körpertherapie, Wilhelm Reich, unter dem Begriff des »Körperpanzers« zusammen.

Rigiditäten im Bereich des Seelischen und des Verhaltens bezeichnete Reich als »Charakterpanzer«. Beide Aspekte lassen sich als Erscheinungsebenen des gleichen energetischen Funktionsprinzips interpretieren, wobei Reichs grundlegender Fokus der Blockierung der lustvollen Erregungsströme im Organismus, der Blockierung von Lust schlechthin galt.

Wenn beispielsweise beim Säugling die lustvollen konvulsivischen Erregungsströme des oralen Orgasmus gehemmt werden, dann geschieht dies u. a. durch Anspannungen in der Masseter- und Mundboden-Muskulatur sowie weiterer muskulärer Funktionsbereiche des Körpers.

Durch welche Umstände wird nun ein derartiges Phänomen ausgelöst?

Die seinsorientierte Körpertherapie vertritt die These, dass, um bei diesem Beispiel zu bleiben, die Mutter im Stillkontakt nicht in der Lage ist, der lustvollen Erregung des Säuglings den notwendigen Halt zu geben, z. B. indem sie sich auf den Säugling in entspannter, liebevoller Präsenz einstimmt und sich der Situation hingibt.

Eine sichere Halterfahrung, in der sich ein Säugling geborgen und liebevoll angenommen fühlt, repräsentiert eine ganzheitliche Erfahrung, einen vollständigen Kontakt auf der körperlichen und seelischen Ebene. Ich verweise auf meine Ausführungen zum Kontaktprozess mit den Elementen Zuwendung, Einstimmung und Gefühlsanklang in den vorangegangenen Abschnitten.

Stress, Leistungs- und Erwartungsdruck sowie zwanghaftes Interpretieren stellen auf Seiten der Mutter häufige Ursachen einer Kontaktstörung zwischen Mutter und Kind in vielen Situationen dar.

Der Säugling erlebt auf diese Weise prägende Erfahrungen bio-emotionaler Haltlosigkeit.


(Fortsetzung folgt)

Montag, 7. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (126): Liebesfähigkeit aus der Tiefe des Herzens

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Falls es um die heilende Erfahrung von Liebe geht und diese Fragen bejaht werden, dann blieben diese tiefsten Liebes- und gleichzeitig Transformationsimpulse nicht nur ungesehen, sondern auch unbeantwortet in einer nur technisch ausgerichteten verbalen Psychotherapie.

Wenn der authentische und aus dem Herzcode stammende Impuls, sich liebend zu verbinden, keine Resonanz findet, dann reinszeniert sich lediglich das neurosenbildende Beziehungssystem der Ursprungsfamilie in einer technisch-brillanten, aber empathielosen Psychotherapie.

Liebesfähigkeit aus der Tiefe des Herzens, von der ich hier spreche, meint nicht jene Liebe auf der Spiegelungsebene im narzisstischen Sinne von »oh wie schön, dass du den gleichen Geschmack und die gleichen Werte mit mir teilst, dass macht dich ja so liebenswert«. Liebesfähigkeit aus der Tiefe des Herzens meint jene selbstlose authentische und uneingeschränkte Verbundenheit in Liebe mit der Natur der Seele und der Seele der Natur, in der das Selbst und nicht das Ego Antrieb des Geschehens sind.

Dieser verborgene Schatz der Übertragung bleibt unbemerkt, solange das Modell des Artifiziellen und des Ego-Verstands und nicht die authentische Reaktion des Herzens auch die sprachlich-orientierten Psychotherapien bestimmt. Es ist zu befürchten, dass der Transformationsprozess des Klienten so lang an der Oberfläche verharrt, wie die tiefste Wahrheit seines Herzens ohne Antwort bleibt.

Die Dekonstruktion des Ego-Verstandes und die Rekonstruktion der Liebesfähigkeit bilden so die essentielle Funktionen von Berührung und die heilige Aufgabe einer spirituellen und persönlichen Transformation.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 5. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (125): Die verborgenen Schätze der Übertragung

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Ein zentraler Begriff der Psychotherapien in der Tradition der Psychoanalyse ist »Übertragung«. Via Wilhelm Reich ist dieser auch, zumindest theoretisch und wissenschaftshistorisch, Teil der zeitgenössischen Körperpsychotherapie, die ihre historischen Wurzeln ja in der Psychoanalyse verortet.

Der Begriff der Übertragung fasst das Beziehungsgeschehen zwischen Therapeut und Klient zusammen und bildet gleichzeitig ein grundlegendes Werkzeug für den Veränderungsprozess des Patienten. Das Übertragungstheorem besagt, dass bestimmte Gefühle, Einstellungen und Erwartungen, also bio-emotionale Informationen zwischen Therapeut und Patient ausgelöst und wirksam werden, die aus der Ebene des vor- oder unbewussten Gefühlslebens zum Vorschein kommen. Der Begriff der positiven Übertragung fasst hierbei alle jene Gefühlsregungen zusammen, die idealisierende Impulse bis hin zu Verliebtheitsgefühlen repräsentieren. Beim Begriff der negativen Übertragung finden sich Gefühlsinhalte gegensätzlicher Natur, also Misstrauen, Abwertung bis hin zur Feindseligkeit.

Bemerkenswert in unserem Zusammenhang dürfte sein, dass diesem Gefühlsgeschehen, das unter dem Begriff der Übertragung zusammengefasst wird, auch eine gewisse Künstlichkeit zugeordnet wird. Übertragungen sind in diesem Verständnis gleichzeitig real und artifiziell, da sie in einem symbolischen Raum entstehen und wirken.

Nur mit diesem Kunstgriff des Artifiziellen kann sich der Psychoanalytiker offenbar die Liebesimpulse oder anderen Gefühle seiner Patienten vom Hals halten und gleichzeitig die Abstinenzregel aufrecht erhalten.

Was aber wäre, wenn die tiefste Ebene der positiven Übertragungen ein reales Bedürfnis nach Liebe und Geliebt-Werden repräsentiert und eben keine artifizielle Reinszenierung darstellt? Oder wenn das, was in den positiven Übertragungen aufscheint, jene nicht-geschlossenen Kreise, jene unerledigten Geschäfte, jene offenen Fragen aus der Kindheit darstellen, die nach einer Antwort auf der Ebene der Liebe suchen?

Geht es in der tiefsten Tiefe unserer Seele um die heilende Erfahrung von Liebe oder um linguistische Deprogrammierungen auf der kognitiven Ebene? Geht es der Seele um spürbare Gesten der Liebe, in einem Blick, in einem Lächeln, in einem Nicken oder Kopfschütteln oder um brillante Deutungen und kluge Erklärungen unter dem Motto »wo Es war, soll Ich werden«?

(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 1. November 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (124): Das heilende Agens der Berührung

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Die Schlussfolgerungen für die Körperarbeit liegen auf der Hand und beantworten gleichzeitig die Frage nach dem heilenden Agens von Körpertherapien, die mit Berührung arbeiten: Es ist die liebende Berührung, jene Berührung, die aus der Präsenz des liebevollen Herzens geschieht, welche ein tiefes menschliches Bedürfnis beantwortet und jenen offenen Kreis zu schließen vermag, den viele Menschen seit frühester Kindheit in sich tragen.

Das, was durch diese Informationsübertragung auf der körperlich-seelischen Ebene in Gestalt der Berührung eintritt, gilt dies entsprechend nicht auch auf der Beziehungsebene zwischen Menschen, also in diesem Zusammenhang auch für alle psychotherapeutischen Methoden, die nicht mit dem Körper, sondern mit Worten arbeiten? Ist nicht jene Berührung, jene Berührtheit, die auf der seelischen Ebene stattfindet, das Pendent oderr idealerweise gar die Ergänzung zu einer liebevollen körperlichen Berührung?

Die entsprechende Hypothese würde lauten, dass das heilende Agens auch hier in der liebevollen Grundhaltung und Zuwendung des Psychotherapeuten und nicht in seinen dezidierten technischen Fertigkeiten zu orten wäre. Kurz gesagt, dass es die Beziehungsebene ist, die das Potential von heilender Erfahrung repräsentiert und nicht so sehr die technische oder analytische Brillanz eines Therapeuten.

Tatsächlich finden sich diese kontroversen Standorte immer wieder in der Geschichte der Psychotherapie. Denken wir beispielsweise an die Kontroverse zwischen Freud und Sandor Ferenczi, der es wagte, das Abstinenzgebot der Psychoanalyse durch offensive »mütterliche Berührungen« zu überwinden. Denken wir an Wilhelm Reich, der die körpertherapeutische Berührung zum Standard seiner »charakteranalytischen Vegetotherapie« erhob und den Körper damit zum Beziehungsobjekt seiner analytischen Praxis machte.

Denken wir an Carl Rogers als Begründer der »klientenzentrierten Gesprächstherapie« und an seine anderen Mitstreiter aus der humanistischen Psychologie, die sich um genau dieses Faktors der Empathie willen vom damaligen psychotherapeutischen Diskurs abgrenzten und eine 4. Psychologie begründeten. Denken wir an Heinz Kohut, der mit seiner auf Zuwendung basierenden Selbstpsychologie einen Kontrapunkt zur technisch-analytischen Brillanz eines Otto Kernberg bildete. Diese Reihe der Kontroversen zwischen empathie- und verstandesorientierter Psychotherapie ließe sich noch eine Weile fortsetzen.

(Fortsetzung folgt)